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Summary
Die Zusammenfassung behandelt die historische Perspektive auf Medialität im 17. bis 20. Jahrhundert und konzentriert sich besonders auf die Türkenbefreiungsfeier von 1933 in Wien und ihren Zusammenhang mit dem Austrofaschismus. Die Arbeit analysiert die politische Bedeutung des Ereignisses und die historische Entwicklung des Wiener Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.
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I. KONZEPT Verwendung eines historischen Ausgangspunktes um Medialität als modernes Erfahrungsfeld darzustellen: Türkenbefreiungsfreier am 14. Mai 1933 → Beleuchtung aus verschiedenen historischen Perspektiven (multiperspektivisch) soll anschauliches Netzwerk der...
I. KONZEPT Verwendung eines historischen Ausgangspunktes um Medialität als modernes Erfahrungsfeld darzustellen: Türkenbefreiungsfreier am 14. Mai 1933 → Beleuchtung aus verschiedenen historischen Perspektiven (multiperspektivisch) soll anschauliches Netzwerk der modernen Medien- und Kommunikationsgeschichte darstellen (mediale Infrastruktur Austrofaschismus, historische Zusammenhänge) Frage: Welche Möglichkeiten, Medienerfahrungen zu machen von 17. Bis 20. Jhdt.? Empirische Behandlung ausgehend von Massenkundgebung, die sich auf Befreiung Wiens von der „Türkenbelagerung“ im Jahr 1683 bezieht diente als Auftaktveranstaltung für Austrofaschismus GESCHICHTE DES WIENER IPKW 1942 Eröffnung des Instituts für Zeitungswissenschaft an der Universität Wien → unter der Leitung des überzeugten Nationalsozialisten Karl Kurth 1946–1958 war der ÖVP-Politiker Eduard Ludwig, der in der Zwischenkriegszeit den Bundespressedienst geleitet hatte, Institutsvorstand. 1969 wurde Kurt Paupié (Autor des Handbuchs der österreichischen Pressegeschichte), der ebenfalls NSDAP-Mitglied gewesen war, zum Institutsleiter berufen. 1981–1984 leitete die profilierte Pressehistorikerin Marianne Lunzer das Institut, an dem sie seit den 1940er Jahren gelehrt und geforscht hatte. Im Anschluss an Marianne Lunzer etablierten v.a. Wolfgang Langenbucher, Wolfgang Duchkowitsch, Hannes Haas und Fritz Hausjell die Medien- und Kommunikations-geschichte als einen inhaltlichen Schwerpunkt des Wiener Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (seit 1986 erscheint die Fachzeitschrift Medien & Zeit). Feministische Medien- und Kommunikationsforschung u.a. von Johanna Dorer II. METHODIK Verfahren, die verwendet werden stellen Medien als vielgestaltige Akteure in soziokulturellen Beziehungsmustern dar 1. Historische Dispositivanalyse (Focault) 2. Akteur-Netzwerk-Theorie (Science and Technology Studies) 3. Medienarchäologie (Focault) HISTORISCHE DISPOSITIVANALYSE Michel Foucault (1926–1984) → Wurde bekannt und einflussreich als Diskursanalytiker, Historiker untersuchte Regelmäßigkeit von Aussagen in Textserien → Beschrieb, wie Modernen spezifisches Wissen vom Menschen herausbildet (Sprache, Arbeit, Gesundheit, Krankheit, Leben) → Geht um gebaute Institutionen (Krankenhaus, Uni) aber auch um Aussagen/Archiv, das in historischer Situation regelt, was gesagt werden kann (Archäologie des Wissens – beschäftigt sich mit methodischen Grundlagen) konkrete Anlage & abstrakte Strategie Originales Verfahren: Diskurse analysieren (dadurch wurde er Professor) entfernte sich mit der Zeit davon / Interesse danach: antike Philosophie (nicht mehr Diskursanalyse) Bücher aus 1970er sind stark von politischen Konflikten beeinflusst Buch „Überwachen und Strafen“ (frz. 1975) als Ausgangspunkt → Analyse/Diskussion von Jeremy Benthams Panoptikum als ideales Gefängnis → Le dispositif panoptique erscheint als französischer Begriff im Buch (eng.: panoptic mechanism, deut.: panoptische Anlage) → Geht um die Ordnung der Dinge & Machtbeziehungen, die sich in Architektur des Gebäudes ausdrücken → ist eine architektonische Anlage, um zu sehen, ohne selbst gesehen zu werden ─ Zellen sind ringförmig angeordnet & hell ausgeleuchtet Gefangenen konnten ständig beobachtet werden ─ Gefangenen wissen nicht, ob sich Wärter in Turmmitte befindet wegen Jalousien am Fenster des Kontrollraums 4 → Häftling ist "Objekt einer Information, niemals Subjekt in einer Kommunikation" → Diese hierarchische Beziehung besteht seit 1800 in Gefängnissen und breitet sich auch in moderner Gesellschaft aus (laut Buch) → Panoptisches Dispositiv ist nicht nur ideale Haftanstalt (Anlage) sondern zeigt die Strategie der Disziplinargesellschaften (Schule, Spital, Fabrik, Kaserne,…) Panoptikum als Organisationsprinzip Kritik von Bruno Latour: gegen Ende 20. Jhdt. Konzept nicht mehr zeitgemäß, da sich Institutionen der Moderne auflösen und digitale Medien freie Kommunikation ermöglichen AKTEUR-NETZWERK-THEORIE (ANT) Internet ist nicht mehr nur demokratische Plattform & Theorie des „Sehen-Gesehenwerdens“ laut Panoptikum nicht mehr zutreffend → Mediennutzer werden jedoch Informationsobjekte für politische und ökonomische Institutionen (durch ihre Kommunikation untereinander) Handlungen sind als Netzwerke menschlicher und nicht-menschlicher Akteure zu begreifen/visualisieren → Nähert sich Dispositiv an, das immer schon beides zugleich bedeutete: konkrete Anlage & abstrakte Strategie Akteur ≠ Medium, sondern Mediator, d.h. konkreter Handlungsträger nicht Panoptikum (Gesamtschau), sondern Oligoptiken (Einzelschauen), d.h. Multiperspektivität → Bsp. Paris ville invisible (1998/2004) MEDIENARCHÄOLOGIE Erkki Huhtamo, Jussi Parikka, Shannon Mattern, Lisa Gitelman, Nicole Starosielski, Lisa Parks, David Parisi Michel Foucault: Archäologie des Wissens (frz. 1969, dt. 1973) German Media Theory (Friedrich Kittler, Wolfgang Ernst,...): nicht historisches, sondern medientechnisches A priori Wieder mehr Interesse an sozialen Institutionen (mehr Studien, die sich mit Infrastruktur befassen) Infrastructure Studies → Infrastruktur: zuerst militärischer dann wirtschaftlicher Begriff (kam als 1. auf für Eisenbahn), = gebaute Netzwerke, Systeme von Objekten, die einen kontinuierlichen Fluss von Dingen, Lebewesen oder Zeichen erlauben → Medienwissenschaftlerin Lisa Park: Phänomenologie medialer Infrastrukturen ─ Blick auf jene materiellen Ressourcen lenken, die globalen Kommunikationsprozessen als Voraussetzung dienen (Analyse Bauplan, Systemausfall, Vor-Ort-Recherche, Demontage) → Shannon Mattern widmet sich Eigenleben von Infrastruktur (Sinnlichkeit) → Studies bringen zum Vorschein: weit verzweigtes Material, das digitaler Kommunikation zugrunde liegt (digitale Materialität nicht Immaterialität ökologische und politische Fragen) ─ Cloud: eingebunkerte Rechenzentren, wireless: Rohre in Städten, virtual reality ist greifbar, … Nicht nur mediale Diskurse analysieren, sondern auch Materialität aufklären, die Kommunikationsprozesse ermöglicht → Diskurse und Objekte, menschliche und nicht-menschliche Akteure analysieren! III. TÜRKENBEFREIUNGSFEIER VORGESCHICHTE TÜRKENBEFREIUNGSFEIER Am 30.1.1933 wird Adolf Hitler zum deutschen Reichskanzler ernannt. Am 4.3.1933 treten alle drei Präsidenten des österreichischen Nationalrats aus Protest zurück → Versuch, unterbrochene Sitzung am 15.3. fortzusetzen, wird im Auftrag Bundesregierung polizeilich verhindert → Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (christlichsoziale Partei) regiert mittels Notverordnungen aufgrund des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes von 1917 Ernst Rüdiger Starhemberg, der Bundesführer des Österreichischen Heimatschutzverbandes, schlägt Dollfuß Anfang April 1933 vor, eine "Türkenbefreiungsfeier" in Schönbrunn abzuhalten (=Auftaktveranstaltung Austrofaschismus) → Benito Mussolini, der italienische Ministerpräsident und Begründer des Faschismus, finanziert die propagandistische Massenkundgebung ABLAUF TÜRKENBEFREIUNGSFEIER Veranstaltung findet am 14. Mai 1933 im Schlosspark Schönbrunn statt. Zunächst (7:30): Ablegen von Kränzen am Fuß Obelisk und Denkmal Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg Heimwehrleute reisen (aus ganz AUT) in Sonderzügen an & formieren sich bis 9 Uhr in Gartenanlage Teilnehmerzahlen schwanken je nach politischer Tendenz der Quelle zwischen 20.000 und 40.000 Mann. 5 Ab 10 Uhr wird eine katholische Feldmesse gelesen Ab ca. 10:30 Uhr halten die Heimwehrführer Emil Fey (Sicherheitsminister) und Ernst Rüdiger Starhemberg sowie Bundeskanzler Engelbert Dollfuß Ansprachen Übertragen live in Radio Wien Starhemberg rief Anhänger in Erinnerung, wie oft „Ostmarkdeutsche“ sich gegen Welt von Feinden bereits verteidigt haben, sagte dass Österreich Retter (zu Dollfuß) braucht & hob 3 Ereignisse hervor: 1. 1683: Christenkreuz gegen Halbmond durchgesetzt 2. Sieg der Deutschen Österreichs über napoleonisches Heer bei Aspern in 1809 3. Heldentaten österreichischer Soldaten im Weltkrieg Dollfuß Bezug auf 1683 schwor Fürst Starhemberg „Treue um Treue“ „Österreich über alles, wenn es nur will“ sozialistische Ideologien bekämpfen, christlich-deutschen Rechtsstaat aufbauen, dessen Volk nach Berufsständen zusammengefasst werden soll Anschließend marschieren die Heimwehren von Schönbrunn bis zum Schwarzenbergplatz, wo die ersten Truppen gegen 13 Uhr eintreffen Tag danach: Presse des österreichischen Heimatschutzes verkündet großen Sieg ihres Bundesführers (verdrehen historische Tatsachen) „VATERLÄNDISCHE FRONT“ & AUSTROFASCHISMUS Vaterländische Front (österr. Staatspartei) Wurde von Dollfuß in seiner Rede bei Türkenbefreiungsfeier angekündigt und eine Woche später als Nachfolgeorganisation der Christlichsozialen Partei gegründet Dollfuß betonte in seinen Reden den Begriff des „Ständestaats“, Starhemberg sprach von Austrofaschismus (basierte ideologisch auf Mussolinis Faschismus „organisierte, zentralisierte und autoritäre Demokratie“ Volkswille soll in souveränen Führer gebündelt sein, nach italienischem Vorbild & fordert diesen) In Starhembergs Rede im März 1934 („Österreichs Weg“): → lobte er explizit die gewaltsame Niederschlagung des Republikanischen Schutzbundes (paramilitärischer Verband österreichischer Sozialdemokraten, wurde eigentlich von Dollfuß verboten) durch das Bundesheer, was als Maßnahme zur Stabilisierung des neuen autoritären Regimes gesehen wurde → Heimatschutz hat laut ihm AUT gegen „Austrobolschewismus“ in 1934 verteidigt (regionale Variante marxistische Lehre) Ende des Zeitalter des Parlamentarismus, demokratischen Liberalismus und individualistischen Kapitalismus auf der ganzen Welt (nicht nur Österreich) Bezeichnung Ständestaat & Austrofaschismus Passte Starhemberg aus 2 Gründen nicht: 1. Weil Staat Interesse der Gesamtheit vor Interesse der Berufsstände stellen muss 2. Gesamtinteresse lässt sich nur mit gewisser Autorität der Staatsführung umsetzen Austrofaschismus steht ausdrücklich zum „großdeutschen Gedanken“ jedoch nur wenn weiterhin freundschaftlich und unabhängig (sobald Souveränität AUT in Frage, kein Nationalsozialismus mehr) 1. ERNST RÜDIGER STARHEMBERG KURZBIOGRAFIE geboren am 10.5.1899 in Schloss Eferding in Oberösterreich als Ernst Rüdiger Camillo Maria Reichsgraf von Starhemberg 1917 Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg, Große Silberne Tapferkeitsmedaille ab 1920 Studium der Staatswissenschaft in Innsbruck, ohne Abschluss 1923 Beteiligung am Münchner "Hitlerputsch" ab 1927 bei der oberösterreichischen Heimwehr 1930 Bundesführer des Heimatschutzverbandes (=paramilitärische Organisation) 1938/1939 im Exil und verfasste dort Memoiren TÜRKENBEFREIUNGSFEIER (14.05.1933) Behauptet, dass Türkenbefreiungsfeier einer der schönsten Tage seines Lebens war („Durchbruch der Zeit“) → Tag, an dem seine Freundschaft mit Dollfuß begann Setzte sich in Memoiren (erste 1942, englisch) mit Vorbereitungen und Auswirkungen der Feier auseinander Hatte im Frühling 1933 folgenreiche Unterredung mit Dollfuß (zu Zeit in der Nationalsozialisten in AUT Aufwind hatten, nachdem sie Anfang des Jahres in Deutschland an Macht kamen) 6 → Dollfuß riet ihm „österreichische Macht“ entfalten, Sicherheit und Zuversicht für Volk (also kein Anschluss!) → Starhemberg plädierte für Massenkundgebung des österreichischen Heimatschutzes, während Bundeskanzler eigentlich Christlichsozialen Parteitag als große patriotische Veranstaltung halten wollte Absprache mit Benito Mussolini in Rom Finanzierung Veranstaltung und Waffen durch ihn (findet Idee Starhembergs gut und sieht das als Vorbild für faschistisches Italien, man braucht nur Mut – großdeutsches Fühlen der Österreicher muss österreichische Idee entgegengestellt werden) Starhemberg betont in Memoiren dass sich Kundgebung gegen Nationalsozialismus gerichtet hat jedoch bestätigt er, dass „Beseitigung der enttarnten Demokratie“ damit angezielt war Laut ihm: AUT war 1918 (Ende 1. WK, Zusammenbruch Monarchie & Habsburger) nicht reif für Demokratie → Politischen Parteien ist es nicht um Land/Volk gegangen, sondern um eigene Interessen Dollfuß im März 1933: hat Geschäftsordnungskrise Parlament ausgenutzt künftig mittels Notverordnung autoritär regiert Starhemberg hielt dies für nötig, um Zustand ein Ende zu bereiten → Meinte, dass es zwar keine Staatskrise gäbe, aber eine Parlamentskrise Notverordnungen nötig bis eine neue berufsständisch konzipierte Verfassung ausgearbeitet sei (Übertragung auf Radio Wien live, S. 134) Feier bzw. Massenkundgebung (Türkenbefreiungsfeier) sollte Zeichen dafür sein, dass AUT ein unabhängiger, autoritär geführter Staat ist und man gegen Feinde Österreichs kämpft (=Nationalsozialismus, der Land in großdeutschem Reich aufgehen lässt) → 1933 lag Befreiung Wiens von 2. Türkenbelagerung zwar 250 Jahre zurück, staatliche Jubiläumsfeiern fanden aber erst im Spätsommer statt weil es die berühmte Schlacht am Kahlenberg vom 12. September 1683 gewesen war, die zweimonatigen Belagerungszustand beendet hatte. → Warum der Name? wsl. wegen Starhembergs Familiengeschichte (wäre Monarchie weitergeführt worden, so hätte er die Starhembergsche Fürstenwürde nach Tod seines Vaters übernommen) 11.9.1933 Trabrennplatzrede 1. Mai 1934 Starhemberg wird Vizekanzler & Verfassung des christlich-deutschen Ständestaats (lt. Dollfuß) tritt in Kraft = ständesstaatliche Verfassung 25. Juli 1934: Dollfuß wird erschossen von putschenden Nationalsozialisten im Bundeskanzleramt (Juliputsch), während Starhemberg gerade Mussolini in Venedig besucht Starhemberg blieb freiwillig Vizekanzler unter Kurt Schuschnigg (Justiz- und Unterrichtsminster), wurde aber zum Bundesführer der Vaterländischen Front Entfernung Starhembergs aus der Regierung 3 Jahre nach Türkenbefreiungsfeier wegen sachlicher Meinungsverschiedenheit lt. Schuschnigg (Starhemberg gratulierte Mussolini für völkerrechtswidrigen Abessinienkrieg Sieg des faschistischen Geistes über demokratische Unehrlichkeit und Heuchelei) Danach: Mussolini und Schuschnigg paktierten mit Adolf Hitler (deutscher Reichskanzler), Starhemberg zog sich in Privatleben zurück 2 Wochen nachdem deutsche Armee in Österreich einmarschierte (Ende März 1938) Starhemberg schickte Brief an Hitler (kannte ihn persönlich), in dem er betont, dass Staatseinheit von Österreich mit deutschem Reich schon immer Ziel des Heimatschutzes war (entgegen seiner Memoires) & „unterwarf“ sich Hitler keine Antwort, jedoch dann Beschlagnahmung Eigentum in AUT durch Nationalsozialisten (weil Starhemberg 1939 begann von Frankreich aus gegen Deutschland zu kämpfen als Leutnant der französischen Luftwaffe gegen das NS-Regime) Floh ins Exil nach Südamerika mit Familie arbeitete als gaucho (Viehhüter), 1955: Rückerstattung Vermögen und Rückkehr nach AUT (Proteste linker!) Starb an Herzanfall in Vorarlberg bei Kuraufenthalt Gedenktafel an Schrunser Litzkapelle (dort steht noch Fürst Starhemberg, Vizekanzler und Bundesführer des Österreichischen Heimatschutzes) FAMILIE STARHEMBERG Eines der ältesten Adelsgeschlechter des habsburgischen Reiches Stammvater: Grundacker aus 12. Jhdt gleichnamiger Enkel eine Burg Starhemberg baute (daher Name) Erasmus I. heiratete Anna von Schaunberg + 3 Söhne Großteil Schaunbergsches Erbe ging an Starhemberg Familie schloss sich Reformation an und kehrte zur katholischen Kirche zurück erhoben Reichsgrafenstand Nationalheld der Familie: Graf Heinrich Ernst Rüdiger von Starhemberg (führte Verteidigung Wiens 1638) Enkel von Stiefbruder Georg Adam war Vertrauter Maria Theresias – kinderlos, Reichtum ging auf entfernten Camillo Rüdiger über Urenkel Ernst Rüdiger erbte 1927 nur mehr Familienbesitz (Adel wurde 1919 per Gesetz aufgehoben Untersagt Führen Adelstitel & Adelswappen (also z.B. durfte sich nicht als Fürst bezeichnen, Wappen zeigen)) → Heimwehrleute sprachen Starhemberg jedoch trz. mit „Fürst“ an und ob bei Türkenbefreiungsfeier nicht doch irgendwo sein Wappen zu sehen war lässt sich nicht bestätigen/ausschließen 7 STARHEMBERG’SCHES ADELSWAPPEN Verdeutlicht in visueller Form, warum Starhemberg Propagandaveranstaltung als „Türkenbefreiungsfeier“ abhalten wollte Urwappen aus dem 13. Jh. mit zunächst grünem, dann blauem Panther (=Wappentier steirischer Herzöge, für die Starhembergs Ahnherr ritterliches Amt ausübte) → Panther stellt keinen schwarzen Leoparden dar, sondern aus verschiedenen Tieren zusammengesetztes, speiendes Ungeheuer wesentliche Erweiterung im 16. Jh. Durch Heirat Starhemberg und Schaunberg Aufwertung nach "Türkenbefreiung" 1683 als Dank an Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg, dem Stadtkommandanten von Wien, von Kaiser Leopold I. → Anstatt 3 Turnierhelme jetzt Turm des Wiener Stephansdoms mit Doppelkreuz, Sonnenstern mit Mondsichel fällt herab & vierfeldrig → Panther erhielt Degen mit Lorbeer umwunden und in rechter Pfote abgeschlagenen „Türkenschädel“ → Goldenes gekröntes L (am roten Schildfuß) für Kaiser Leopold I. Endversion von 1765: Panther wurde gewendet, Stephansturm befindet sich hinter Bastei Wien (Festungsanlage der Stadt) + Fürstenhut und mit Hermelin gefütterter Mantel 2. „UNERWÜNSCHTER BESUCH“ Am 9.5.1933 veröffentlichte die Wiener Tageszeitung Reichspost einen Leitartikel unter dem Titel "Unerwünschter Besuch". Beitrag verläuft über rechte Spalte der Titelseite und setzt sich auf der zweiten Seite fort, im oberen Drittel der linken und mittleren Spalte Den acht Absätzen des Beitrags geht eine Orts- und Zeitangabe voraus, nämlich "Wien, am 8. Mai", er enthält aber keinen Autorennamen. Leitartikel richtete sich gegen den angekündigten Besuch von NS- Politikern aus Deutschland am 13. und 14.5.1933 in Wien, dem Wochenende der "Türkenbefreiungsfeier" des Österreichischen Heimatschutzes. Publikation erregte viel öffentliches Aufsehen, weil der Kommentar als Position der österreichischen Bundesregierung verstanden wurde STRUKTUR DES LEITARTIKELS Absatz Inhalt 1 berichtet über eine Mitteilung der "Wiener Gaupressestelle" der NSDAP, dass deutsche Minister (darunter Hans Frank) am 13.5.1933 nach Wien kämen 2 argumentiert, dass es sich dabei weder um einen angekündigten Ministerbesuch noch um einen informellen Privatbesuch handle (ohne diplomatische Vereinbarungen) 3 urteilt, dass dieser parteipolitische Besuch nicht nur "unerwünscht und unwillkommen" sei, sondern als ein "unfreundlicher Akt" (=zwar nicht völkerrechtswidrig, aber internationalen Höflichkeit, Courtoisie, widersprechend) betrachtet und entsprechend behandelt werden müsse 4-8 interpretieren, dass die NSDAP mit dieser Aktion versuche, die "Türkenbefreiungsfeier" des Österreichischen Heimatschutzes am 14.5.1933 in Wien zu stören (Versammlungs- und Aufmarschverbot umgehen), wobei der geplante Besuch des bayrischen Justizministers, Hans Frank, eine besondere Provokation darstelle (hat in Rundfunkrede österreichische Regierung beleidigt und gewaltsames Einschreiten Bayerns angekündigt) schließt mit Frage, ob Adolf Hitler mit dieser „parteipolitischen Agitationsreise hoher Staatsfunktionäre“ einverstanden sei (Hitler habe hohes Maß an Einsicht und Mäßigung) 8 soll sich nicht „gegen deutsche Reichsregierung“ richten sondern ausschließlich gegen Versuch von Agitation LEITARTIKEL ALS JOURNALISTISCHES GENRE Journalistische Textsorte, die im Namen einer Zeitung oder Zeitschrift einen aktuellen Sachverhalt kritisch kommentiert. Essays in Daniel Defoes Review (1704–1713) und Jonathan Swifts Examiner (1710–1714) als Vorläufer subjektive Annäherung an Thema Bezeichnungen leading article und Leitartikel kamen im 19. Jh. auf, als Zeitungen nicht mehr nur eine Reihe von Nachrichten enthielten, sondern auch verschiedene Ressorts und Titelseiten mit Schlagzeilen. → Leitartikel soll in seiner führenden Position auf dem Titelblatt sowohl die folgenden Beiträge als auch die Lektüre anleiten. → Mehr noch, als zu sagen, was man denken soll, zeigt der Leitartikel, wie man denkt, nämlich in Form einer Urteilsbildung. ÖSTERREICHS SOUVERÄNITÄT Leitartikel richtet sich gegen Verletzung der österreichischen Souveränität → AUT seit 1919: keine multiethnische Monarchie, sondern demokratische Republik (St. Germain Staatsvertrag) Eigenständigkeit wurde im politischen Spektrum (links bis rechts) in Frage gestellt (in erster Republik 1919 – 1934) → Laut Sozialdemokratischer Partei: AUT solle sich Weimarer Republik anschließen → NSDAP: drängt auf autoritär geführtes Großdeutsches Reich → Christlichsoziale Partei & Heimatschutz: wollen AUT als unabhängigen Staat Zeichen dafür: Türkenbefreiungsfeier (Dollfuß regierte mit Notverordnung zu der Zeit, 1933) Nun hat aber Wiener Pressestelle der NSDAP für das gleiche Wochenende (wie Türkenbefreiungsfeier) Besuch von nationalsozialistischen Politiker aus Deutschland angekündigt (wo Hitler als Reichskanzler amtierte) nicht diplomatisch vereinbar, kein Staatsbesuch, jedoch auch nicht privat weil parteiamtliche Kommunikation unfreundlicher Akt Für Reichspost: Eindruck eines Verstoßes gegen die Völkersitte durch die Ankündigung wurde noch stärker als sich herausstellte, dass unter Gästen Hans Frank sein würde (Hitlers Anwalt, Generalgouverneur Polesn im 2. WK, bayerischer Justizminister) Hans Franks provozierende Radioansprache gegen österreichische Regierung als Justizminister (Radiosender München): Zum Schluß richtete Dr. Frank einen Gruß an seine unterdrückten Parteigenossen in Österreich, die unter der ihm unbegreiflichen Unvernunft ihrer Regierung den letzten Terror und die letzte Unterdrückung auszustehen hätten. Österreich sei jetzt der letzte Teil Deutschlands, in dem man es noch wagen könne, das deutsche nationale Wollen zu unterdrücken. Er möchte die Österreichische Regierung in aller Freundschaft und bundesbrüderlichen Zuneigung davor warnen, etwa die Nationalsozialisten zu veranlassen, die Sicherungen der Freiheit der deutschen Volksgenossen in Österreich zu übernehmen. → Völkerrechtlich gesehen, verneinte Hans Frank in dieser Rede alle wesentlichen Elemente des Staates Österreich → Frank bezeichnete nicht nur das Gros der Bevölkerung als "deutsche Volksgenossen" und das Territorium als "Teil Deutschlands", sondern drohte auch mit einer Übernahme der Herrschaftsgewalt entschuldigte sich auch nie für Angriff trotz diplomatischer Proteste (lt. Reichspost: „unerträgliche Probe für AUT“) nach der Drei-Elemente-Lehre des österreichischen Staatsrechtlers Georg Jellinek besteht ein Staat im juristischen Sinn aus einem Staatsvolk, einem Staatsgebiet und einer Staatsgewalt REAKTIONEN AUF LEITARTIKEL bürgerliche Neue Freie Presse berichtete schon im Abendblatt vom 9.5.1933 (S. 2) von der Stellungnahme zum "unerwünschten Besuch" im "Wiener Zentralorgan der Christlichsozialen, dessen Äußerungen in diesem Fall gewiß nicht als private Meinung angesehen werden können". sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung setzte sich in der Ausgabe vom 10.5.1933 (S. 3) mit dem "ungewöhnlich heftigen Leitartikel" auseinander, der im "Regierungsorgan" erschienen war. Die Reichspost gab in den folgenden Ausgaben einige der aggressiven Reaktionen wieder, die ihr Beitrag in der NS-Presse ausgelöst hatte, etwa im Völkischen Beobachter und im Berliner Angriff, und stellte klar, dass sich der geäußerte Protest nicht gegen die deutsche Reichsregierung richte, sondern gegen die Parteipolitik der NSDAP in Österreich. 9 ANKUNFT POLITIKER Aus Leitartikel geht hervor Argumentation, dass Besuch „unerwünscht“ sei (Reichspost), führte bei Ankunft der Politiker zu Konsequenzen 13. Mai 1933 Hans Frank und preußischer Justizminister Hanns Kerrl + Ministerialdirektor Roland Freisler (späterer Präsident deutscher Volksgerichtshof) landeten in Flugfeld Aspern in Wien Begrüßt von NS-Funktionären, Zaungästen (1.500), Vizepräsident Wiener Polizei Michael Skubl (teilte Frank mit, dass Besuch nicht sonderlich erwünscht ist) → Besucher fuhren in Kolonne (mit Hakenkreuzfahnen) zu Adolf-Hitler-Haus (Wiener Zentrale NSDAP, dort wurde gejubelt), machten auf Weg dorthin beim Löwen von Aspern halt Blumenkränze vor Kriegsdenkmal → In Richtung Innenstadt (besonders beim Lassalle-Hof): Kolonne wurde beschimpft (vor allem 2. Bezirk) → Rote Fahne (kommunistisches Parteiblatt) schrieb: vom Lassalle-Hof, der von der Polizei abgesperrt war, schauten die Arbeiter vom Fenster herunter, aber mit der Rückseite. Körperteile wurden sichtbar, die für die Nazi-Minister als Aufforderung gelten sollten, das Götz-Zitat zur Wahrheit zu machen. NS-Kundgebung in der Engelmann-Arena Besucher aus Deutschland traten als Redner auf (wenige Stunden vor Türkenbefreiungsfeier, am Abend) – am 13.5.1933 (also einen Tag vor Türkenbefreiungsfeier in Schönbrunn) War quasi eigene Kundgebung der Nationalsozialisten, um an Befreiung von Türkenbelagerung zu erinnern → Dieses geschichtliche Ereignis diente ohnehin nur als Folie für aktuelle politische Auseinandersetzungen (lt. Frank): Ich war zwar an der Befreiung Wiens von den Türken nicht mehr beteiligt, aber ich habe aus der Presse entnommen, daß meine heutige Aufgabe sein soll, über die Befreiung Wiens von den Türken zu sprechen. Ich habe mir ein ähnliches Thema vorgenommen, nur hätte ich nicht die Türken gewählt. Ich kann mir vorstellen, daß die Befreiung einer Stadt zu einer Feier reichlich Anlaß gibt und ich freue mich heute schon, einmal an einer schönen Feier Wiens teilnehmen zu können. HANS FRANK Pressekonferenz am 14.Mai 1933 (Folgetag) in deutscher Botschaft in Wien Frank vertritt Standpunkt, dass AUT zum Deutschen Reich gehört Nachmittag: Rede in Graz gegen österreichische Bundesregierung Rückreise nach Deutschland am 15. Mai 1933 wegen polizeilicher Aufforderung REICHSPOST Setzte sich für Souveränität AUT ein, was auf ersten Blick erstaunlich ist auch Untertitel: „unabhängiges Tagblatt für das christliche Volk“ trägt nicht zur Aufklärung der Position bei Wirft Frage auf, weshalb sich die Neue Freie Presse und Arbeiter-Zeitung in ihren Kommentaren zu Leitartikel auf das „Zentralorgan der Christlichsozialen“/“Regierungsorgan“ bezogen Erklärung durch Geschichte des Blattes: → Gründung auf Beschluss des Linzer Katholikentags moderne christliche Zeitung für AUT-Ungarische-Monarchie → Seit 1. Jänner 1894 erscheint Reichspost täglich → Friedrich Funder (↓): Blatt soll kräftige Bejahung des Staatsgedanken des Habsburgerreichs gegen alle Separatisten und nationalistische Eigenbrötler sein → War an gesamte Bevölkerung der Monarchie gerichtet, stellte aber Führungsanspruch der deutschen Österreicher ggb. den anderssprachigen Staatsbürgern → „Reichs“ umfangreiches Territorium im Zentrum Europas (keine Nation oder einheitliches Volk) → Untertitel gegen jüdische Presse und sozialdemokratische Zeitungen Behauptet unabhängig zu sein (im Gegensatz zu Arbeiter-Zeitung: Zentralorgan Sozialdemokratie), fungiert jedoch als inoffizielles Sprachrohr der Christlichsozialen Bewegung, vor allem durch Funder (später unter Karl Lueger wurden Christlichsoziale eine politische Partei) → Christlicher Antisemitismus (im Anschluss an Karl Lueger), aber Abgrenzung vom rassischen Antisemitismus der „Alldeutschen“ unter Georg von Schönerer (NS) → Bejahung der Einheit des Habsburgerreiches und also gegen Separatisten Zeitung reagierte heftig auf Ermordung Franz Ferdinands (Lueger war in seinem Beraterkreis) & trieb Ausbruch 1. WK publizistisch an 10 1920er: Zeitung entwickelte sich zu „Art Regierungsorgan“, weil alle Bundeskanzler der neuen Republik Christlichsozialer Partei angehörten (außer Renner und Schober) Unterstützung der Politik von Ignaz Seipel (2x Bundeskanzler und Bundesminister, christlichsozial, Vorstand katholischer Verlag „Herold“) & Dollfuß (Befürwortung autoritäre Demokratie im Sinne eines Ständestaats) Leitartikel erscheint immer auf ersten Seite, gefolgt von politischen, lokalen, … Nachrichten Friedrich Funder (geb. 1872) ab 1896 Redakteur der Reichspost, 1902 Chefredakteur, 1904 Herausgeber Berater des Thronfolgers Franz Ferdinand, befreundet mit Ignaz Seipel und Engelbert Dollfuß verglich Zeitung mit einem Staat: Leitung eingeteilt in Sachgebiete, je nach Tätigkeit und Kenntnis Ständestaat (im Sinne Dollfuß) INFRASTRUKTUR DER REICHSPOST erstes Redaktions- und Verlagshaus der Reichspost in der Strozzigasse 41, 1080 Wien 1913 Neubau in der Strozzig. 8 als Herold-Verlagshaus mit Rohrpost- und Telefonanlage → Kommunikationszentrum Gebäude Zimmer Chefredakteur (Repräsentationsraum), konnt über Masterstation amerikanische Telefonanlage verwenden und Manuskripte per Rohrpost in Setzerei schicken angezündet von Demonstranten am 15.7.1927, dem Tag des Wiener Justizpalastbrandes heute Wohnheim für Studierende Arbeit mit beweglichen Lettern aus Setzkasten spiegelverkehrt in Winkelhaken legen => mehrzeiliger Blocksatz / Zusammenschnüren durch Metteur (Schriftsetzer) 3. SCHLOSSPARK SCHÖNBRUNN WARUM SCHÖNBRUNN FÜR TÜRKENBEFREIUNGSFEIER? Warum Schönbrunn als Platz für Türkenbefreiungsfeier und nicht Heldenplatz (dort stehen Denkmale Prinz Eugen und Erzherzog Karl)? Laut Brief von Bundesführung des Heimatschutzes an Schlosshauptmannschaft: Heldenplatz sei zu klein Schlosshauptmannschaft empfahl Ministerium für Handel und Verkehr (mussten angefragt werden, da Schönbrunn eig. Seit 1924 für Veranstaltungen gesperrt war) der Anfrage stattzugeben unter Bedingung, dass Kosten vom Veranstalter getragen und Gartenanlagen vor Beschädigungen geschützt werden kam zu Bewilligung → Vermutlich kam Bewilligung von ganz oben (im Jahr zuvor wurde NSDAP noch auf Heldenplatz verwiesen) Starhemberg erwähnt in Memoiren, dass er sie von Dollfuß erwirkt hat Argument der Größe des Heldenplatzes ist nicht wirklich stichhaltig: z.B. in Zwischenkriegszeit viele Veranstaltungen dort mit weit mehr als 25.000 Personen (z.B. Dollfuß Trauerfeier 200.000, Rede Hitler am Balkon der neuen Hofburg 300.000) → Über wahre Motive für Schönbrunn wird spekuliert, gedanklich jedoch 3 wahrscheinlichere Beweggründe: 1. Historischer Zusammenhang „Türkenbefreiungsfeier“ und Schlossbau 2. Zentralisierte Anordnung von Führern und Truppen in der geometrischen Gartenanlage 3. der Möglichkeit, von der ehemals habsburgischen Sommerresidenz ins Zentrum des sozialdemokratisch regierten, "roten" Wien zu marschieren GESCHICHTE SCHÖNBRUNN Stift Klosterneuburg verkaufte Katterburg 1569 an Kaiser Maximilian II → Kaiser Matthias (Sohn) fand auf dem Jagdgehege (nach einer Legende) jenen "schönen Brunnen", der dem Anwesen den Namen gab. → Eleonora Gonzaga von Mantua, die Gattin Ferdinands II., ließ das Herrenhaus Mitte des 17. Jh. Zu einem Schloss ausbauen (Name: Khaiserliche(n) Lust- und Thiergarten Schenbrunn) → 1672 publizierter Kupferstich (siehe Bild) zeigt am Wienfluss gelegene Katterburg, an die sich rechts der Gonzanga-Trakt anschloss / dahinter: Schönbrunner Berg (Tiergarten) 11 Im Sommer 1683, während der Belagerung Wiens durch osmanische Truppen, wurden das Schloss und der Garten schwer beschädigt (daran änderte sich in den Jahren danach nicht viel, Wiederaufbau Hofburg und kaiserliche Residenzen hatten Vorrang) Johann Bernhard Fischer (Bildhauer, Architekten-Ausbildung in Rom) präsentierte Leopold I. 1688 einen Entwurf für ein imperiales Schloss, das in Schönbrunn errichtet werden sollte => premier projet → Fischer versuchte damit seine Fähigkeiten vorzuführen und eine Residenzanlage zu entwerfen, die Haus Habsburg angemessen ist → In Konkurrenz zu Ludwig XIV., der sich in Versailles als Roi-Soleil inszenieren ließ, sollte durch Bezüge auf die antike Architektur und den Sonnengott Apollo betont werden, dass die Habsburger die legitimen Erben der Herrscher des Römischen Reiches waren → Mehrere Terrassen führen vom Wienfluss hinauf zum Schloss, welches auf der Anhöhe des Schönbrunner Berges platziert ist → Wurde alles nie umgesetzt, Fischer wurde trz zum Architekturlehrer des Thronfolgers ernannt Für Joseph I. (Thronfolger) plante Fischer dann realisierbare Schlossanlage, die ab Mitte der 1690er Jahre errichtet und um 1700 von einem Jagd- und Lustschloss zu einer kaiserlichen Residenz aufgewertet wurde → Weg zum Schloss führte durch ein Tor mit zwei Obelisken über weitläufigen Ehrenhof hin zu runden Zufahrtsrampe, von der die Gäste über eine Freitreppe in eine Säulenhalle und dann in den Festsaal der Beletage gelangen konnten (mit Ausblick auf Garten) → In Fischers Grundriss: Repräsentations- und Privaträume sind in Enfilade (entlang einer Achse) im restlichen, westlichen Flügel aufgereiht → Zunächst war nur Mitteltrakt geplant, dann Erweiterung um Seitenflügel Wegen dem frühen Tod Josephs I. 1711 blieb Ausbau von Schönbrunn zu einer kaiserlichen Residenzanlage unvollendet. Ab den 1740er Jahren wurde das Schlossgebäude unter Maria Theresia umgebaut und erweitert (als Sommerresidenz) ihr Gatte, Franz I. Stephan, kümmerte sich um die Neugestaltung des französischen Schlossparks → Durch Nikolaus Pacassi (Architekt): zwei Freitreppen statt Zufahrtsrampe → Anlage kaiserlicher Schlosspark: Garteningenieur Jean Trehet hielt sich nur in Grundzügen an Fischers Quadratraster, setzte französischen Barockgarten um (Parterres, Boskette, Flachbeete, Heckenräume) → Das Große Parterre wurde bis zum Schönbrunner Berg verlängert und das rechtwinklige Alleensystem durch zwei Diagonalachsen (= patte d’oie) erweitert (durch Gatten Franz I. Stephan) Parkbauten: Menagerie (1752), Gloriette (1775), Obeliskbrunnen (1777), Römische Ruine (1778), Neptunbrunnen (1780) 1779, ein Jahr vor Maria Theresias Tod, wurde der Großteil des Schönbrunner Schlossparks der Öffentlichkeit zugänglich gemacht SCHÖNBRUNN VOM 19 JHDT. BIS ZUR ERSTEN REPUBLIK Stellenwert Schlossanlage war von politischen und persönlichen Vorlieben der Herrscher abhängig Schönbrunn diente im 19. Jh. als Sommerresidenz der Habsburger → Franz Joseph kam 1830 im Schloss zur Welt und verbrachte in seiner Kindheit und Jugend viel Zeit in den Parkanlagen. Seine späteren Wohn- und Arbeitsräume befanden sich im Westflügel des Gebäudes. → Elisabeth ("Sissi") wurde im Erdgeschoss ein Privatappartement eingerichtet. 12 Sein Nachfolger, Karl I., plante einen Umbau des Schlosses, musste die Staatsgewalt im Herbst 1918 (kurz vor Ende 1. WK) allerdings an die Vertreter der neugegründeten Republik Deutschösterreich übergeben und in die Schweiz ausreisen Alle hofstaatlichen Grundstücke, zu denen auch Schönbrunn gehörte, gingen 1919 per Gesetz in Staatseigentum über Seit 1700 bestehende Schlosshauptmannschaft wurde 1921 in Dienststelle des Bundesministeriums für Handel und Verkehr umgewandelt Einige Nebenräume lieben von ehemaligen Schlossbediensteten bewohnt → Weitere Nutzung der Anlage wurde kontrovers verhandelt, im Laufe der 1920er zogen verschiedenen Leute, Vereine, Organisationen (Kriegsinvalide, sozialdemokratische Kinderfreunde, Privatschule, Pfadfinder, Jugendherberge) Kurz nach Kriegsende: Museumsbetrieb in habsburgischen Privat- und Repräsentationsräumen Menagerie im Park wurde zu Schönbrunner Tiergarten umbenannt (Besucherzahlen waren weit niedriger) TÜRKENBEFREIUNGSFEIER IN SCHÖNBRUNN Am 14. Mai 1933 als gedanklicher Anschluss an Türkenbefreiung im September 1683 (250 Jubiläum) Logistik der Feier wurde in Weisungen geregelt, die Bundesführung des Heimatschutzes kurz vorher herausgegeben hat → Broschüre enthielt: Zugfahrpläne, Instruktionen zur Bekleidung (grüne Heimwehrjacke), Hygiene (Füße talgen), Verpflegung (Kakao und Brot), Verhaltensregeln (Rauchverbot während Feldmesse) → Pläne und Angaben zum Marsch auf den Aufstellungsplatz klärten detailliert wie die Insassen der 23 Sonderzüge in Schlosspark und auf Großes Parterre (Fläche zwischen Schloss und Schönbrunner Berg) marschieren sollen → Karte demonstrierte Marschlinien von Osten durch Meidlinger Tore in Gartenanlage & Anordnung der Truppen auf Platz vor Schlossgebäude Alle Wege zielen auf südliche Terrasse des Schlosses ab (dort war Altar für Feldmesse und Rednerpodium) Zentralisiertes Arrangement folgt exakt Architektur des Schlossparks, die Blick aus jeder Richtung zum Mittelpunkt (Kaiserliche Residenz) führt SICHT AUS BLICKWINKEL DES PODIUMS (STARHEMBERG STAND) Zentralperspektive des Bildes: tausend Heimwehrleute in Hauptachse des Gartens, nur Blumenbeete blieben frei Nicht auf Foto: Meeresgott auf Neptunbrunnen verharrt in ähnlicher Pose wie Starhemberg Von Schönbrunner Berg aus konnte Zivilbevölkerung Kundgebung beiwohnen Gloriette auf Anhöhe (wurde erst unter Maria Theresia errichtet, obwohl bereits in Fischers Entwurf): → diente als Kulisse aber auch als Aussichtsplattform → Mittelteil der Arkadenreihe: Adler auf Weltkugel mit Lorbeerkranz im Schnabel (Siegeszeichen) → Gloriette wird als „Denkmal des gerechten Krieges“ gedeutet & passt daher thematisch zur Türkenbefreiungsfeier, die laut Starhemberg an „welthistorische Tatsache“ (Rettung gegen östliche Barbarei) = Befreiung der Türkenbelagerung dienen soll INSPIRATION FRANKREICH Blick soll nicht ins Unendliche gerichtete sein (nicht wie laut Andre Le Notre, Gartenarchitekt Ludwigs XIV., bei Parterre Versailles), sondern begrenzten Raum schaffen und gestalten Alleensystem, nach Prinzip des französischen Barockgartens, wurde umgesetzt (wie städtisches Verkehrsnetz) Zentrum: gartenseitige Terrasse des Schlosses, von der 5 monumentale „Straßen“ ausgehen 13 Auf Foto Starhemberg (siehe oben): nur nordsüdliche Hauptstraße zu sehen (Großes Parterre), jedoch waren auch in Lichten Allee (direkt vor Schlossgebäude nach Osten und Westen, quer) Einheiten und Gäste platziert Ließe sich die Kamera hinter Starhemberg schwenken erschiene → am Ende der südöstlichen Allee Obeliskbrunnen → am Ende der südwestlichen Allee Pavillon des Tiergartens OBELISKBRUNNEN 1777 errichtet, diente als point de vue (nach ihm benannte Diagonalallee), die von Schlossterrasse bis zur östlichen Grenze des Parks führt Rechteckiger Pfeiler symbolisiert spendende Sonnenkraft im Barock & Beständigkeit eines Herrschers (betont durch 4 Schildkröten, die ihn tragen) Am oberen Ende: goldener Adler, der zwischen Himmel und Erde vermittelt Brunnen steht in thematischen Zusammenhang mit benachbarten Römischen Ruine, die paar Jahre später fertiggestellt wurde SCHÖNBRUNNER/RÖMISCHE RUINE Parkbau, angelegt als Blickpunkt einer Allee // rund um Obeliskbrunnen Zeigt ein halb in den Boden versunkenes antikes Gebäude, das Karthago verkörpern sollte (nordafrikanische Stadt, die Römer in Punischen Kriegen zerstört hatten) Steht für die besiegten Feinde der Habsburger deren Herrschaft in Obelisken, Gloriette und Statuen des Großen Parterre dargestellt wird TIERGARTENPAVILLON Gegenstück zu Obeliskbrunnen in westliche Richtung am Ende der Hietzinger Diagonalallee Von Schlossterrasse aus zu sehen Hier wurden Jagdtiere gehalten (seit Kaiser Maximilian II. Grundstück erworben hatte) Menagerie entstand Mitte 18. Jdht aus Initiative Franz I. Stephan Architekt Jean-Nicolas Jadot entwarf achteckigen Pavillon auf runden Platz, von dem 16 Achsen ausstrahlten → 3 Alleen, 1 Direktionsgebäude, 12 Tiergehege (als kleine Barockgärten gestaltet) → Einblick war nur vom Zentrum aus möglich, wo Kaiserpaar im Pavillon frühstückte Botanischer Garten unterhalb Menagerie (nach Herkunft seiner Gärtner benannt) → Holländischer Garten: in quadratischen Sektionen nach Taxonomie des schwedischen Naturforschers Carl von Linne (=Linnne’sches System) Natur wurde rationalistisch (=geometrisch) beherrscht (im Schlosspark, also auch Parterres, Alleen, Menagerie, botanischer Garten) 4. FASCHISMUS ALS TRAGÖDIE Abend bevor Türkenbefreiungsfeier Aufführung Drama „Hundert Tage“ im Wiener Burgtheater Es besteht Zusammenhang: dichtes Netz aus persönlichen und inhaltlichen Beziehungen, hauptsächlich mit Benito Mussolini Mussolini: seit 1922 italienischer Ministerpräsident, Begründer Faschismus → Finanzier Türkenbefreiungsfeier, Förderer von Starhemberg → Mitautor des Theaterstücks „Campo di maggio“ (Rom) behandelt Napoleons Herrschaft der Hundert Tage zwischen seinen Exilen auf Inseln Elba und Sankt Helena 14 MUSSOLINIS FASCHISMUS: Was ist eine Nation? (lt. La dottrina del fascismo, Mussolini, 1932) → Nicht Rasse, noch geographisch bestimmtes Gebiet, sondern ein sich geschichtlich fortpflanzendes Geschlecht, durch eine Idee geeinte Volksmenge, die den Willen zum Leben und zur Macht in sich hat: Selbstbewusstsein, Persönlichkeit. → Rasse sei keine Realität, sondern eine Illusion des Geistes, ein Gefühl Was also ist Faschismus? → […] eine organisierte, zentralisierte und autoritäre Demokratie […] Duce (übermenschlicher Führer) verkörpert Faschismus und lebt ihn vor → Überwölbt Nation wie Leviathan von Thomas Hobbes und repräsentiert kollektiven Willen des untergebenen Volkes → Hat jedoch keine dynastische Legitimität = wird nicht wegen seiner Herkunft als Herrschergeschlecht erkannt, muss sich selbst heroische Genealogie erschaffen → Mussolini versuchte sich als geistiger Nachfahre der römischen Cäsaren darzustellen, bezog sich aber auch auf jenen korsischen Aufsteiger, der sich selbst zu „Kaiser der Franzosen“ gekrönt hatte (Anfang 19. Jhdt) CAMPO DI MAGGIO Inspiration Mussolinis zur Dramenskizze über Napoleon: deutscher Autor Emil Ludwig Ausführung von Giovacchino Forzano (etablierter Dramatiker, Librettist), Aufführungstext von Hans Sassman (Lothar bezeichnete ihn als Erzösterreicher) Laut Schauspieler Werner Krauß (verkörperte Hauptrolle in Wien): Brief von Forzano, worum es gehen soll (Entwürfe) Mussolini macht daraus Tragödie über Fall Napoleons (3 statt 4 Akten und neue Szenen/Bilder) Mussolini gestaltete Nennung als Mitautor erst bei Vorstellungen im Ausland, auf Titelseite der deutschen Übersetzung wird er sogar als Erstautor genannt → Name trug in Deutschland und AUT zu großem Bühnenerfolg bei Deutsche Erstaufführung im Nationaltheater Weimar (1932), Hitler war anwesend // danach im Burgtheater Wiener Premiere: großes diplomatisches Ereignis (Anton Rintelen, Gabriele Preziosi, Starhemberg anwesend) → Nach 2 Akt: Rintelen (Unterrichtsminister) sandte Glückwunschtelegramm an Mussolini → 3 Akt wurde im Rundfunk übertragen → Premierenfeier in italienischer Botschaft in Wien → Holte Burgtheater aus „Burgtheaterkrise“ (finanzielle Probleme) heraus dafür auch zuständig: 1931 neuer Burgtheaterdirektor Hermann Röbbeling (leitete auch Thalia-Theater Hamburg und Schauspielhaus), gilt als Theatersanierer (lud Presseleute zu Generalproben, Übertragungen Radio, Fahrpreisermäßigungen, Abosystem, Vorstellungen für Schüler) → Führte auch zu Kritik: Kommerzialisierung Burgtheater, denn Röbbeling orientierte sich ideologisch an konservativen/autoritären Vorstellungen des wichtigsten Geldgebers (österreichische Bundesregierung) → Bsp. für künstlerische und ökonomische Ausrichtung: Festspielzyklus „Stimmen der Völker im Drama“ (laut ihm sein größter Erfolg) Inhalt: Entgegen Schilderung Ludwigs (Napoleon sei „self-made man“) macht Mussolini die Demokratie für den Untergang Napoleons zuständig genauer: „die Vorgänge auf dem Marsfelde im Frühling 1815“ => Champ-de-Mai, das Napoleon auf den Marsch nach Paris ankündigte, nachdem er 1815 aus Exil auf Elba geflohen ist Veranstaltung, die an fränkisch-karolingisches „Maifeld“ (campo di maggi) erinnern soll, diente als verfassungsgebende Versammlung und Krönungsfest der Kaiserin → Geplante Konstituante (franz. Nationalversammlung) verkam zu reinen Festakt, der verspätet am 1. Juni 1815 am Champ de Mars abgehalten wurde (weil Marie-Louise [Ehefrau Napoleons und amtierende Kaiserin] bei ihrem Vater, Kaiser Franz I. in Wien blieb und Verfassung bereits im April veröffentlicht wurde) 1. Akt Spielt am Abend in der Nacht vor dem Champ-de-Mai Einführung in Hauptpersonen der Tragödie in 2 Szenen: Joseph Fouche und Napoleon Bonaparte → Fouche (Polizeiminister) versichert frisch gewählten Abgeordneten, dass Napoleon nun konstitutionell regieren wolle & schmeichelt Grafen der Orleans (deren Herzog künftiger 15 Monarch wird), dann Hofdame Ludwigs XVIII.s (geflohener König) und besticht Herausgeber oppositioneller Zeitung → Napoleon sorgt sich in dieser Nacht um Rückkehr seines Sohns wegen Fouches Intrigen und bevorstehendem Krieg → Als Emissär aus Wien eintrifft glaubt Napoleon, dass Sohn auch dabei ist – ist er nicht → Napoleon hatte geplant in „Uniform von Austerlitz“ auf den Champ de Mars zu reiten, seine Frau hat ihn jedoch im Stich gelassen – tritt kostümiert im Krönungsornat vor Abgeordneten und Soldaten um „leere Zeremonie“ abzuhalten 2. Akt Setzt 3 Wochen später ein Napoleons Armee bei Waterloo wurde von britischen und preußischen Truppen unter Führung Feldmarschälle Wellington und Blücher geschlagen Fouche hat Minister und Abgeordnete zu Schluss hingelenkt, dass Kaiser abdanken müsse Napoleon trifft erschöpft in Paris ein sei am Schlachtfeld verraten worden und benötige zur „Rettung des Vaterlandes“ eine politische Vollmacht von Kabinett und Parlament (Pouvoir) um vorübergehend als Militärdiktator zu regieren General Lafayette besteht auf Rücktritt Napoleons (sei selbst Friedenshindernis) Napoleon dankt widerwillig ab (um Bürgerkrieg zu verhindern, zugunsten seines Sohns) 3. Akt Erwartungen der Abgeordneten mit Siegermächten Waffenstillstand verhandeln zu können erweisen sich als naive Illusion Gegnerische Heerführer diktieren den Franzosen (unterlegen) demütigen Frieden: Man werden Ludwig XVIII. als König zurückholen, Fouche zu Premier ernennen, Frankreich militärisch besetzen und Napoleon auf St. Helena verbannen Drama endet in Schloss Malmaison, wo Napoleon sich von Familie verabschiedet Handlung macht deutlich, warum ursprünglicher Titel „Campo di maggio“ lautet Nach Darstellung von Forzano und Mussolini scheitert Napoleon an der Demokratie in Form des Parlamentarismus: → liberale Verfassung verhinderte im Ausnahmezustand (am Maisfeld vom Feind umzingelt), dass Kaiser sein Land verteidigen darf → Er scheiterte jedoch nicht an Übermacht Gegner oder persönlichem Versagen → anstatt sich patriotisch hinter Napoleon zu stellen, ließen sich Volksvertreter von Fouche blenden (lügender, erpressender, schmeichelnder Berufspolitiker, dem es nur um eigenen Vorteil geht) → Napoleon hingegen ist großer Held, Mann des Volkes, Genie, Familienmensch in seiner Herrschaft von hundert Tagen unterlief ihm lediglich 1 schwerwiegender Fehler => dass er nicht als Militärdiktator sondern als konstitutioneller Monarch regieren wollte Grundkonflikt Napoleon/Volk vs. Fouche/Parlament ist Leitmotiv von Campo di maggio (deutsche Übersetzung: Hundert Tage) wird in Bühnenfassung noch deutlich verschärft → Sassmanns und Röbbelings Bearbeitung streicht zweite Szene im dritten Akt, wo Gesandter auf Wellington trifft, ändert Sprechrollen und greift in Text ein → Stärkste Änderung bei Fouche in Parlamentsszene Polizeiminister äußert diese Aussage: (zwar als Klage, macht sich jedoch trotzdem Irrationalität der Massen zunutze) Wenn ein Politiker eine Majorität gewinnen will, darf er nie versuchen seine Behauptungen zu beweisen. Je mehr vernünftige Argumente er vorbringt, desto weniger glaubt man ihm. Denn, wenn irgendwo auch nur hundert Menschen zu einer Masse zusammenströmen, verlieren sie sofort den Verstand und lassen sich ausschließlich vom Gefühl, von der Leidenschaft leiten. → Napoleon hingegen ist Verkörperung jener Vernunft, die den emotionalen Parlamentariern abgeht nutzt kaiserliche Macht nicht aus, ist stets souverän, repräsentiert Willen der einfachen Leute (Handwerker, Bauern, Arbeiter, Soldaten, die von Advokaten im Parlament verraten werden) => „Die Kammer soll sich nicht zwischen mich und das Volk stellen. Lassen Sie das französische Volk wieder an mich heran.“ Die Szenen dieses Stücks wurden im Burgtheater aufgeführt, während Dollfuß mittels Notregierungen regierte und Parlament ausgeschaltet war RÖBBELING & GESCHICHTE BURGTHEATER Röbbeling: Zu Beginn seiner Amtszeit (Burgtheaterdirektor): Vortrag in österr. Völkerbundliga, der Völkerverbindende des Theaters betonte Menschen sind zwar kulturell verschieden, im Kern aber miteinander verbunden 16 „Almanach der österreichischen Bundestheater“ (konkrete Werkreihe) Sinn: repräsentative Dichtung soll spezifischen Nationalcharakter auf Bühne bringen + für andere Volksart Verständnis → Umsetzung von 12 Inszenierungen (von 15) ausländischen Werken, beginnend mit „Ein Bruderzwist in Habsburg“ von Franz Grillparzer → davon 2 italienische: Campo di maggio (Forzano & Mussolini) & Il bugiardo (Goldonis), eig wäre aber La Gioconda vorgesehen gewesen Festspielzyklus „Stimmen der Völker im Drama“ → Spielte sich vor Hintergrund einer öffentlichen Diskussion über das österreichische „Nationaltheater“ ab Gründung Burgtheater (nicht mit Jahreszahl zu beantworten): → Kaiser Leopold großes Hoftheater in Wiener Hofburg, Maria Theresia ließ Hofballhaus zu „Theater nächst der Burg“ umbauen (vor allem französische Dramen und italienische Opern) vs volkstümliches „Theater nächst dem Kärntnerthor“ (deutsche/mundartliche Stegreifkomödien improvisiert, Figur Hanswurst) → In 1760er: Verbreitung der Ansichten von Literaten (Gottsched, Lessing) im Bürgertum unter Federführung Joseph von Sonnenfels traten ein für deutsches Nationaltheater im Sinne einer regelmäßigen Bühnen mit feststehenden, hochdeutschen, moralisch belehrenden Texten (nicht im Sinne des Kärtnertortheaters) → Kaiser Joseph II. (Sohn Maria Theresia) Führung des „Theaters nächst der Burg“ als „Teutsches National Theater“ deutschsprachiger Spielplan hielt jedoch nicht lang, Umbenennung bald darauf: „Kaiserlich- Königlichen National-Hofschauspieler“ (K.K. Hofburgtheater später durchgesetzt, auch für Neubau 1888 an Wiener Ringstraße) → 1934 Version der Burgtheater-Geschichte von Rudolph Lotar: Wiener Hof sei nicht national (Gemisch aus europäischem Adel), wahre nationale Kunst Wiens in Buden und Ballhäusern + in Stegreifposse und extemporierte Burleske Hofburgtheater sei Protest gegen diese Kunst gewesen (Hanswurst entthronen und totschlagen) // Aufgabe Röbbelings sei es, Burgtheater als wahrhaft „Nationales Theater Österreichs“ zu führen mit österreichischer Kunst → Burgtheater-Buch von Germanist Heinz Kindermann (nach Ständestaat und Ostmark): für ihn ist im Gegensatz zu Lothar das österreichische Nationaltheater nicht nur die Volkskunst Wiens sondern eine großdeutsche Kulturinstitution (es müssen auch wichtige Werke fremder Nationen berücksichtigt werden, ausgenommen Shakespeare) „da wir heute in rassisch umgrenzbaren Volkheiten denken“ (=Nationalsozialismus) Auswahl des die einzelnen Völker vertretenden Dramas der Weltliteratur wird sicherlich anders aussehen als Röbbelings ‚Stimmen der Völker in Dramen‘ sich Nationen vorstellte → Ankündigung Röbbelings, dass Zyklus der Völkerverbindung dienen solle, ist teils im Widerspruch (Hundert Tage), aber teils auch richtig (Ein Bruderzwist in Habsburg / Florian Geyer – darin sind Nationen völkerrechtliche Staaten bzw. AUT und Deutschland, aber keine ‚rassisch umgrenzbaren Volkheiten‘ im Sinne NS) 5. HYMENCHAOS In Beitrag der Fox Tönenden Wochenschau über die "Türkenbefreiungsfeier" am 14.5.1933 in Wien ist zu hören, wie im Schlosspark Schönbrunn die österreichische Bundeshymne gespielt wurde → Aufnahmen zeigen: Ende der Kundgebung im Park Flugzeuge des Heimatschutzes fliegen über Schloss, Heimwehrmänner rufen und winken während Bundeshymne spielt → Anschließend sind Nationalsozialisten auf der unteren Mariahilfer Straße zu sehen, die mit dem Deutschlandlied gegen die Parade der Heimwehren von Schönbrunn in die Innenstadt protestieren Die in beiden Fällen gleich klingende Melodie ist in Schönbrunn nur instrumental, bei den Demonstrationen aber mit folgendem Text zu hören: "Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!" Wie kam es, dass ein und dieselbe Melodie für gegensätzliche Ziele eingesetzt wurde, nämlich sowohl für den Erhalt des Staates Österreich als auch für dessen Anschluss an das Deutsche Reich? → Unmittelbare Ursache des Hymnenchaos => politische Beschlüsse, die um 1929/1930 in Österreich gefasst wurden → Eigentlich führt Frage aber wesentlich weiter zurück, nämlich zu der Beauftragung Joseph Haydns zu Komposition eines Lobgesangs für Franz II. (spätes 18 Jhdt.) 1. Entwickelte sich mit wechselnden Texten zur österreichischen Kaiserhymne 2. diente aber auch Heinrich Hoffmann aus Fallersleben (Dichter und Germanist) als musikalische Grundlage für das Lied der Deutschen (wurde 1922 zur Nationalhymne der Deutschen Republik erklärt) 3. Karl Renner, österreichischer Kanzler und Sozialdemokrat, ließ 1920 eine Hymne auf „Deutschösterreich“ verfassen & von Freund Wilhelm Kienzl vertonen, da die monarchisch belastete Melodie (Kaiserhymne) seiner Meinung nach nicht als republikanisches Schutzsymbol geeignet sei => einzige andere Melodie (nicht Haydns Melodie) 17 4.30 Jahre später (ca. 1930) nutzten regierenden Christlichsozialen eine Verfassungsreform als Gelegenheit, das ehemalige „Kaiserlied“ mit neuem Text von Ottokar Kernstock offiziell als Bundeshymne einzuführen Hörte man also 1930 die Melodie Haydns (GELB MARKIERT) konnte das 3 politische Souveräne bedeuten: habsburgischer Kaiser, deutsches Volk, österreichischer Staat ENTSTEHUNG DES KAISERLIEDES 1792–97 Koalitionskrieg gegen Frankreich → Noch bevor Franz (habsburgischer Thronerbe) zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt wurde, Kriegserklärung Frankreich Teil der Hymne „Gott erhalte“ entstand zu dieser Zeit, als der Kaiser göttlichen Beistand benötigte → Krieg zog sich lange, bis Napoleon sich in Oberitalien durchsetzte (1796) 1795 Marseillaise als frz. Nationalhymne entstand anlässlich der Kriegserklärung an AUT 1796 setzte sich Frankreich unter Napoleon Bonaparte in Italien gegen Österreich durch 1796: Offizieller Auftrag an Lorenz Leopold Haschka (vom damaligen Regierungspräsi NÖ: Franz Josef Graf von Saurau), nach Vorbild des britischen God save the King ein "Nazionallied" zu verfassen, das "die treue Anhänglichkeit des Volkes an seinen guten und gerechten Landesvater vor aller Welt" verkünden sollte GOTT, ERHALTE DEN KAISER (KAISERLIED) God save the King diente als Muster vor allem inhaltlich Auftragswerk sollte sich aber auch gegen Marseillaise richten Text 1796 von Lorenz Leopold Haschka/ Musik 1796/97 von Joseph Haydn Haschka wählte Romanzenstrophe mit dem Titel „Gott, erhalte den Kaiser“ statt Dreivierteltakt und daktylische Versfüße (wie im Englischen: je eine und zwei unbetonte silben: Send him victorious/Happy and glorious“ Aufbau & Allgemeines Jede Strophe hat 8 trochäische Vierheber, die kreuzweise gereimt sind & abwechselnd klingend und stumpf enden → = in den ungeraden Versen folgen jeweils 4 Hebungen und Senkungen aufeinander → = in den gerade Versen fehlt die letzte Senkung Refrain des Liedes = Kehrreim Wörter „Gott“ und „Franz“ werden wiederholt und akzentuiert regelmäßige Betonung entspricht Gebetscharakter des Textes (bittet Gott, den Kaiser zu behüten) Obwohl Graf Saurau von „Nazionallied“ spricht, handelt es nicht vom Volk Lande und Völker sind im monarchischen Souverän vereint, dessen göttlich inspirierter Wille seines Untertanen Gesetz ist (Strophe 3) Haschka lieferte also Hymne an den Kaiser, umgesetzt in lyrisch vertrauter Form (wie z.B. von Schiller in Ode an die Freude verwendet) Haydn war von seiner Melodie so fasziniert, dass er diese umgehend in „Kaiserquartett“ variierte und sie gegen Ende seines Lebens täglich am Klavier spielte Kaiserlied im 19. Jhdt. Uraufführung am 29. Geburtstag von Franz II. am 12.2.1797 im Hofburgtheater in Wien Text auf Handzetteln an Publikum ausgeteilt & gemeinschaftliches Singen (Wiener Zeitung berichtete: Lied vom berühmtesten Tonsetzer unserer Zeit) Entstanden als Hymne an Franz II. (1792–1806), den letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, aber etabliert als Hymne an Franz I. (1804–1835), den Kaiser von Österreich → Weil Franz II. 1804 (wegen der Ernennung Napoleons zum Kaiser der Franzosen) das Kaisertum AUT angenommen und 1806 (wegen der Gründung des napoleonischen Rheinbundes) die deutsche Reichskrone niedergelegt hat (Kaiser Heiligen Römischen Reichs) erklärte Heiliges Römisches Reich für aufgelöst und regierte nun als Franz I., Kaiser von Österreich 18 Richtiger offizieller Einsatz des Kaiserlieds ab 1809 erstmaliger Sieg über Napoleonische Truppen (unter Erzherzog Karl = Bruder Kaiser) & dann 1814/1815 bei Veranstaltungen im Rahmen des Wiener Kongresses (territoriale Neuordnung Europas nach Abdankung Napoleon) Erst 1826: Einführung im Heer liegt wsl daran, dass Haydns Melodie wenig kriegstauglich ist & mit mangelnder Nationalität der vielsprachigen Armee (nur der Name war: österreichische Armee) Nach dem Tod Franz I. in 1835: zwei neue Textversionen Hymne für Sohn Ferdinand (unpopulär) Ab 1854 neue Textversion von Johann Gabriel Seidl blieb bis Ende der Monarchie in 1918 → ehrt nicht mehr den individuellen Herrscher, sondern "Habsburgs Throne", → beginnt mit Versen: "Gott erhalte, Gott beschütze / Unsern Kaiser, unser Land!" → Land wird genannt „Österreich wird ewig stehn“ jedoch mit „Habsburgs Throne“ vereint → Aus Kaiserhymne wurde eine Art Familienhymne, die in vierten Strophe 2 habsburgische Wahlsprüche zitiert → Kaiser ist trotz Titel „Volkshymne“ Zentrum des Textes → Entsprechend Wahlspruch Franz Josephs „viribus unitis“, sollen sich heterogene Kräfte Österreichs in souveränen Monarchien vereinen → „Österreich“ = Name Territorium, dessen Grenzen sich ändern, „ewig“ wird aber das Haus Habsburg bestehen (AEIOU – Austria erit in orbe ultima von Friedrich III.) DAS LIED DER DEUTSCHEN Germanist und Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben schrieb im Sommer 1841 auf Helgoland (britische Insel in der Nordsee) Das Lied der Deutschen. → Hoffmann benannte sich nach seinem Herkunftsort „von Fallersleben“ → hatte gerade seine Unpolitischen Lieder veröffentlicht, darunter z.B. das Gedicht „Der deutsche Zollverein“ (Auflistung zollfrei gehandelter Waren: Fenchel, Bricken, Kühe, Käse, …): 2. Strophe = dankte den Waren, dass sie ein stärkeres Band um das deutsche Vaterland binden als die souveränen Fürsten des Deutschen Bundes verlor dadurch das Professoramt, wurde dafür aber als Dichter/Sänger berühmt (weil Gedicht thematisch & metrisch Staatenbund verspottete metrisch, weil es Hymne des Kaisers von AUT entsprach) Erschienen im Sept. 1841 bei Hoffmann und Campe in Hamburg, Titelblatt vermerkt: "Melodie nach Joseph Haydn's: 'Gott erhalte Franz den Kaiser, / Unsern guten Kaiser Franz!'" → Österreich existiert nicht im Deutschlandlied → Dichtete Hymne des letzten römisch-deutschen Kaisers zur Hymne einer künftigen deutschen Nation um Das Lied wurde v.a. nach der Revolution von 1848 zu einem Symbol der deutschen Einheit. Nationalsozialisten, die am 14. Mai 1933 das Lied der Deutschen als Protest sangen sangen erste Strophe im Sinne einer „Großdeutschen Nation“ (bereits im Wortführer der Revolution 1848 gefordert) → Anhänger des NS-Regimes konnten sich jedoch nicht auf Rechtsstaatlichkeit und bürgerliche Freiheit berufen, weil bereits die Nationalliberalisten für Hoffmanns Text „Einigkeit und Recht und Freiheit“ eingetreten waren 1922 wurde das Deutschlandlied zur Nationalhymne der Deutschen Republik erklärt (durch Friedrich Ebert) → Ebert bezog sich ausdrücklich auf 3. Strophe, welche seit 1952 erneut als Hymne gesungen wird → NS-Regime hingegen kombinierte ersten Strophen des Deutschlandsliedes und des Horst-Wessel-Liedes (materialistische Parteihymne NSDAP) so wurden sie auch bei nationalsozialistischer Kundgebung in Wiener Engelmann-Arena nach Türkenbefreiungsfeier (quasi eigene nationalsozialistische Feier) gesungen Textanalyse & Buch von Philipp Wilhelm: Text beginnt mit Ellipse und Hyperbel (=ersten beiden Verse sind unvollständig und übertrieben formuliert) → Es ist nicht klar, ob Deutschland über alles „geliebt“ oder „gestellt“ wird (Sehnsucht oder Überlegenheit deutscher Nationalstaat bleibt unklar) sowohl Vaterlandsliebe als auch nationale Vollmachtstellung hängen von Bedingung ab, dass Volk „brüderlich zusammenhält“ um sein Land zu verteidigen → „alles“ bezeichnet entweder das, was Menschen wichtig ist, oder meint die anderen Völker der Welt → Je nachdem, wie Zeilen verstanden werden entweder patriotisches oder nationalistisches Gedicht Biografie von Hoffman lässt eher auf patriotische Variante schließen Für nationalistische Deutung spricht, dass Anfangszeilen vermutlich auf dieses „geflügelte Wort“ anspielen geht zurück auf 1684 erschienenes Buch von Philipp Wilhelm von Hörnigk: „Österreich über alles, wenn es nur will. Das ist: wohlmeinender Fürschlag Wie mittelst einer wolbestellten Lands-Oeconomie die Kayserl. Erbland in kurzem über alle andere Staat von Europa zu erheben / und mehr als einiger derselben / von denen andern Independent zu machen. 19 → Buch empfiehlt Leopold I. nach Befreiung der Türkenbelagerung seine Erblande wirtschaftlich unabhängig zu machen mit dem Ziel: politische Behauptung AUT gegen Frankreich unter Ludwig XIV → Heinrich Gerstenberg (Veröffentlicher: Hoffmann) publizierte 1933 eine Studie zu Deutschland & stellte Hörnigks Buch als die „Wiege unserer deutschen Nationalhymne“ dar. → Buchtitel (Österreich über alles, wenn es nur will!) wurde aber auch von Dollfuß bei Abschlussrede der Türkenbefreiungsfeier am 14. Mai 1933 verwendet (als „ein altes einfaches deutsches Wort“) Was meint Hoffmann eigentlich mit Deutschland (welches, über alles geliebt/gestellt wird)? Von der Maas (preußisch-niederländische Grenze) bis an die Memel (preußisch-litauische Grenze) Von der Etsch (Südtirol) bis an den Belt (Dänemark, Ostsee) → Territorium geht vor allem in Osten deutlich über das Gebiet des Deutschen Bundes hinaus → Hoffmann wollte keine politischen Grenzen ziehen, sondern Grenzregionen der deutschen Sprache er wurde beeinflusst von romanischer Literatur und Werk der Brüder Grimm → Hoffmanns Werke sollten zur Dokumentation des Deutschtums beitragen → Germanische Perspektive des deutschen Volkslied von Hoffmann: AUT, dessen deutschsprachiges Gebiet das Lied der Deutschen miteinschloss, kann keinen eigenen Nationalstaat bilden HYMNE AUF „DEUTSCHÖSTERREICH“ & ÖSTERREICHISCHE BUNDESHYMNE Bei Türkenbefreiungsfeier spielte man auch Haydns Melodie, Text der dazu gesungen wurde ist aber unklar → Vermutlich sangen die meisten Heimwehrleute aus Gewohnheit Seidls Melodie (=Kaiserlied?) → Neuer Text von Kernstock (Bundeshymne ab 1929) konnten wsl. nur wenige Entscheidend war aber grds dass Haydns Melodie erklang und nicht jene der inoffiziellen Hymne Deutschösterreich (komponiert von Wilhelm Kienzl) → wurde zuvor 10 Jahre lang auf Entschluss von Karl Renner gespielt, weil laut ihm die Melodie der Kaiserhymne nicht für neu gegründete Republik verwendet werden sollte da Bundesheer aber trz Lied zur Verteidigung der Gruppen benötigte, verfasst Renner (sozialdemokratischer BK) selbst einen Text → Pries „Deutschösterreich“ als „herrliches Land“ und „tüchtiges Volk“ → War wenig poetisch, Kienzl vertönte Verse nur ungern, weil seine Komposition jene tolle Haydns ersetzen sollte → Zweifel von Kienzl waren berechtigt: Hymne wurde nicht bekannt und beliebt Im Zusammenhang mit Verfassungsreform 1929 => Haydns Melodie + Text Kernstock wurde zur offiziellen Österreichischen Bundeshymne (auf Antrag der Christlichsozialen Partei und Zustimmung Ministerrat) Gab jedoch keine offizielle Dekreditierung von Renners Hymne auf Deutschösterreich Minister konnten immer noch Dienstanweisungen mit Hymne geben → Erlass von Unterrichtsministerium wurde jedoch konterkariert durch Präsident des Wiener Stadtschulrates Otto Glöckel in Wiener Schulen soll 1. Und 3. Strophe des Deutschlandlieds gesungen werden um „nationale und republikanische Erziehung der Jugend zu fördern“ (Sozialdemokraten waren seit Herbst 1918 ja für Anschluss von Deutschösterreich an Deutschland) → weiterer Erlass forderte dann bei offiziellen Anlässen jedoch Text von Kernstock (Hymne Haydn mit Text Kernstock) neue Verse zur alten Hymne (Kaiserlied) entstanden unmittelbar nach Ende des WK Kernstock (Pfarrer)verfasste Gedicht zu Kaiserlied angeregt von „heimattreuen Landsgenossen“ Strophen enden in urspr. Version jeweils mit Zeile: „Gott mir dir, Deutschösterreich!“ 1922 in Kernstocks letzten Gedichtband: Änderungen aufgrund politischer Verhältnisse → „Deutschösterreich“ auf „mein Österreich“ → Strich 3 Strophe („Osterland bist du geheißen, / und vom osten kommt das Licht.“ …) 20 weil konservative Regierung den Staat Österreich nicht mit „bolschewistischen“ Osten in Verbindung bringen wollte nur 1., 2. Und 4. Strophe wurden zum offiziellen Text der Bundeshymne erklärt Kernstocks Verse lesen sich wie Mischung aus „Gott erhalte“ (Kaiserlied) und „Deutschlandlied“ → Gesegnet wird nicht mehr Kaiser, sondern „Heimaterde“ (1. Version „Deutsche Heimat“) → „Deutsch“ ist auch „Arbeit“ und „Liebe“ jener Menschen, die in „Vaterland“ leben → Vaterland = Österreich, wird aber als Teil einer deutschsprachigen Volksgemeinschaft beschrieben → Name „Deutschösterreich“ wurde im völkerrechtlichen Vertrag von St. Germain untersagt → „Österreich“ war nun keine Monarchie mehr, sondern demokratische Republik (2. Strophe) → 3. Strophe erinnert zwar an Geschichte (vorbildliche Ahnen), ruft jedoch Jugendliche dazu auf Österreich anzuerkennen und gemeinsam aufzubauen (so schrieb es auch Reichspost) SCHUSCHNIGG UND BEGINN NATIONALSOZIALISMUS Zuerst Haydns Melodie als Kaiserhymne, dann dichtete es Hoffmann zu deutscher Nationalhymne um Kernstock verfasste Text jedoch für Staatshymne (hier zeigt sich, wie veränderlich der Sinn des Wortes Österreich war bezeichnet es Besitztümer? Teilgebiet einer Volksgemeinschaft? Völkerrechtlich begrenztes Gebiet?) Musikalische Grundlage der Hymne ermöglichte all diese Deutungen 5 Jahre nach Türkenbefreiungsfeier endete offizielle Geltungsdauer von Kernstocks Versen Unter Druck des NS-Regimes erklärte Schuschnigg am Abend des 11. März 1939 seinen Rücktritt mit Radioansprache Schloss Radioansprache mit Herzenswunsch: „Gott schütze Österreich“ → Seine Anhänger bekräftigen Rede mit Ruf „Österreich!“ → Nationalsozialisten im Bundeskanzleramt hingegen stimmten Deutschlandlied dagegen an → Um Gesang zu unterbrechen: Schuschniggs Bruder Arthur, der bei Radio Wien arbeitete und für Schallplatten- Konzerte zuständig war, legte instrumentale Fassung der deutsch-österreichischen Hymne auf (=2. Satz von Haydns „Kaiserquartett“) ob es ein Anschluss oder Abschluss war, konnten Hörer selbst entscheiden 6. MARSCH AUF WIEN GESCHICHTE DER HEIMWEHREN Entstehung paramilitärischer Heimwehren nach dem Ersten Weltkrieg Türkenbefreiungsfeier wurde von paramilitärischem Verband, der sich aus regionalen Heimwehren zusammensetzte, abgehalten & seit 1931 „Österreichischer Heimatschutz“ hieß Monarchie der Habsburger war vorbei, neue Republik (Deutsch-)Österreich war noch fraglich → Man hatte von Rätediktatur in Ungarn und Bayern gehört & sich auf alles vorbereitet (sagte ein Heimwehrmann) 1923 vereinigten sich westlichen Landesverbände zum „Alpenklub“ & wählten Tiroler Landtagsabgeordneten Richard Steidle zum Vorsitzenden → 4 Jahre später: Steidle wurde zum ersten „Bundesführer“ der österreichischen Heimwehren → Föderale Struktur spiegelte sich in Türkenbefreiungsfeier wider ab 1927 grüne Windjacke und Tirolerhut mit Spielhahnfeder als Uniform (getragen bei Feier) → für Heimatschützer bedeutete dies „bodenständige Haltung“ → für Sozialdemokraten zeigte es wie provinziell und rückständig „Hahnenschwänzler“ waren Heimwehrmänner bei Feier waren unbewaffnet und zum Großteil ohne militärische Ausbildung (nur zu Beginn) War Verband von Freiwilligen (Männer konnten an Versammlungen teilnehmen, mussten aber nicht) Ab 1932 Heimatblock in der Bundesregierung 21 STARHEMBERGS ROLLE Versuchte die Militarisierung des Heimatschutzes voranzutreiben stellte in OÖ vorbildliche Truppen auf Rüstete einige „Jägerbataillone“ aus und marschierte publikumswirksam in Städten auf 1930 wurde er Bundesführer, hatte sich aber so schwer verschuldet, dass er vorübergehend zurücktreten musste 1932 kamen finanzielle Mittel von Mussolini Türkenbefreiungsfeier sollte als Marsch auf das „Rote Wien“ inszeniert werden → Wsl gegen 20.000 Menschen (nicht 40.000 wie laut Heimwehr) bei Feier, trz wurden Starhembergs Erwartungen übertroffen → In Rede: stichelte gegen Nationalsozialismus (bedroht AUT Souveränität) und Sozialdemokratie (liberale Weltanschauung) → Positionierung entsprach ideologischen Vorstellungen Mussolinis an Dollfuß (Notverordnung regierte) → Am 24. März wurde Vorzensur über Arbeiter-Zeitung verhängt und eine Woche später Republikanischer Schutzbund aufgelöst (=sozialdemokratisches Pendant zu Heimwehren) → Aufmarschverbot wurde für Türkenbefreiungsfeier aufgehoben Begründung: besonders patriotische Veranstaltung (zuvor wurde Sozialdemokraten noch traditioneller Umzug am 1. Mai verwehrt) → Ging um einen Entsatz von Wien = um Befreiung der Hauptstadt von Eindringlingen, die sozialistische Modellregion aufzubauen versuchten (nicht so wie Marsch auf Rom um Macht im Staat) Kampf gegen die Roten war Triebfeder für österreichische Heimwehren (diese besetzten Rathaus seit Ende der Monarchie und arbeiteten auf proletarische Revolution hin) → Angeblicher Beweis der Gefahr, die von Roten ausgeht: 1926 in Linz beschlossenes Programm, dass sich klar zur demokratischen Regierungsform bekannte, es im Fall einer bürgerlichen Gegenrevolution aber nicht ausschloss, den Widerstand der Bourgeoise mit den Mitteln der Diktatur zu brechen → Daraufhin: "Korneuburger Eid" (1930) bei Führertagung der Heimwehren gegen "westlichen demokratischen Parlamentarismus" und für den Aufbau eines autoritären Ständestaates (=Faschismus) Orientierung an Mussolinis Faschismus Heimatschutz war mit politischen Partei = Heimatblock, in Bundesregierungs Dollfuß’s vertreten → Guido Jakoncig war Handelsminister, Emil Fey (Heimwehrführer 1932) wurde Staatssekretär für öffentliche Sicherheit & Sicherheitsminister kurz vor Türkenbefreiungsfeier Christlichsoziale Partei des Bundeskanzlers war auch konservativ und zunehmend autoritär wie bäuerlicher Landbund als dritter Koalitionspartner Heimatblock sprach sich aber offen für (Austro-)Faschismus aus („Weg mit dem Parlament – eine Diktatur muss her!“ forderte Starhemberg bei Rede in Konzerthaus) → Möglichkeit dafür bereits im nächsten Monat, als Bundesregierung den Rücktritt des Nationalratspräsident nutzte, um Grundrechte (Presse- und Versammlungsfreiheit) mittels Notverordnungen abzuschaffen Korneuburger Eid wurde mit Türkenbefreiungsfeier zum österreichischen Staatsprogramm (s.S. 79) PARADEWESEN BEI TÜRKENBEFREIUNGSFEIER Offizieller Teil der Kundgebung startete um 9:45 Uhr Starhemberg, Dollfuß und Fey schreiten die Front der Heimwehrmänner ab, währenddessen: Bundeshymne / ab 11:30 Uhr Marschbeginn → Verlauf Parade: Schönbrunner Ehrenhof – Schlossallee – Mariahilfer – Babenbergerstraße – Ring - Schwarzenbergplatz → Kamen nach ca. 1 1/2h als erste am Schwarzbergplatz an & bildeten Spalier + nahmen restliche Parade ab, ab 13 Uhr Desfileeabnahme Dollfuß & Starhemberg Blick pro forma auf vorderste Reihe mit Stahlhelmen ausgestattete Sturmkompanie → Besichtigung beruhte auf gründlichen „Musterungen“ der Herrhaufen nur jene Söldner, die in gutem Zustand waren, wurden in Musterlisten eingetragen (historisch: Europa seit 15 Jhdt.) → Ludwig XIV. erweiterte militärische Prüfung Revue = nicht nur stillstehen, sondern auch mit Gewehr manövrieren (vor ihm) Exercitium mit dem Feuergewehr 56 Handgriffe und Bewegungen (Gewöhr hoch, Gebt Feuer, …) / für Evolutionen (=Truppenmanöver) gab es noch mehrere hundert Kommandos 22 → Im Lauf des 18. Jhdts entwickelte sich „Kriegstheater“ Truppen werden in geometrischen Formen arrangiert → Ging um Ästhetik aber auch um Einübung militärischer Grundtugenden → Als praktische Kriegsvorbereitung lt. Preußischen Exerzier-Reglement von 1743: Ziel = soldatische Haltung, die nicht nur Körper, sondern auch Moral formte (in Lebensgefahr und ziviler Umgebung) → Entstehung von Volksheeren in den amerikanischen und frz. Revolutionskriegen Napoleons Rolle Spielte in Entwicklung Paradewesen zwiespältige Rolle Zum steht beispielhaft für Militarisierung der höfischen Festkultur (ließ sich als Kaiser in einen Uniform abbilden, veranstaltete regelmäßig Revuen) machte er auch als er in 1809 Wien besetzte und in Schönbrunn residierte → Friedlich Staps nutzte diese Gelegenheit zu Mordanschlag – scheiterte und wurde erschossen Zum Französische Revolutionstruppen führten zu Umbruch in militärischen Ausbildung und anderen Taktik handelte sich nicht mehr um Söldner, die man disziplinieren musste, sondern um motiviertes Volksheer In Parade der Türkenbefreiungsfeier kamen beide militärischen Traditionen zum Ausdruck → Truppen rückten im Gleichschritt voran (wie in preußischem Infanterie-Reglement 1743), Marschmusik gab Takt vor, Fahnen zeigen Verlauf der Marschlinie → Waren aber keine professionellen Soldaten wie im österr. Bundesheer (war damals Berufsheer), sondern überzeugte Freiwillige Verlauf Parade: Schönbrunner Ehrenhof – Schlossallee – Mariahilfer – Babenbergerstraße – Ring - Schwarzenbergplatz Praktische Möglichkeit, auf breiten Boulevards vom Stadtrand ins Zentrum zu schreiten Entlang dieser Strecke fuhren auch habsburgische Monarchen von Sommerresidenz zu Hofburg = kaiserliche Route Heimwehren sollen keine kaiserliche Macht ausstrahlen, sondern militärische Disziplin und regionale Volkstümlichkeit Unterschied wird deutlich, wenn man Kaisereinzug von Leopold I. nach seiner Krönung in Frankfurt nach Schönbrunn und Türkenbefreiungsfeier vergleicht Kaisereinzug Damaliger König Leopold von Böhmen und Ungarn zog von Prag nach Frankfurt, wo Hofstaat feierlich einzog (430 Personen, 2000 Pferde) 4 Monate später Kaiser des Heiligen Römischen Reiches (Krönung am Dom) Rückreise über Nürnberg, München, Linz zu Schloss Schönbrunn Von Schönbrunn über Getreidemarkt auf Mariahilfer Empfang von politischer Abordnung per Handkuss und unter Donner der Geschütze zu Stubentor (östl. Stadttor) Bürgermeister übergibt ihm symbolhaft Stadtschlüssel und macht Weg zu Stephansdom frei über Goldbrokathimmel und Wollzeile Gesang Loblied Te Deum laudamus im Dom & Glockenleuten + Gewehre Kaiser ritt danach durch 3 Triumphbögen über Graben (aus Brunnen lief Wein für Volk) und über Kohlmarkt zum heutigen Michaelerplatz 23 Ankunft bei Hofburg und erneutes Abfeuern Gewehre (=Ende) Bei Rückkehr nach Wien in 1658 Kupferstich = typisch für visuelle Repräsentation der fürstlichen Stadteinzüge im 17. Und 18 Jhdt. → Illustrationen davon mit 1600 Einzeldarstellungen: Zugfolge in Schlangenlinie (sozialer Rang stieg kontinuierlich an -> Galawagen des Kaisers erst am unteren Rand des Stichs) Bei feierlichem Einzug trat Monarch nicht als Kriegsheer auf, sondern als Stellvertreter Gottes auf Erden, dessen Ankunft eine lange Zugfolge vorbereiten und ankündigen musste (damit Volk Erhabenheit bewusst w urde) Kaiser war Hauptdarsteller in diesem ‚sinnlichen Schauspiel‘ ließ sich im Theaterkostüm porträtieren (wäre im 19. Jhdt. für Franz Joseph undenkbar gewesen) Heimatschutz Inszenierte zwar ‚theatrale‘ Türkenbefreiungsfeier, bei der Redner souveräne Position auf Gartenterrasse einnahmen (zentraler Schnittpunkt sternförmige Anlage) Anführer (v.a. Starhemberg) stellten sich aber selbst an Spitze der Heimwehrtruppen und marschierten mit Stahlhelm und Ochsenziemer in Innenstadt Kamen nach ca. 1 1/2h als erste am Schwarzbergplatz an & bildeten Spalier + nahmen restliche Parade ab, ab 13 Uhr Desfileeabnahme Dollfuß & Starhemberg Heimwehrleute senkten beim Vorbeimarsch die Fahnen und richteten Blick zu Führern, die salutierend bestätigten, dass Prüfung bestanden war 7. BELL & HOWELL 2709 AUFNAHMEN DER TÜRKENBEFREIUNGSFEIER Von Türkenbefreiungsfeier gibt es mehrere filmische Aufnahmen In Form von zwei eigenständigen Beiträgen Stumm- & Tonfilm Beide in schwarz-weiß In Jahresschau 1933 der Bundespolizeidirektion in Wien eingegangen & im Filmarchiv Austria erhalten geblieben Stummfilm Tonfilm Hergestellt von Mitarbeitern der Dauert etwas länger Polizei Handelt sich um Beitrag in Fox Tönende Wochenschau Knapp 5 min lang Nicht nur audiovisuell, sondern mit Ton Zeigt Ankunft von Heimwehrleuten Enthält Aufnahmen der Feier in Schönbrunn und Proteste der per Zug, Kundgebung in Schönbrunn anschließenden Heimwehrparade, wo Nationalsozialisten und Parade in Innenstadt bis zum Deutschlandlied singen und marschierenden Heimatschützer Schwarzenbergplatz mit Pfiffen und Buhen begleiteten Filmtechnisch interessant: Aufnahmen der oberen Mariahilferstraße Kamera fährt vor Parade her, schwenkt zu Demonstranten auf Gehsteig und wieder zurück Fotografie zeigt Spitze des Aufmarsches am Beginn der Filmsequenz: 24 Rechter Rand: Kameramann auf Dach eines Autos scheint im Fokus zu stehen, denn sogar Blick von Steidle (Heimwehrführer), der neben Fey and Starhemberg marschiert, ist auf ihn gerichtet Fahrzeug ist klein für professionellen Aufnahmewagen & trägt nicht Namen der Produktionsfirma → Sieht so aus, als hätte man Gestell auf gewöhnliche Limousine montiert, um Kamera mit Operateur und Zubehör am Dach montieren zu können Sehr wsl. machte dieser Kameramann Filmaufnahmen, die in Jahresschau 1933 der Wiener Polizei sind tragen den Zwischentitel der „Fox Tönenden Wochenschau“, die seit 1929 als deutschsprachige Version der amerikanischen Fox Movietone News herauskam → Vermutlich war Kameramann selbstständig und verkaufte Aufnahmen an Fox und Paramount Lt zeitgenössischen Filmzeitschriften: nicht nur Fox brachte Bilder von Türkenbefreiungsfeier sondern auch Wochenschau von Paramount Außerdem war Wiener Selenophon Licht- und Tonbild GmbH vertreten → Hergestellter Tonfilm, der in österreichischen Engel-Woche erschien, ist nicht erhalten geblieben → Selenophon produzierte im Auftrag des Bundeskanzleramts auch die „vaterländische Wochenschau“ Österreich in Bild und Ton, die im Juni 1933 in Kinos anlief hatte aber keinen Beitrag zu Türkenbefreiungsfeier BELL & HOWELL 2709 Vermutlich das Modell der Kamera auf dem Bild (Türkenbefreiungsfeier) → Metallrahmen, Objektivrevolver, doppeltes Filmmagazin, seitlicher Sucher → Diese Ausführung: bis zu 26 Bilder/Sekunde und nicht schallgedämpft → Betriebsgeräusch Kamera (ähnlich wie Nähmaschine) war erst ab Umstellung auf Tonfilm Ende 1920er ein Problem → Aufnahme der Türkenbefreiungsfeier: 24 Bilder/Sekunde, Tonspur in Sprossenschrift (NICHT Zackenschrift wie bei Amplitudenverfahren) aufgezeichnet, 35mm-Film Standardmodell des amerikanischen Herstellers Bell & Howell, Typennummer 2709 bekannt für Filmstudios Kamera auf Türkenbefreiungsfeier wurde von Synchronmotor betrieben (war Zusatzmotor ACHTUNG: Modell hatte auch schon elektrischen Antriebsmotor!) → Dieser gleichmäßige Antrieb ermöglichte Aufnahme von 24 Bildern/Sekunde und synchronen Lichtton In Filmband sind rechts fotografische Bilder und links daneben Tonstreifen einheitlicher Breite, aber unterschiedlich intensiver Schwärzung enthalten → Technik: Schwärzungs- und Intensitätsverfahren, im Gegensatz zu Schwarzweiß-/Amplitudenverfahren Filmkamera entspricht nicht Stand der Technik von 1933: gab bereits leichtere Kameras (z.B. Eyemo, 3 kg. leicht, elektrischer Antriebsmotor) Gründe für die Verwendung der Bell & Howell 2709 → 2709 stammte zwar aus 1912 und wog mit Filmmagazin, Objektiven und Zusatzmotor beinahe 20 kg, war aber für Zuverlässigkeit und Langlebigkeit bekannt → Ev rentabler für Kameramann, ältere Kamera aufzurüsten → Komplette Studiokamera und damit vielseitig einsetzbar Bezeichnung „Standardkamera“ bezieht sich nicht auf Erfolg, sondern auf 35mm-Format, zu dessen Standardisierung als „Normalfilm“ diese Kamera wesentlich beitrug 25 Donald Bell schrieb in Brief an Zeitschrift „International Photographer“ größte Hoffnung von ihm war immer Standardisierung für Filmindustrie → Sein & Howells 35mm-Format hat sich in nächsten 30 Jahren international durchgesetzt → Formal gesehen: kaum Unterschied der Bilder im professionellen Filmmarkt & weder bei Aufnahme, noch Wiedergabe konnte per Hand beeinflusst werden, wie schnell Filmband durch Apparat lief folglich bewegten sich Heimwehren bei Marsch auf Wien im Gleichschritt Filmformat entsprach gleichsam der Uniformität des Motivs FRÜHGESCHICHTE DES FILMS Versuche, nicht nur Stillstehendes, sondern auch Bewegungen bildlich festzuhalten, seit Erfindung der Daguerreotypie in den 1830ern → Erste Rollfilme, die George Eastman für seine Koda-Kameras herstellte, waren 70mm breit Edison ließ 70mm Film halbieren & verwendete für sein 1893 patentiertes Kinetoscope, einen Guckkasten zur individuellen Filmbetrachtung (35mm-Format) 1900: Vielfalt von Projektoren waren in Gebrauch Filmbreiten variierten stark Donald J. Bell war Filmvorführer in Chicago und kannte daher Schwächen untersch. Formate & Perforierungen → Auch wenn Filmband in für Show vorhandenen Projektor passte (war selten), passierte es oft, dass es beim Kurbeln auf der Führung geriet war kein Eindruck fließender Bewegung, eher unregelmäßig und flackernde & verschobene Bilder Mitte der 1890er Jahre präsentieren die Brüder Lumière den Cinématographe, die Brüder Skladanowsky das Bioscop und Edison das Vitascope (Leben = Bewegung) → Bei gut geplanten Vorstellungen stellten erstmalig Leben als Bewegung dar → Im Frühjahr 1896 wird der Cinématographe in der Kärntner Straße in Wien vorgestellt. → Kinematografie verbreitet sich zunächst als Jahrmarktsattraktion, v.a. im Prater, ab ca. 1905 entstehen sog. Kinotheater (Zusammenhang mit Hotel Central!) Bell war sich Problemen bei der Arbeit als Projektionist (S. 90) bewusst Zusammenschluss mit Maschinenbauer Howell & erste gemeinsame technische Innovationen → Vorrichtung zur Bilderstellung, die 35mm-Film über fixierte Passstifte (fixed pilot pins) transportierte → Kopiergerät, das 35mm-Filme mit gleichem Transportmechanismus vervielfältigte → Firma sorgte dafür, dass Film zuverlässig und gleichmäßig durch Aufnahme- und Wiedergabeapparte befördert werden konnte Erste Aufnahme eines lebenden Menschen Erste Kamera Bell & Howell Hatte zwar innovativen Führungsmechanismus, war aber noch mit Hold und Leder verkleidet 1912: Modell 2709: vollständig aus Metall (erste!) Zwei Magazine: 1 für Roh und 1 für belichteten Film 26 Weitere Besonderheit: Revolver für 4 Objekte Ermöglichte Scharfstellung und erleichtere Arbeit der Kameraleute → Um Motiv zu fokussieren, musste Kamera auf einer am Stativ befestigten Metallplatte von rechts nach links geschoben werden und Objektivrevolver um 180 Grad gedreht werden dann konnten Kameraleute Linse einstellen, ohne dass Rohfilm belichtet wurde → war auch einzige Möglichkeit exakt zu sehen, was später gefilmt werden sollte Sucher zeigte Motiv seitlich verschoben an „Sucherparallaxe“ ob Aufnahmen brauchbar sind, zeigt sich erst nach Entwicklung des Films → Handkurbel des Modells 2709 war kugelgelagert erleichterte Filmantrieb + bessere Bildqualität TONFILM ENTWICKLUNG Problem des Betriebsgeräusch der Kamera → Zunächst: Filmstudios verwendeten schalldämmende Hüllen (blimps) & leiser laufende Kameras als 2709 Mitchell mit Modellen NC (1932) und BNC (1934) bewältigte Problem besser als Bell & Howell (mit 16mm- Format eher für Amateurfilme verwendet dann) Tonfilm erforderte nicht nur Verringerung Kamerageräusche, sondern auch konstante Aufnahmegeschwindigkeit von 24 Bilder/Sekunde um Ton & Bild synchronisieren zu können → Für Modell 2709 gab es seit 1919 elektrischen Antriebsmotor, der deutlich kleiner als massiver Synchronmotor war, der bei der Türkenbefreiungsfeier verwendet wurde 8. GYMNASTIK DER WAHRNEHMUNG N.S. TON-BILD-BERICHT 2.0 War ein Flickwerk aus fotografischen Bildern und Lichttonaufzeichnungen (Montage), das erst nach Kopiervorgang (zumindest materiell) wieder als einheitlicher 35-mm Film erschien Reichspropagandaleitung NSDAP in Berlin brachte im Sommer 1933 den N.S. Ton-Bild-Bericht Nr. 2 heraus => vierte und letzte Beitrag dieses 530 m langen Films (= bei 24 Bildern pro Sekunde ca. 20 min) trägt Zwischentitel "Österreich!" beginnt mit Texttafel über „Vernichtungsfeldzug“, den Dollfuß „gegen den Nationalsozialismus“ führe → Folgen Aufnahmen von Schlagzeilen aus deutschen NS-Zeitungen „Der Angriff“ und „Völkischer Beobachter“ über „wachsende Gärung“ und „christlich-soziale Verschwörung“ in Österreich AUT kämpft gegen NS = dem einzigen Garanten des großdeutschen Gedanken → Dieser Abschnitt des 35-mm-Tonfilms befasst sich mit dem Wochenende des 13. und 14.5.1933, als NS- Politiker aus Deutschland Wien besuchten und die "Türkenbefreiungsfeier" in Schönbrunn stattfand Dollfuß sagt in Aufnahme, dass sich „Fremdgeist, fremde Ideen“ im Volk eingenistet hätten und „böses Unheil“ angerichtet hätten (mit Fremdgeist ist sozialistische Ideologie der Sozialdemokratie und Nationalsozialisten gemeint – S. 133) → kombiniert Teile einer Fox Tönenden Wochenschau mit Aufnahmen, die vermutlich die österreichische Landesfilmstelle der NSDAP gemacht hatte (um Realitätseindruck zu erzeugen => Manipulation ↓) während man Starhemberg sieht, behauptet Kommentator, dass zu selben Stunde die deutschen Minister Kerrl und Frank in Wien empfangen wurden (war eigentlich schon am Vortag) → Ankunft der deutschen Politiker wurde als Positiv dargestellt (Frauenfeld: „lieber Empfang“) → Aufnahmen jubelnder Nationalsozialisten → NS-Anhänger gezeigt, die in Nähe des Technischen Museums, Deutschlandlied singen werden von Polizisten gewaltsam an Rand der Mahü gedrängt, um Weg für Heimwehrparade frei zu machen → vorhandenen Tonspuren wurden teilweise durch Kommentare eines männlichen Off-Sprechers ersetzt („Weg der Unterdrückung und Verbote ist gefährlich, wenn man Mehrzahl des Volkes gegen sich hat, deren innere Kraft alles überrennt, was sich ihr in den Weg gestellt hat“ dann Bildwechsel) → danach: Bild bei dem von rechts SA-Truppen mit Hakenkreuzfahnen marschieren, streng geordnet an Hitler vorbei, der Parade abnimmt → letzte Sequenz zeigt NS-Kundgebung in Engelmann-Arena in Wien → Zusammenhang legt nahe, dass es sich um nationalsozialistische „Türkenbefreiungsfeier“ handelt → Tatsächlich wurden Aufnahmen jedoch 2 Wochen früher (1.Mai) gemacht, als NSDAP „Tag der nationalen Arbeit“ feierte (Militärmarsch Preußens Gloria spielt) 27 → Dann spricht Wiener Gauleiter Frauenfeld „Wir werden Kampf gekrönt haben durch Erfolg, Sieg!“ dann: NSDAP-Parteihymne „Horst-Wessel-Lied“ MANIPULATION DER REALITÄT DURCH FILMMONTAGE N.S. Ton-Bild-Bericht Nr. 2 stellt auf mehreren Ebenen die Unwahrheit dar 1. Einerseits inhaltlich, indem