Erziehung und Pädagogik im Altertum PDF
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Ingrid Miethe
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This document explores the concepts of education and pedagogy in ancient times, focusing on key figures and philosophies from Sparta to the Sophists, Socrates, Plato, and Aristotle. It delves into historical aspects of learning and teaching.
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Erziehung und Pädagogik im Altertum „Frage Deinen Vater, der wird dir‘s verkündigen, deine Ältesten, die werden dir‘s sagen.“ (5. Mose 32,7) Prof. Dr. Ingrid Miethe Aus: Winkel (1988) Pädagogische Epochen, S. 19 ...
Erziehung und Pädagogik im Altertum „Frage Deinen Vater, der wird dir‘s verkündigen, deine Ältesten, die werden dir‘s sagen.“ (5. Mose 32,7) Prof. Dr. Ingrid Miethe Aus: Winkel (1988) Pädagogische Epochen, S. 19 Sparta Kinder gehören der Gemeinschaft Auslese der Neugeborenen ab 7. Lebensjahr Ausbildung der Jungen in Altersgruppen unter Leitung des Pädonomen Physische, militärische Erziehung, Disziplinierung Erziehung als Zweck und Dienst Jahrgangssystem Frauen als „Neue-Krieger- Gebärende“ http://www.youtube.com/watch?v=wmfVpROPGJM Olympia und Homer – Das Spiel in der Erziehung (Kampf- und Wettspiel) – Homer: Ilias und Odyssee – Geschichten und Bilder als vollkommenes Streben (Ziel von Erziehung) – Odysseus als Prototyp für Lernfähigkeit – Leistung der Griechen: Erziehung als Gegenstand des Nachdenkens und der planenden Vorsorge (nicht nur der Praxis) Die Entdeckung der Lehrkunst: Die Sophisten „Gott weiß alles; der Lehrer weiß alles besser.“ „Erste Aufklärung“ Dem Anschein misstrauen und nach dem „wahren Grund“ fragen Viele Lehren, nicht eine Wahrheit, die diskutiert werden können (Rhetorik, Lehrgespräch, Bildung als Sprachbildung) Mensch als Maß aller Dinge nicht Mythen Gründung (zu bezahlender) Schulen Position der Sophisten: „Junger Mann, es wird dir also geschehen, wenn du dich zu mir hältst, dass du schon an dem ersten Tage, den du bei mir zubringst, besser geworden nach Hause gehen wirst, und an dem folgenden ebenfalls, und so alle Tage zum Besseren fortschreitest.“ (Protagoras) Gegenposition Sokrates: „Geburtshilfe leisten nötigt mich der Gott, erzeugen aber hat er mir verwehrt. Daher bin ich selbst keineswegs etwa weise, habe auch nichts dergleichen aufzuzeigen (…) Die aber mit mir umgehen, zeigen sich zuerst zwar zum Teil als gar sehr ungelehrig; hernach aber, bei fortgesetztem Umgang, alle, denen es der Gott vergönnt, als wunderbar schnell fortschreitend (…) und dieses offenbar ohne jemals irgend etwas von mir gelernt zu haben, sondern nur aus sich selbst (…) Die Geburtshilfe indes leisten dabei der Gott und ich.“ (Sokrates in Platon) Platon (427 – 348 v.Chr.) Schüler des Sokrates, Lehrer des Aristoteles 386 v.Ch. Gründung der „Akademie“ in Athen Konzeption des „idealen Staates“ Höhlengleichnis (Bildung als Ziehen) Mäeutik: Gedanken gebären Zwei konkurrierende Positionen: Für Platon bedeutet Lernen Widererinnerung, und zwar der Ideen, die die Seele immer schon in sich trägt und die anlässlich konkreter Sinneseindrücke reaktiviert werden. Für Aristoteles ist die Seele eine tabula rasa (eine leere Tafel), auf die Sinneseindrücke eingetragen werden; Lernen bedeutet so gesehen Aufnahme und Speicherung von Sinnesdaten. Weitere Entwicklungen Hellenistische Schulen – ab 400 v.Ch. öffentliche, allgemeine Schulen für Kinder der Freigeborenen – Athen, Milet, Teos – Sportlich-militärische Übung – Lesen und Schreiben nach Buchstabiermethode im Chor → Lernen und Erziehung als Gegenstand des Nachdenkens und der Planung als Leistung der Griechen →Paideia als Lebensform der Griechen Erziehung und Bildung im Mittelalter Aus: Winkel (1988) Pädagogische Epochen, S. 61 Das Mittelalter Ca. 529 - 1517 Analphabetismus weltlicher Herrscher vs. lateinische Schriftsprache des Klerus Kirchliches Bildungsmonopol (Kloster-, Dom- und Stiftsschulen) Ständische Erziehung: Kleriker, Ritter, Bürger Bauernstand bleibt von Bildungsveranstaltungen ausgeschlossen Ziel der Erziehung: Emanzipation von sich selbst und Hinwendung zu Gott Ritterbildung Bis 7. Lbj.: bei Mutter 7. Lbj.: Page auf benachbarte Burg 7 ritterlichen Künste: Reiten, Schwimmen, Pfeilschießen, Fechten, Jagen, Schachspielen, Dichtkunst 14. Lbj.: Knappe 21. Lbj.: Ritterschlag Idealtypus: Parzival → schulfrei und lebensnah → Bedeutung für Kreuzzüge Bürgerbildung Für Handwerk: – Gestufter Aufbildungsgang: Lehrling → Geselle → Meister – Wanderjahre – Orientierung an Erfordernissen der Berufswirklichkeit Für Verwaltung und Handel: – lateinische Stadtschulen Die Klosterschulen Bildung der Kleriker (Mönche und Nonnen, Externe) Unterrichtssprache Latein "sub virga degere" (unter der Rute leben) als Synonym für „zur Schule gehen“ Elementarunterricht und "septem artes liberales" septem artes liberales Grammatik – Rute Rhetorik – Tafel und Griffel oder Lorbeerkranz Dialektik – Schlange oder Hundekopf Arithmetik – Rechenbrett oder Rechenseil Geometrie – Zirkel oder Staubtafel Musik – Musikinstrument Astronomie - Astrolabium Anthropologisch-pädagogische Aspekte Jeder Mensch ist Kind und Ebenbild Gottes – Würde und Einmaligkeit – Erbsünde – Verkündigung der Botschaft Christi – Gott als eigentlicher Erzieher („Lehrer lasst euch nicht nennen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus“ Mt 23,10) – Erziehung zur Nachfolge – Alles, Welt und Mensch hat seinen Ursprung in göttlicher Gnade – Pädagogischer Pessimismus →Christlich emanzipiert ist derjenige, der sich zuallererst von sich selbst emanzipiert und sich in der Liebe und Hinwendung zu Gott in der Erfüllung der gestellten Aufgabe wiederfindet http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/c/c0/Meister_Eckhart_Fragment_1003.jpg/220px-Meister_Eckhart_Fragment_1003.jpg Meister Eckhart (ca. 1260-1328) Dominikanischer Priester Studium in Paris (Magister → Meister) Ab 1311 Lehrer in Paris, Straßburg, Köln Tod während eines laufenden Inquisitionsprozess Begriff der Bildung: (bildunga) Bildung als Gottebenbildlichkeit „Bilden“ wird verstanden als gebildet werden durch Gott, nach dem Abbild Gottes. (imago-dei-Lehre) Die menschliche Seele wird gebildet im Sinne von „nachgebildet“. Bildung ist ein Prozess, auf den der Einzelne keinen Einfluss hat. Es ist nicht die Aufgabe des Menschen, sich zu bilden. Der Prozess wird von außen an den Menschen herangetragen. Das angestrebte Ziel dieses Prozesses ist in der Schöpfung festgelegt und damit durch Gott bestimmt. Gründung von Universitäten Ab 12. Jahrhundert durch Spezialisierung und Anziehungskraft einzelner Klosterschulen Selbstorganisation von Studenten (Bologna) oder Professoren (Paris) gegen kirchliches Bildungsmonopol Ausschluss von Frauen Voraussetzung: Geld, päpstliche Bulle, Universitätsprivileg des Landesherren/ Kaisers vier klassische Fakultäten (Philosophie bzw. artes, kirchliches und weltliches Recht, Medizin, Theologie) Gemeinsamer Beginn in Artistenfakultät Quelle: Schiffler/ Winkler (2011) Tausend Jahre Schule. Eine Kulturgeschichte des Lernens in Bildern. Stuttgart; S. 51 Akademische Grade Artistenfakultät baccalaureus artium licentiatus artium magister artium Drei „höhere“ Fakultäten kirchliches Recht weltliches Recht Medizin Theologie baccalaureus baccalaureus baccalaureus decretorum baccalaureus legum theologie medicine licentiatus licentiatus legum licentiatus licentiatus medicine decretorum doctor legum theologie doctor medicine doctor decretorum doctor theologie kirchliches und weltliches Recht: doctor utriusque iuris Humanismus, Reformation und Gegenreformation Prof. Dr. Ingrid Miethe Veränderungen im 14./ 15. Jh. Entdeckung Amerikas (1453) Gesellschaftliche Umwälzungen – Zurückdrängung des Einflusses des Papsttums – Stärkung des Bürgertums – Erstarken der Nationalstaaten Technische Neuerungen – Erfindung des Buchdrucks – Bedeutung des Geldes – Erfindung der Feuerwaffen Neues Menschenbild: "Erkenne Dich selbst, o göttliches Geschlecht in menschlicher Verkleidung!" (Marsilio Ficino) Neues Weltbild: "heliozentrische Weltbild" 1543 Kopernikus: "Sechs Bücher über die Umläufe der Himmelskörper„ Humanismus Wiederbelebung der gelehrten Welt Mensch als Schöpfer seiner Welt und seiner selbst Leitsprache Latein durch klassische Texte: „Die gesamte Richtschnur unseres Lebens ist in der geistigen Beschäftigung mit der (antiken) Literatur und Wissenschaft enthalten.“ (Papst Pius II) Ablehnung der Scholastiker wegen weltfremder Fragestellungen Ausbildung eines selbstständigen kritischen Denkens „erste Bildungsrevolution der Neuzeit“ Beginn Mitte des 14. Jh. in Italien Erasmus von Rotterdam (ca. 1469 – 1536) „Bürger der ganzen Welt“ Unehelicher Sohn eines Priesters „Keiner kann sich seine Eltern oder sein Vaterland aussuchen, um so mehr kann jeder selbst seinen Geist bilden und sein Benehmen formen.“ „Die Erziehung überwindet alles“ Eigene Entscheidung und Fähigkeit zur Überwindung der Sünde Neue Gesellschaft pädagogisch herstellbar Wichtigkeit der Qualität und Kontinuität von Erziehenden Ablehnung der Prügelstrafe: „gern aber lernen wir, von denen, die wir lieben“ Notwendigkeit einer frühen Bildung Bedeutung der Frühpädagogik 1529: „Über die Notwendigkeit einer frühen allgemeinen Charakter- und Geistesbildung der Kinder“: „Bäume wachsen vielleicht von selbst … aber Menschen, das glaube mir, werden nicht geboren, sondern gebildet.“ Alle Menschen sind prinzipiell bildungsfähig, wenn auch unterschiedlich begabt Vier Bildungsaufgaben: 1) Vorschule der Frömmigkeit, 2) freie Künste der Lust und Liebe, 3) Lernen das Leben zu meistern, 4) umgänglich zu sein Bildungsnotwendigkeit und -willigkeit des kleinen Kindes „Wenn dir die Natur einen Sohn gibt, so übergibt sie Dir nichts weiter als eine rohe Masse. Deine Aufgabe ist es, die nachgiebige und zu allem bildsame Materie in die beste Verfassung zu bringen. Unterlässt du es, so hast du eine Bestie; bist du sorgsam, dann hast du sozusagen ein göttliches Wesen. Sobald das Kind geboren wird, ist es empfänglich für das, was den Menschen kennzeichnet. Daher wende ihm nach dem Ausspruch Vergils schon in den frühesten Jahren eine besondere Sorgfalt zu. Bilde das Wachs, solange es noch ganz weich ist; forme den Ton, wenn er noch feucht ist; fülle mit dem besten Nass den Krug, solange er neu ist; färbe die Wolle, wenn sie schneeweiß vom Walker kommt, noch von keinem Flecken verunstaltet ist.“ Neues Gottesbild: Reformation Matin Luther (1483-1546) 1517 Thesenanschlag 1534: erste Bibelübersetzung Erziehung kann Kenntnisse und Fähigkeiten vermitteln, nicht jedoch den Menschen im Innersten heilen. Dies liegt nur in Gottes Gnade Aufbau Schulwesen als Aufgabe der Kirche Gegenspieler des Erasmus von Rotterdam „dass den Menschen ein freier Wille nicht in bezug auf die Dinge eingeräumt sei, die höher sind als er, sondern nur in bezug auf das, was so viel niedriger ist als er … Im übrigen hat er gegenüber Gott oder den Dingen, welche Seligkeit oder Verdammnis angehen, keinen freien Willen, sondern ist gefangen, unterworfen, verknechtet – entweder dem Willen Gottes oder dem Willen des Satans.“ (Der große Katechismus: Schrift vom unfreien Willen, nach März 2000: 253.) Phillipp Melanchthon (1497-1560) Praeceptor Germaniae (Lehrer Deutschlands) Rektor der Universität Wittenberg – Individuelle Betreuung der Studienanfänger – Schulung der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit Gründung von Schulen – Unterrichtsprache Latein Verfassen vieler Schulbücher Entwicklung didaktischer Prinzipien (Primärmotivation, Wiederholung und Vertiefung, exemplarisches Lernen) Visitation von Schulen →Verbesserungen Lehrbücher der Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Psychologie, Ethik Lobrede auf die neue Schule „Denn die Religion und die heiligen Schriften können nicht überdauern, wenn ihr sie nicht mit Hilfe der Wissenschaften bewahrt. Außerdem fordert Gott, dass ihr eure Kinder zur Tugend und Religion erzieht. Wer keine Mühe darauf verwendet, dass seine Kinder so gut wie möglich unterrichtet werden, handelt nicht nur pflichtvergessen gegenüber Gott, sondern verbirgt hinter einem menschlichen Aussehen seine tierische Gesinnung. … Daher besteht gerade in der wohlgeordneten Bürgerschaft ein Bedarf an Schulen, in denen die Jugend, die Pflanzstätte der Bürgerschaft, ausgebildet wird. Denn wenn einer meint, dass man ohne Unterweisung zu einer wirklichen Tüchtigkeit gelangen könnte, so täuscht er sich gewaltig.“ „Was eure Professoren betrifft, so kann ich euch versichern, dass deren Gelehrsamkeit der von ihnen übernommenen Aufgabe gewachsen ist.“ In: Melanchthon deutsch I (1997) Ev. Verlagsanstalt, S. 100 Johannes Calvin (1509-1564) Studium der Rechtswissenschaft 1536-1538, 1540-1564 Predigeramt in Genf →christlicher Polizeistaat Doppelte Prädestination (Vorherbestimmung): theologisches Konzept, nach dem Gott von Anfang an das Schicksal des Universums und aller Menschen vorherbestimmt hat. – Auserwählte und Nicht-Auserwählte – Pädagogischer Pessimismus – Zuchtmittel mit denen Gott den Menschen an seine Verderbtheit erinnert Kernstück der Erziehung ist die Predigt „Die Jugend ist sehr verdorben, und will man ihnen nicht jede Frechheit erlauben, so beißen sie und bäumen sich auf wie wilde Rosse. Es geht darum, sie kurz zu halten und ihre Narrheiten zurückzudrängen.“ Gegenreformation Reaktion der katholischen Kirche auf die Reformation Konzil von Trient (1545-1563) – Katholische Kirche als einzige Institution, die Glaubenswahrheit besitzt – Einrichtung von Priesterseminaren Versuch der Zurückdrängung des Protestantismus (notfalls auch mit kriegerischen Mitteln) → 30.-jähriger Krieg Ignatius von Loyola (1491-1556) Spanischer Offizier 1534: Gründung des Jesuitenordens (1540 Bestätigung durch Papst) Heranbildung einer Elite, die sich für Alleingeltung Katholizismus einsetzt Zentralistisch und hierarchisch http://www.youtube.com/watch?v=eRUw8u9sFec Die Jesuiten (Societas Jesu, SJ) Schul- und Kollegiengründung in Europa (Gelehrtenschulen) Ratio atque Institutio Studiorum Societatis Iesu (Ratio studiorum) (verbindlicher Studienplan der Jesuiten) Kein Schulgeld Verbindung religiöser Erziehung mit humanistischer Bildung Volksschulen nur in Missionsgebieten Re-Katholisierung verlorener Gebiete 150 Jahre führend im Unterrichtswesen File:Altbaupforte des Kollegs St. Blasien.jpg Kolleg St. Blasien File:Altbaupforte des Kollegs St. Blasien.jpg Und tschüss bis Kolleg St. Blasien nächste Woche! Barockzeitalter Prof. Dr. Ingrid Miethe Barockzeitalter Beginn 17. Jahrhundert bis etwa 1730 Empirismus und Rationalismus als Beginn der modernen Wissenschaft Realismus und Orientierung an Wirklichkeit →Entwicklung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen Suche nach Lerngesetzlichkeiten (Universal-Methode) Aufwertung der Muttersprache Entwicklung ständischen Schulwesens: Adelsschulen, Ritterakademien, Realschulen, Volksschulen Wolfgang Ratke (Ratichius) (1571-1635) Begründer der Didaktik (Didacticus) v.a. Entwicklung einer Didaktik der Sprachen 1612 Vorstellung der Didaktik auf dem Reichstag in Frankfurt (Memorial) Einführung von „Quickstunden“ Neue didaktische Materialien wie große Lesetafeln und Buchstabentäfelchen Gründer des ersten Schulbuchverlages – Publikation fremdsprachiger Bücher parallel zur deutschen Version bzw. zuerst deutsche Übersetzung Naturgemäßheit der Erziehung Prinzipien und Postulate Alle Kinder – Knaben und Mädchen – haben ein Recht, lernen zu dürfen; Einführung in Sprachlehre in Muttersprache, dann Latein: „Alles zuerst in der Mutter Sprach. Denn in der Mutter Sprach ist der Vortheil, daß der Lehr Jünger nur auff die Sache zugedenken hat, die er lernen soll und darff sich nichts weiters mit der Sprach bemühen.“ Ein guter Unterricht erfordert gut ausgebildete Lehrer und Lehrerinnen; Zuerst müssen die Dinge betrachtet, müssen Erfahrungen gesammelt werden, dann erst hat es einen Sinn, Begriffe zu bilden; In einem bestimmten Zeitabschnitt darf nur ein Bildungsinhalt behandelt werden, denn die Überfülle des Stoffes verwirrt; wer sich an die Ordnung der Natur hält, beginnt beim Leichten und schreitet kontinuierlich zum Unbekannten und Komplizierten fort; Vertiefung und Festigung des Gelernten erfordert fortwährende Selbstständigkeit, Übung und Wiederholung, sowie ein zwangsfreies und fröhliches Lernklima Strafen sind allenfalls bei Boshaftigkeit und Mutwillen gerechtfertigt, nie aber gegen Lernschwäche Die Ratachianer Johann Amos Comenius (1592-1670) Johannes Kromayer (1576-1643): Theologe und Schulreformator in Thüringen Christoph Helwig (1581-1617): Theologe, Historiker und Sprachwissenschaftler an der Universität Gießen Johann Amos Komenský (Comenius) Geboren in Südmähren Mitglied der Böhmischen Brüder (1632 Wahl zum Bischof) Exil in Lissa (Polen): Aufbau eigenen Stadtteils mit eigenem Schulwesen Wirken in Lissa, London, Leiden, Stockholm, Siebenbürgen, Amsterdam erster Theoretiker einer systematischen und umfassenden Pädagogik https://www.bing.com/videos/search?q=comenius&&view=detail&mid=C8A0312D2F5C1CAE601 3C8A0312D2F5C1CAE6013&&FORM=VRDGAR Pädagogische Anthropologie Pädagogischer Realist: Erziehungsbedürftigkeit und Erziehbarkeit: „Wenn der menschlichen Verkehrtheit eine Grenze gesetzt werden soll, dann kann dies nur durch eine verständige und umsichtige Erziehung der Jugend geschehen.“ Mensch als Ebenbild Gottes Alle Menschen streben von sich aus nach Wissen Mensch als „Mikrokosmos“ Mensch ist ursprünglich gut Selbstbildungskräfte des Menschen Forderung nach Bildung für Alle Gleichheit des Menschen vor Gott: Bildung für alle Stände und Geschlechter: „alle alles ganz zu lehren … allen, sprich: jeden einzelnen Menschen, ungeachtet seines Alters, seiner Besitzverhältnisse, seines gesellschaftlichen Standes, seines Geschlechtes – mithin jedes Wesen, das als Mensch zur Welt kommt.“ Bildung von Menschen mit Behinderung: „Der Erziehung … bedürfen alle, die Gescheiten und auch die Dummen“ „Wenn sie sagen, dass man nicht aus jedem Holz einen Löffel schnitzen könne, so antworte ich: Aber aus jedem Menschen kann ein Mensch werden, wenn nicht einer auftritt, der die Sache verdirbt.“ Begründung der Idee der Gemeinschaftsschule „Sie müssen also so weit wie möglich miteinander geführt werden, damit sie sich gegenseitig beleben, anregen und anspornen. Zweitens sollen alle zu allen Tugenden, auch zu Bescheidenheit, Eintracht, gegenseitiger Dienstbereitschaft erzogen werden. Deshalb darf man sie nicht so früh voneinander trennen und einigen wenigen die Gelegenheit bieten, sich mehr zu dünken als die andern und diese neben sich zu verachten. Drittens scheint es mir sehr voreilig, schon im sechsten Lebensjahr bestimmen zu wollen, zu welchem Beruf sich ein Kind eignen wird, ob für die Wissenschaft oder das Handwerk. Weder die Kräfte des Geistes noch seine Neigungen sind in diesem Alter genügend zu erkennen.“ (Comenius: Große Didaktik) Didactica magna (1657) Ist „die vollständige Kunst, alle Menschen alles zu lehren oder sichere und vorzügliche Art und Weise, in allen Gemeinden, Städten und Dörfern eines jeden christlichen Landes Schulen zu errichten, in denen die gesamte Jugend beiderlei Geschlechts ohne jede Ausnahme rasch, angenehm und gründlich in den Wissenschaften gebildet, zu guten Sitten geführt, mit Frömmigkeit erfüllt und auf diese Weise in den Jugendjahren zu allem, was für dieses und das künftige Leben nötig ist, angeleitet werden kann…“ Ziel der Didaktik „Erstens und letztes Ziel unserer Didaktik soll es sein, die Unterrichtsweise aufzuspüren und zu erkunden, bei welcher die Lehrer weniger zu lehren brauchen, die Schüler dennoch mehr lernen.“ Gestufte Gemeinschaftsschule – Mutterschule (1-7 Lbj.): „Eichen und Buchen als Lehrer“ – Muttersprachschule (7-12. Lbj.) Lesen, Schreiben, Rechnen, religiöse, sittliche und naturwissenschaftliche Grundlagen in Muttersprache – Lateinschule (13-19 Lbj.) Weiterführende Bildung, Latein, Griechisch, Hebräisch – Universität (19-25 Lbj.) Orbis sensualium pictus (die sichtbare Welt http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/7/74/Orbis-pictus-001.jpg/345px-Orbis-pictus-001.jpg Publikation 1658 in Nürnberg Erfindung des kindgerechten Schulbuches Darstellung der Welt Gottes, des Menschen und der Natur in lateinischer und deutscher Sprache Illustration mit 150 Holzschnitten http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/thumb/1/16/Orbis-pictus-004.jpg/345px-Orbis-pictus-004.jpg http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/thumb/9/9f/Orbis-pictus-003.jpg/345px-Orbis-pictus-003.jpg Datei:Orbis-pictus-005.jpg GOTT ist aus sich selber / von Ewigkeit zu Ewigkeit. Das allervollkommenste und allerseeligste Seyn (Ding) Im Wesen Geistlich und Einig. In der Persönlichkeit Dreyfältig. Im Willen Heilig / Gerecht /Gütig / Warhafftig. An Macht der Größte. An Güte / der Bäste. An Weißheit / unermäßlich. Ein unbegreiffliches Liecht: und doch Alles in Allem. Überall / und Nirgends. Das höchste Gut / und alleine der unerschöpfliche Brunn alles Guten. Aller Dinge / die wir nennen die Welt / gleichwie ein Erschaffer / also ein Regirer und Erhalter. Datei:Orbis-pictus-007.jpg Der Himmel drehet sich / und gehet um die Erde / die in der Mitten stehet. Die Sonne sie sey wo sie sey / scheinet immer: ob schon das Gewülcke sie uns raubet; und macht mit ihren Strahlen das Liecht; das Liecht / den Tag. Gegen über ist die Finsternis daher die Nacht. Bey Nacht scheinet der Mond / und die Sternen schimmern / blincken. Des Abends / ist die Demmerung: Des Morgens / die Morgenröte und das Tagen. -pictus-011.jpg Aus dem Wasser steiget auf der Dampf. Daraus wird eine Wolke / und hart an der Erden ein Nebel. Aus der Wolke tröpflet der Regen und Platz-Regen. Welcher gefrohren / ein Hagel; halbgefrohren ein Schnee; erhitzet ein Meelthau ist. In einer Regen-Wolke gegen der Sonne über / erscheinet der Regenbogen. Ein Tropf / ins Wasser fallend / machet eine Wasserblase; viel Blasen / machen einen Schaum. Gefrohren Wasser / wird Eis; gefrorner Tau / ein Reiff / genennt. Aus schwefelichtem Dampf entstehet der Donner / welcher / aus der Wolke brechend mit einem Blitz / donnert und wetterstrahlet. Euserliche Sinnen sind fünffe. Das Auge / 1 sihet die Farben / was weiß oder schwartz / grün oder blau / roth oder gelb / sey. Das Ohr / 2 höret die Schalle / so wohl die Natürlichen / die Stimmen und Worte; als die Kunstfündigen / die Musik-Thöne. Des Menschen Fülle und Hülle / haben wir besehen: nun folget / die Wohnung desselben. Erstlich wohnete man in Hölen; 1 darnach / in Laubhütten oder Strohhütten; 2 dann auch / in Gezelten; 3 Endlich in Häusern. Die Schul 1 ist eine Werkstat / in welcher die jungen Gemüter zur Tugend geformet werden; und wird abgetheilt in Classen Der Schulmeister /2 sitzt auf dem Lehrstuhl; 3 die Schüler / 4 auf Bänken: 5 jener lehret / diese lernen. Etliches wird ihnen vorgeschrieben mit der Kreide an der Tafel. 6 Etliche sitzen am Tische / und schreiben: 7 Er / verbässert 8 die Fehler. Etliche stehen / und sagen her / was sie gelernet. 9 Etliche schwätzen 10 und erzeigen sich mutwillig und unfleissig: die werden gezüchtigt mit dem Bakel 11 und der Ruhte. 12 Datei:Orbis-pictus-029.jpg Die Ubelthäter 1 werden von den Schergen 2 aus dem Kerker 3 (worin man sie zu foltern pfleget) geführet / oder geschleiffet / 15 zur Richtstat. Die Diebe / 4 werden an den Galgen 5 gehänget von dem Scharffrichter; 6 die Ehebrecher geköpfet (enthäuptet) 7 Pietismus Religiöse Erweckungsbewegung innerhalb des Protestantismus Hauptvertreter Philipp Jacob Spener (1635-1705) Reaktion auf Trauma des Dreißigjährigen Krieges Positionen: – Erneuerung des religiösen und sittlichen Lebens in Europa – Verinnerlichter Glauben und echte, tiefe Frömmigkeit – Intensives Bibelstudium – Allgemeines Priestertum – Verwirklichung eines tätigen, dem praktischen Leben dienenden Christentum August Hermann Francke (1663-1727) http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f9/Denkmal-Francke.jpg/170px-Denkmal-Francke.jpg Einer der Hauptvertreter des Pietismus Geboren in Lübeck 1687 Erweckungserlebnis Gründung einer Armenschule 1698 Grundsteinlegung für Waisenhaus in Halle Weiterentwicklung zur Schulstadt (Franckesche Stiftungen) Die Franckeschen Stiftungen Schulstadt mit Schul- und Wohngebäude, Werkstätten, Gärten und eine Apotheke Bibliothek und „Wunderkammer“ (Realien) Finanzierung über Spenden und Arbeit der Bewohner bis zu 2.500 Menschen Konzeption einer christlich inspirierten Gesellschaftsreform Pädagogische Positionen Menschenbild häufig kritisiert: Es geht „zuvor und zu allererst darum, dass der natürliche Eigenwille gebrochen werde“ und, dass alles getan werde, „den Willen unter den Gehorsam zu bringen“, aber „mit aller Liebe, Sanftmut und Geduld“. Jahrgangssystem wird durch Fachsystem ersetzt Naturwissenschaftlicher Unterricht (Realien) und Arbeitsunterricht Vorkämpfer des naturwissenschaftlichen Unterrichts und der Arbeitsschule → Fundament für Realschule Begründung der neuzeitlichen Lehrerbildung (Seminarium praeceptorium) Die Aufklärung Das pädagogische Jahrhundert http://www.youtube.com/watch?v=9yn27jZ3nno Immanuel Kant (1724 – 1804) „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursachen derselben nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegen, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ Immanuel Kant, 1784 http://www.youtube.com/watch?v=-ZUV5IOYs2s Philosophisches Kopfkino - Aufklärung.mp4 Wie kann Aufklärung praktisch werden? 1. Durch „öffentlichen Gebrauch“ (Kant), d.h. Kritik von Vorurteilen, Aberglauben, Dogmen, Traditionen. →Kritik und rechtspolitische Voraussetzungen →Rousseau: Gesellschaftsvertrag 2. Durch Erziehung: „Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muss … Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht.“ (Kant) → Rousseau: Emile Kennzeichen der Epoche Erziehung in Hand des Menschen Vertrauen auf die Möglichkeit der Erziehung Recht auf Bildung für alle Menschen Mensch ist perfektibel Schule löst sich von Kirche Kritik, Aufklärung, Mündigkeit, Emanzipation, Toleranz, Fortschritt Ambivalenz von Höherbildung der Menschheit und Verzweckung (Philantropismus) Jean Jacques Rousseau (1712-1778) Geburt in Genf, Mutter stirbt bei Geburt 1722 Flucht des Vaters wegen Rauferei Wächst bei Onkel und Pfarrer auf Lehre als Kupferstecher Förderung durch Madame de Warens 1741 Paris Autodidakt Lernt die Wäscherin Thérèse Le Vasseur kennen, die ihm fünf Kinder gebärt → Findelhaus → „Bekenntnisse“ (1782) 1762: Gesellschaftsvertrag 1762: Emile oder „Über die Erziehung“ Verbot der Bücher →Flucht und Asyl Emile. Oder Über die Erziehung Erster pädagogischer Bestseller „Tut das Gegenteil vom Üblichen und ihr werdet fast immer das Richtige tun.“ Fiktive Erziehung eines gesunden, durchschnittlich begabten Jungen aus gutem Hause bis 25. Lebensjahr Ziel: in der Gesellschaft zu bestehen ohne Schaden zu nehmen Konstruktion, die der Erkennbarkeit, nicht der Verwirklichung des Gedachten dient Entdecker des Kindes und der Kindheit „Achtet die Kindheit, beurteilt sie nicht voreilig, weder im Guten noch im Bösen… Lasst die Natur wirken, ehe ihr euch an ihrer Stelle handelnd einmischt … Ihr kennt den Wert der Zeit, sagt ihr, und ihr wollt sie nicht verlieren. Man verliert sie aber viel eher, wenn man sie schlecht nützt… Ihr seid beunruhigt, wenn es seine ersten Jahre mit Nichtstun verbringt! Ist Glücklichsein denn nichts? Den ganzen Tag spielen, springen, laufen, ist das nichts? Sein ganzes Leben wird es nie wieder so beschäftigt sein … Liebet die Kindheit, fördert ihre Spiele, ihre Freuden, ihr liebenswürdiges Wesen! Wer von euch hat sich nicht manchmal nach dem Alter zurückgesehnt, in dem das Lachen immer um die Lippen spielt und der Friede immer in der Seele wohnt? Warum wollt ihr den unschuldigen Kleinen den Genuss dieser kurzen und flüchtigen Spanne und ein so kostbares Gut, das sie nicht missbrauchen können, rauben? Warum wollt ihr diese ersten dahineilenden Jahre, die für sie so wenig wiederkehren wie für euch, mit Bitterkeit und Schmerzen füllen? … Lasst sie sich des Lebens freuen, sobald sie es können.! Altersgemäße Erziehung 1. Kindheit (Geburt bis 3. Lebensjahr): – Bedürftigkeit und natürliches Wachstum 2. Knabenalter (bis 12. Lbj.) – Vitalität, Erlebnismut, primäre Motivation 3. Vorpubertät (12-15. Lbj.) – Zeit der Arbeit, des Unterrichts, der Studien – Robinson Crusoe – Erlernen Handwerk 4. Jünglingsalter (15-20. Lbj.) – Ordnung und Sprache der Gefühle – aus Erzieher wird Freund – Mitglied der Gesellschaft Negative Pädagogik Nicht eingreifen / Zeit verlieren / Euch und euer Räsonnement zurücknehmen / Entmoralisierung / „Verhindern, dass etwas geschieht“ erziehet : – Nicht für Berufe und gesellschaftliche Rollen – Nicht durch Belehrung, Beschämung, Bestrafung – Nicht unter dem Druck, sei es von Zeitplänen, sei es von ehrgeizigen Zielen, sei es von Vergleichen Positive Anthropologie „alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers kommt; alles entartet unter den Händen des Menschen. Der Mensch zwingt ein Land, die Erzeugnisse eines anderen hervorzubringen, einen Baum, die Früchte eines anderen zu tragen. Er vermengt und vertauscht das Wetter, die Elemente, die Jahreszeiten. Er verstümmelt seinen Hund, sein Pferd, seine Sklaven. Alles dreht er um, alles entstellt er. … Nichts will er haben, wie es die Natur gemacht hat, selbst den Menschen nicht. Man muss sich, wie ein Schulpferd, für ihn dressieren; man muss ihn nach seiner Absicht stutzten wie einen Baum seines Gartens.“ Die drei Erzieher 1. Die Natur, mit deren Hilfe sich die Fähigkeiten und Kräfte des Menschenkindes entfalten; 2. Die Menschen, die dem Kind den Umgang mit diesen Kräften und Fähigkeiten lehren; 3. Die Dinge erziehen durch die Erfahrung, die wir mit ihnen machen und durch Anschauung „Von den drei Arten der Erziehung hängt die Natur gar nicht, die der Dinge nur in gewisser Hinsicht von uns ab. Die der Menschen ist die einzige, die wir in unserer Gewalt haben; und auch da nur unter gewissen Voraussetzungen, denn wer kann hoffen, die Reden und Handlungen derer überwachen zu können, die das Kind umgeben?“ Erfahrungslernen Belehrung durch die Dinge „euer schwererziehbares Kind zerbricht alles, was es berührt. Regt euch nicht auf, aber räumt alles, was es zerbrechen könnte, aus seiner Reichweite weg. Es zerstört die Gegenstände, die es braucht. Beeilt euch nicht, ihm andere zu geben. Lasst es den Verlust fühlen. Es zerbricht die Scheibe in seinem Zimmer: Lasst den Wind Tag und Nacht hereinblasen und kümmert euch nicht um seinen Schnupfen, denn es ist besser, dass es verschnupft als närrisch wird. Beklagt euch nie über die Unannehmlichkeiten, die es euch macht, aber sorgt dafür, dass es sie zuerst empfindet.“ Sophie oder die Frau Fünftes Buch In der Rezeption Rousseaus lange Zeit ausgeklammert, dass beschriebenen pädagogischen Prämissen nur für Jungen gelten „Wir sind beim letzten Akt der Jugend angekommen, aber nicht bei seiner Lösung. Es ist nicht gut, wenn der Mensch allein ist. Emil ist ein Mann, wir haben ihm eine Gefährtin versprochen, jetzt müssen wir sie ihm geben. Diese Gefährtin ist Sophie.“ Biologistischer Differenzansatz „In allem, was nicht mit dem Geschlecht zusammenhängt, ist die Frau Mann … Das einzige, was wir sicher wissen, ist, dass alles, was sie gemeinsam haben, zur Art, alles, was sie unterscheidet, zum Geschlecht gehört … Diese Ähnlichkeiten und diese Verschiedenheiten müssen auch die Moral beeinflussen. Diese Folgerung ist einleuchtend und … zeigt zugleich, wie töricht es ist, über den Vorrang oder die Gleichberechtigung der Geschlechter zu streiten. Also ob nicht jedes von beiden, wenn es nach seiner Sonderveranlagung die naturbedingten Ziele anstrebt, vollkommener wäre, als wenn es dem anderen ähnlicher zu sein trachtet!“ Geschlechterdifferenz als Naturgesetz „ In der Vereinigung der Geschlechter tragen beide gleichmäßig zum gemeinsamen Zweck bei, aber nicht auf die gleiche Weise. Daraus ergibt sich der erste bestimmbare Unterschied in ihren gegenseitigen moralischen Beziehungen … Der eine muss aktiv und stark sein, der andere passiv und schwach: notwendigerweise muss der eine wollen und können; es genügt, wenn der andere wenig Widerstand leistet. Steht dieser Grundsatz fest, so folgt daraus, dass die Frau eigens geschaffen ist, um dem Mann zu gefallen. Es ist weniger zwingend notwendig, dass ihr der Mann auch seinerseits gefällt; sein Vorzug liegt in der Kraft; er gefällt allein dadurch, dass er stark ist. Ich gebe zu, dass das noch nicht das Gesetz der Liebe ist; aber es ist das Gesetz der Natur, das älter ist als die Liebe selbst … Warten, bis sie sich nichts mehr aus Männer machen, hieße warten, bis sie zu nichts mehr nütze sind.“ Potenzielle Mutterschaft als Begründung der Ungleichheit „Die Pflichten, die beiden Geschlechtern zufallen, sind nicht gleich zwingend und können es auch nicht sein. Wenn sich die Frau darüber beklagt, dass die Ungleichheit zwischen ihr und dem Mann ungerecht ist, so hat sie unrecht. Diese Ungleichheit ist keine menschliche Einrichtung, zum mindesten nicht das Werk eines Vorurteils, sondern das der Vernunft … Leichthin zu behaupten, dass die beiden Geschlechter einander gleich seien und dieselben Pflichten hätten, heißt sich in leeren Redensarten zu verlieren … Ihr sagt, dass die Frau ja nicht immer gleich ein Kind bekommen muss! Nein, aber es ist ihre Bestimmung, Kinder zu bekommen … Nachdem einmal bewiesen ist, dass der Mann und die Frau weder nach dem Charakter noch nach dem Temperament gleich gebildet sind noch sein dürfen, so folgt daraus, dass sie auch nicht die gleiche Erziehung haben dürfen.“ Erziehung der Frau „Sie müssen viel lernen, aber nur das, was sich für sie schickt.“ „Ein rechtschaffener Mann hängt nur von sich selbst ab und kann der öffentlichen Meinung trotzen. Eine rechtschaffene Frau hat damit nur die Hälfte ihrer Aufgabe gelöst: das, was man über sie denkt, ist nicht weniger wichtig als das, was sie wirklich ist. Daraus folgt, dass ihre Erziehung in dieser Hinsicht das Gegenteil von unserer sein muss. Die öffentliche Meinung ist für die Männer das Grab ihrer Tugend, für die Frauen aber deren Thron.“ Erziehung von Sophie konkret: Puppe als bevorzugtes Spielzeug (Putz) „Tatsächlich lernen alle Mädchen nur mit Widerwillen Lesen und Schreiben; aber wie man eine Nadel hält, das lernen sie gerne“ Nähen, sticken, klöppeln Beizeiten an den Zwang gewöhnen Gewöhnt sie daran, mitten im Spiel unterbrochen zu werden und anderen Pflichten ohne Murren zu folgen → Folgsamkeit Singen und tanzen, weniger Essen als die Jungen Strebt in allem nach Mittelmaß Anwendung der Prinzipien, die der Mann gefunden hat (Männer machen Wissenschaft) Die Folgen: Etablierung eines Muttermythos Die Frau ist: – Auf den Mann bezogen und diesem untergeordnet – Hausfrau und Mutter; als solche wird sie idealisiert – Erziehung der Frau dient allein diesen Zielen „Ihre Würde besteht darin, unbekannt zu bleiben; ihr Ruhm liegt in der Achtung ihres Gatten; ihre Freuden bestehen im Glück ihrer Familie.“ Wirkung Vorläufer der Französischen Revolution Anstöße zur Begründung der Entwicklungspsychologie Großer Einfluss auf weitere Pädagogen, z.B. Pestalozzi Wurzel der Reformpädagogik (Menschenbild, Erziehung als Wachsen lassen) Rückkehr zur ursprünglichen, naturverbundenen Lebensweise Getrennte Erziehung der Geschlechter Etablierung eines ideologisch überhöhten Muttermythos Johann Heinrich Pestalozzi und die Pestalozzianer Prof. Dr. Ingrid Miethe http://www.youtube.com/watch?v=z8MeK0klYMM Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) Elementar- und Lateinschule in Zürich Studium Theologie und Jura 1767 landwirtschaftliche Lehre 1769 Heirat mit Anna Schulthess Landwirt in Birr (Neuhof) → Armenerziehungsanstalt 1770 Geburt des Sohnes Hans- Jakob 1. Pestalozzi als Vater: Modifizierung der Rousseauschen Gedanken bei der Erziehung des Sohnes Hans-Jakob Rousseau Pestalozzi Natürliche Erziehung Zwang durch Natur Parallelität gesellschaftlicher und natürlicher 15. Lebensjahr Erziehung Gesellschaft- liche Erziehung File:Pestalozzi Grabinschrift.jpg Hier ruht Heinrich Pestalozzi Geboren in Zürich am 12. Januar 1746 Gestorben in Brugg den 17.Hornung 1827 Retter der Armen auf Neuhof, Prediger des Volkes in Lienhard und Gertrud, Zu Stanz Vater der Waisen, zu Burgdorf und Münchenbuchsee Gründer der neuen Volksschule, in Iferten Erzieher der Menschheit, Mensch, Christ, Bürger. Alles für andere, für sich nichts! Segen seinem Namen! 2. Der Schriftsteller Pestalozzi Lienhard und Gertrud. Ein Buch für das Volk (4 Bände, 1781-1787) Wie Gertrud ihre Kinder lehrt (1801) Erstes Kapitel: Ein herzguter Mann, der aber doch Weib und Kind höchst unglücklich macht. Es wohnt in Bonnal ein Maurer; er heißt Lienhard und seine Frau Gertrud. Er hat sieben Kinder und ein gutes Verdienst; aber er hat den Fehler, daß er sich im Wirthshaus oft verführen läßt. …Gertrud ist die beste Frau im Dorf; aber sie und ihre blühenden Kinder waren in Gefahr, ihres Vaters und ihrer Hütte beraubt, getrennt, verschupft, ins äußerste Elend zu sinken, weil Lienhard den Wein nicht meiden konnte. Quelle: http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/heinrich- pestalozzi/lienhard-und-gertrud-in-federzeichnungen-von-hans- bendel.html Zweites Kapitel: Eine Frau, die Entschlüsse nimmt, ausführt, und einen Herrn findet, der ein Vaterherz hat. O Gertrud, Gertrud! Es bricht mir das Herz, dir mein Elend zu sagen und deine Sorgen zu vergrößern; und doch muß ich es thun! Ich bin Hummel, dem Vogt, noch dreißig Gulden schuldig, und der ist ein Hund und kein Mensch gegen die, so ihm schuldig sind (…) O Lieber, sagte hierauf Gertrud, darfst du nicht zu Arner, dem Landesvater, gehen? (…) Und am frühen Morgen nahm sie den Säugling, der wie eine Rose blühete, und gieng zwei Stunden weit zum Schlosse des Junkers (…) Was willst du, meine Tochter? was willst du? sagte er so liebreich, daß sie Muth faßte zu reden. Fünftes Kapitel: Er findet seinen Meister. Indessen kam Arner auf den Kirchhof; und viel Volk aus dem Dorfe sammelte sich um ihn her, den guten Herrn zu sehen. (…) Arner: Hast du die Schatzung vom Kirchbau gesehen? Vogt: Ja, gnädiger Herr. Arner: Glaubst du, Lienhard könne den Bau um diesen Preis gut und dauerhaft machen? Ja, gnädiger Herr, antwortete der Vogt laut; und sehr leise setzte er hinzu: Ich denke, da er im Dorfe wohnt, könnte er es vielleicht noch etwas wohlfeiler übernehmen. Arner aber antwortete ganz laut. Soviel ich dem Schloßmaurer hätte geben müssen, so viel gebe ich auch diesem. Laß ihn rufen, und sorge, daß Alles, was aus dem Wald und aus den Magazinen dem Schloßmaurer zukommen sollte, auch diesem ausgeliefert werde. Theoretischer Ansatz Familie und Dorf als pädagogische, soziale und politische Ordnungsprinzipien Erziehung der Landbevölkerung als Instrument zur politischen Reform Kern der Gesundung: – Familiäre Erziehung Gertruds – Väterliche Regierung des Junkers und des Pfarrers Wirtshaus als Ursache allen Übels →Christlicher Paternalismus →Hilfe zur Selbsthilfe →Ständetheoretischer Ansatz 3. Pestalozzi als Mann: Tradierung des Frauenbildes von Rousseau Getrud: (...) Ich kannte ihre Eltern. Es war in ihrer Haushaltung nie eine Ordnung, und dann fiel sie auch noch dem Pfarrer Flieg in Himmel in die Hände, der ihr den Kopf mit Meinungen über die Offenbarung des Johannes u. dgl. füllte und sie darob träumen und darüber lesen machte, wie wenn sie dafür in der Welt wäre. Rudi: Sie vergaß sich ob ihren Büchern so sehr, dass ich oft fürchten musste, sie zünde mir noch das Haus an; so vergeßlos ging sie mit allem um, was sie zur Hand nahm. Von den Kindern mag ich nur gar nichts sagen. Die Bücher waren ihr Heiligtum und ihr Himmel. Sie vergaß mich und die Kinder und alles, was sie hatte. Gertrud: Das ist übel! Die Bücher müssen einer Frau höchstens wie der Sonntagsrock sein. Verteufelung der gebildeten Frau vs. Idealisierung der treu sorgenden Mutter und Ehefrau "Dieses Bild der großen Mutter, die über der Erde brütet, ist das Bild der Gertrud und eines jeden Weibes, das seine Wohnstube zum Heiligtum Gottes erhebt und ob Mann und Kinder den Himmel verdient." Bedeutung der Mutter und der „Wohnstube“ „…dass die Vorzüge, die die häusliche Erziehung hat, von der öffentlichen müsse nachgeahmt werden, und dass die letztere nur durch die Nachahmung der ersteren für das Menschengeschlecht einen Wert hat…“ „Jede gute Menschenerziehung fordert, dass das Mutterauge in der Wohnstube täglich und stündlich jede Veränderung des Seelenzustandes ihres Kindes mit Sicherheit in seinem Auge, auf seinem Munde und seiner Stirn lese.“ 4. Pestalozzi als Sozialpädagoge I. Der Neuhof bei Birr (1768 – 1798) Kanton Aargau Pestalozzi wird Bauer → wirtschaftlicher Ruin Umwandlung des Neuhofs zu einer Armenanstalt (Aufnahme von 40 Kindern) Verbindung industrieller Tätigkeit (Spinnen, Weben) mit Schulunterricht und sittlicher Erziehung. Aus wirtschaftlichen Gründen musste er die Anstalt um 1780 schließen. → Publikation in den „Neuhofbriefen“ Pestalozzi als Sozialpädagoge: II. Stans 1798-1799 Pestalozzis Brief an einen Freund über seinen Aufenthalt in Stans (1799) Helvetische Revolution Einmarsch der Franzosen 1798 Stans: Armenanstalt zur Betreuung von Kriegswaisen Ca. 80 Kinder Einzige Unterstützung: eine Haushälterin Schließung nach 7 Monaten Entwicklung seiner Lernmethode Albert Anker (1870) Pestalozzi in Stans Konrad Grob: Pestalozzi und die Waisen von Stans Die Anfangsschwierigkeiten "Außer dem nötigen Geld mangelte es übrigens an allem, und die Kinder drängten sich herzu, ehe weder Küche noch Zimmer noch Betten für sie in Ordnung sein konnten. Das verwirrte den Anfang der Sache unglaublich. Ich war in den ersten Wochen in einem Zimmer eingeschlossen, das keine 24 Schuh ins Gevierte hatte. Der Dunstkreis war ungesund, schlechtes Wetter schlug noch dazu, und der Mauerstaub, der alle Gänge füllte, vollendete das Unbehagliche des Anfangs. Ich mußte im Anfang die armen Kinder wegen Mangel an Betten des Nachts zum Teil heimschicken. Diese alle kamen dann am Morgen mit Ungeziefer beladen zurück.“ Isolierte Stellung „Das unglückliche Land hatte durch Feuer und Schwert alle Schrecknisse des Krieges erfahren. Das Volk verabscheute größtenteils die neue Verfassung. (…) Ich stand unter ihnen als ein Geschöpf der neuen verhassten Ordnung. (…) Diese politische Missstimmung war dann noch durch eine ebenso starke religiöse Missstimmung verstärkt. Man sah mich als einen Ketzer an, der bei einigem Guten, das er den Kinder tue, ihr Seelenheil in Gefahr bringe. Diese Leute hatten noch nie einen Reformierten in irgendeinem öffentlichen Dienst, will geschweigen als Erzieher und Lehrer ihrer Kinder (…) gesehen.“ Über den Zustand der Einrichtung „Außer dem nötigen Geld mangelte es übrigens an allem, und die Kinder drängten sich herzu, ehe weder Küche, noch Zimmer, noch Betten für sie in Ordnung sein konnten. Das verwirrte den Anfang der Sache unglaublich. Ich war in den ersten Wochen in einem Zimmer eingeschlossen, das keine 24 Schuh ins Gevierte hatte. Der Dunstkreis war ungesund, schlechtes Wetter schlug noch dazu, und der Mauerstaub, der alle Gänge füllte, vollendete das Unbehagliche des Anfangs.“ Über den Zustand der Kinder: „Die meisten dieser Kinder waren … in dem Zustand, den die äußerste Zurücksetzung der Menschennatur allgemein zu seiner notwendigen Folge haben muss. Viele traten mit eingewurzelter Krätze ein, dass sie kaum gehen konnten, viele mit aufgebrochenen Köpfen, viele mit Hudeln, die mit Ungeziefer beladen waren, viele hager, wie ausgezehrte Gerippe, gelb, grinsend, mit Augen voll Angst und Stirnen voll Runzeln des Misstrauens und der Sorge, einige voll kühner Frechheit, des Bettelns, des Heuchelns und aller Falschheit gewöhnt; andere vom Elend erdrückt, duldsam, aber misstrauisch, lieblos und furchtsam … Träge Untätigkeit, Mangel an Übung der Geistesanlagen, und wesentlicher körperlicher Fertigkeiten waren allgemein. Unter zehn Kindern, konnte kaum eins das ABC.“ Die positiven Kräfte der Natur: „Der gänzliche Mangel an Schulbildung war indessen gerade das, was mich am wenigsten beunruhigte; den Kräften der menschlichen Natur, die Gott auch in die ärmsten und vernachlässigtesten Kinder legte, vertrauend, hatte mich … frühere Erfahrung schon längst belehrt, dass diese Natur mitten im Schlamm der Rohheit, der Verwilderung und der Zerrüttung die herrlichsten Anlagen und Fähigkeiten entfaltet … ich sah auch bei meinen Kindern, mitten in dieser Rohheit diese lebendige Naturkraft … hervorbrechen.“ Der Pädagoge zuerst als „sichere Basis“ dann als Lehrender! „Ich war überzeugt, mein Herz werde den Zustand meiner Kinder so schnell ändern, als die Frühlingssonne den erstarrten Boden des Winters. Ich irrte mich nicht…“ „Ihre Suppe war die meinige, ihr Trank war der meinige. Ich hatte nichts, ich hatte keine Haushaltung, keine Freunde …, ich hatte nur sie. Waren sie gesund, ich stand in ihrer Mitte, waren sie krank, ich war an ihrer Seite. Ich schlief in ihrer Mitte…“ „Vor allem wollte und musste ich also das Zutrauen der Kinder und ihre Anhänglichkeit zu gewinnen suchen. Gelang mir dieses, so erwartete ich zuversichtlich alles Übrige von selbst…“ 5. Pestalozzi als Schulmeister und Elementarpädagoge Burgdorf Lehrerbildungsanstalt 1800 Erziehungsinstitut http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/e2/Pestalozzi.jpg/210px-Pestalozzi.jpg Schloss Burgdorf 1804 Umzug nach Münchenbuchsee 1806 Umzug nach Yverdon- les-Bains 1825 Schließung mangels Schülern Quelle: http://de.wikiquote.org/wiki/Datei:Pestalozzi.jpg Ausgangssituation des Schulwesens "Soweit als ich ihn [den Schulunterricht] kannte, kam er mir wie ein großes Haus vor, dessen oberstes Stockwerk zwar in hoher vollendeter Kunst strahlt, aber nur von wenigen Menschen bewohnt ist; in dem mittleren wohnen denn schon mehrere, aber es mangelt ihnen an Treppen, auf denen sie auf eine menschliche Weise in das obere hinaufsteigen könnten; und wenn sie Gelüste zeigen, etwas tierisch in dasselbe hinaufzuklettern, so schlägt man ihnen einen Arm oder ein Bein, das sie dazu brauchen konnten, provisorisch entzwei; im dritten wohnt eine zahllose Menschenherde, die für Sonnenschein und gesunde Luft vollends mit den oberen das gleiche Recht haben, aber sie wird nicht nur im ekelhaften Dunkel fensterloser Löcher sich selbst überlassen, sondern man bohrt in demselben noch denen, die auch nur den Kopf aufzuheben wagen, um zu dem Glanz des obersten Stockwerks hinaufzugucken, noch gewaltsam die Augen aus." (PSW 13, S. 242) Sittliche Elementarbildung 1. Umfassende Sorge für das Kind und Befriedigung seiner berechtigten Bedürfnisse →Vertrauen und Liebe des Kindes 2. Stiftung eines geschwisterlichen Verhältnisses unter den Kindern 3. Erstellung einer dem Zusammenleben dienenden äußeren Ordnung 4. Erst auf diesem Fundament bekommen Erziehung zu einem sittlichen Verhalten Sinn und Berechtigung: die Erziehung zu Hilfsbereitschaft, Entscheidungsfähigkeit und Selbstzucht Pädagogischer Ansatz: Kopf- Herz-Hand Kopf: Die höchste Leistung in intellektueller Hinsicht ist das gereifte Urteil. Dieses beruht auf vollendeter Sachkenntnis, die das Kind unter anderem in den Schulfächern erwirbt. Herz: Basis von Sittlichkeit und Religiosität sind einerseits die Gefühle der Liebe, des Vertrauens und der Dankbarkeit, die der Säugling zur Mutter als Antwort auf die Befriedigung seiner Bedürfnisse entwickelt, andererseits die Fertigkeiten der Geduld und des Gehorsams, welche sich durch das richtige Erzieherverhalten der Mutter ergibt Hand: "die gute Besorgung seiner wesentlichsten Angelegenheiten„ (Handwerk, Schlagen, Tragen, Werfen, Stoßen, Ziehen, Drehen, Drücken, Schwingen) Bedeutung und Wirkung Entwicklung einer Volksbildung Sozialpädagogischer Ansatz (Stans, Hilfe zur Selbsthilfe) Ganzheitlicher Lernansatz (Kopf – Herz – Hand) → Wurzel der Reformpädagogik Großen Einfluss auf Reform der Volksschule in Preußen, z.B. über Adolph Diesterweg (1790-1866) Die Pestalozzianer Mitarbeiter aus Iftern sowie v.a. in Preußen, aber auch andern deutschen Ländern, z.B. Johann Wilhelm Süvern (1775-1829) Ludwig Natorp (1774-1846) Ludwig von Beckedorf (1778-1858) Gustav Friedrich Dinter (1770-1831) Wilhelm von Türk (1774-1846) Adolph Diesterweg (1790-1866) http://www.youtube.com/watch?v=Hs0PaZLj8MI Adolph Diesterweg (1790-1866) Geb. 1790 in Siegen 1811-1818 Haus- und Gymnasiallehrer 1820 Leiter Lehrerseminar in Moers 1850 aus politischen Gründen aus dem Schuldienst entlassen →Verbesserung Ausbildung und Anerkennung Volksschullehrer →Anregungen zur Gründung des „Centralverein für das Wohl der arbeitenden Klassen“ →gegen kirchlichen und politischen Einfluss auf Schule →Autonomie der Der „Deutsche Pestalozzi“ Schule Die Philanthropen Prof. Dr. Ingrid Miethe Die Philanthropen (Menschenfreunde) Theoretiker und Praktiker Überzeugung von der Erziehbarkeit des Menschen; Ablehnung der Erbsünde (Bildungsoptimismus) Einheit von körperlicher und geistiger Erziehung Das menschliche Leben als Bildungsprozess Verbesserung der individuellen Lebensumstände durch Reform der häuslichen Erziehung und des Schulwesens Forderung nach staatlicher Schulaufsicht Philanthropine Philanthropine = Anstalten der Menschenfreunde – als private Musterschulen (Basedow, Salzmann, Rochow) – Als öffentliche Schulen (Campe, Trapp) Weltanschaulich offen Lebensnahe, anwendbare Bildungsinhalte aus Lebenswelt der Kinder: muttersprachlicher Unterricht, moderne Sprachen, überkonfessioneller Religionsunterricht, Geographie, Geschichte, Zeichnen, Mathematik, handwerklich-praktischer Unterricht, Gartenarbeit, Wandern, Sport Johann Bernhard Basedow (1724-1790) 1749 Hauslehrer im Hause von Qualen in Borghorst →Magisterarbeit: latenische Sprachlehre auf Basis der Muttersprache 1753 Professor an der dänischen Ritterakademie Soro →Praktische Philosophie der Stände 1761 Lehrtätigkeit am Gymnasium Christianeum in Altona → Plan zur Umwandlung zur Musterschule 1774 Dessauer Philantropin → „Elementarwerk“ Das Philanthropin in Dessau (1774-1783, Existenz bis 1793) Erste Philanthropinische Versuchs- und Musterschule Für Jungen v.a. des Adels und Bürgertums Einfluss auf alle späteren Philantropine und Lehrkräfte 1776-77 Nachfolge durch Johann Heinrich Campe Goethe über Basedow (Dichtung und Wahrheit) „…er war nicht der Mann, weder die Gemüter zu erbauen noch zu lenken. (…) Viel wunderbarer jedoch, und schwerer zu begreifen als seine Lehre, war Basedows Betragen. Er hatte bei dieser Reise die Absicht, das Publikum durch seine Persönlichkeit für sein philanthropisches Unternehmen zu gewinnen, und zwar nicht etwa die Gemüter, sondern geradezu die Beutel aufzuschließen. Er wußte von seinem Vorhaben groß und überzeugend zu sprechen, und jedermann gab ihm gern zu, was er behauptete. Aber auf die unbegreiflichste Weise verletzte er die Gemüter der Menschen, denen er eine Beisteuer abgewinnen wollte, ja er beleidigte sie ohne Not, indem er seine Meinungen und Grillen über religiöse Gegenstände nicht zurückhalten konnte. (…) Schon daß er ununterbrochen schlechten Tabak rauchte, fiel äußerst lästig, um so mehr, als er einen unreinlich bereiteten, schnell Feuer fangenden, aber häßlich dunstenden Schwamm nach ausgerauchter Pfeife, sogleich wieder aufschlug und jedesmal mit den ersten Zügen die Luft unerträglich verpestete. Ich nannte dieses Präparat Basedowschen Stinkschwamm und wollte ihn unter diesem Titel in der Naturgeschichte eingeführt wissen; woran er großen Spaß hatte, mir die widerliche Bereitung, recht zum Ekel, umständlich auseinandersetzte und mit großer Schadenfreude sich an meinem Abscheu behagte. Denn dieses war eine von den tiefgewurzelten üblen Eigenheiten des so trefflich begabten Mannes, daß er gern zu necken und die Unbefangensten tückisch anzustechen beliebte. Ruhen konnte er niemand sehn; durch grinsenden Spott mit heiserer Stimme reizte er auf, durch eine überraschende Frage setzte er in Verlegenheit, und lachte bitter, wenn er seinen Zweck erreicht hatte, war es aber wohl zufrieden, wenn man, schnell gefaßt, ihm etwas dagegen abgab. Basedow „Elementarwerk“ als modernes Realienbuch (Text, Bild, Sachinhalt) Lehrbuch für Schüler und Lehrer Wissen muss im Bild verdeutlicht werden, denn nur in der Anschauung vollziehe sich kindliches Verstehen und präge sich Gelerntes dem Gedächtnis ein Christian Gotthilf Salzmann (1744 – 1811) 1784 Gründung des Philanthropin Schnepfenthal: Bedeutung der Leibesübungen und des Schulsports (GutsMuths) Schulumgebung als Erfahrungsraum („mein Naturalienkabinett“) Schnepfenthal (1784 – 1945!) Krebsbüchlein (1780) Oder Anweisung zu einer unvernünft igen Erziehung der Kinder Krebsbüchlein oder Anweisung zu einer unvernünftigen Erziehung der Kinder (1780) Mittel, sich bei den Kindern verhasst zu machen Man darf ihnen nur Unrecht tun, so wird der Hass von allein erfolgen Das kleine Lottchen war in den Grasgarten ihres Vaters gegangen. Da war alles voller Veilchen! Hei! Rief Lottchen vor Freude aus … Davon will ich eine ganze Schürze voll pflücken und der Mutter ein Sträußchen winden … Um die Freude noch größer zu machen, schlich sie sich in die Küche, nahm einen porzellanenen Teller, legte das Sträußchen darauf, und nun ging es in vollem Springen die Treppe hinauf …Da stolperte Lottchen - fiel – und bauz! Da ging der porzellanene Teller in hundert Stücke … Die Mutter, die in der Stube den Fall hörte, sprang sogleich zur Tür heraus, und da sie den zerbrochenen Teller sah, lief sie zurück, holte eine dicke Rute, und ohne sich nur mit einem Worte zu erkundigen, was das Kind mit dem Teller habe machen wollen, ging sie auf dasselbe zornig zu … und gab ihr einen derben Schilling. Lottchen geriet in eine Art von Wut, da sie sah, daß ihr so offenbar Unrecht geschah. Lange konnte sie es nicht vergessen, und niemals fiel es ihr wieder ein, der Mutter ein Sträußchen zu winden.“ „Ameisenbüchlein“ (1806) An Hermann! So nenne ich dich, lieber junger Mann, der du in deiner Brust ein Streben fühlst, durch Tätigkeit für Menschenwohl dich in der Welt auszuzeichnen…“ „Wozu nützen alle Theorien, wenn die Leute fehlen, die sie ausführen können?.. Ach gebt uns gute Erzieher!“ „Ich will also diesen Plan, der sich gut lesen lässt, aber schwer ausführen lässt [Anm. da zu teuer], lieber ganz aufgeben und jedem, der sich der Erziehung widmet, einen etwas einfacheren vorlegen, der in drei Worten begriffen ist: Erziehe dich selbst!“ → „Erziehung der Erzieher“ „Winke zur Selbsterziehung“ 1. Sei gesund! 2. Sei immer heiter! 3. Lerne mit Kindern sprechen und umgehen! 4. Lerne mit Kindern dich beschäftigen! 5. Bemühe dich, dir deutliche Kenntnisse der Erzeugnisse der Natur zu erwerben! 6. Lerne die Erzeugnisse des menschlichen Fleißes kennen! 7. Lerne deine Hände brauchen! 8. Gewöhne dich, mit deiner Zeit sparsam umzugehen! 9. Suche mit einer Familie oder einer Erziehungsgesellschaft in Verbindung zu kommen, deren Kinder oder Pflegesöhne sich durch einen hohen Grad von Gesundheit auszeichnen! 10. Suche dir eine Fertigkeit zu erwerben, die Kinder zur innigen Überzeugung von ihren Pflichten zu bringen! 11. Handle immer so, wie du wünschst, dass deine Zöglinge handeln sollen! Johann Christoph Friedrich GutsMuths (1759 -1839) "Je mehr wir den Körper mit den Gegenständen umher in Collision bringen, das heißt: je mehr wir ihn üben, um so mehr wir ihn üben, um so mehr werden seine Organe geschärft und alle geistigen Kräfte aufgeboten, um die verschiedenen Beziehungen jener Gegenstände auf uns zu ergründen und ihre Wirkungen zu erforschen." http://www.beyars.com/objmedia/b250-h250-max-lupe/01/4856-6_a586.jpg „Um die Herzen der Kinder zu gewinnen, spiele man mit ihnen; der immer ernste, ermahnende Ton kann wohl Hochachtung und Ehrfurcht erwecken, aber nicht so leicht das Herz für natürliche, unbefangene Freundschaft und Offenherzigkeit aufschließen. Am offensten ist man unter seinesgleichen … Durch Spiele nähert sich der Erzieher der Jugend, sie öffnet ihm ihr Herz um so mehr, je näher er kommt, sie handelt freier, wenn sie in ihm den Gespielen erblickt … Spiele verbreiten im jugendlichen Kreise Heiterkeit und Freude, Lust und Gelächter. Wären alle Menschen stets lustig und vergnügt, sicher würde nicht so viel Böses geschehen.“ (GutsMuths: Spiele zur Übung) http://www.youtube.com/watch?v=0PPXclfJvgw Geschlechtsspezifik „Ich habe nur für Knaben und Jünglinge eine Gymnastik geschrieben, und maße mir die Entscheidung der Frage, ob auch die weibliche Jugend förmlich zu Leibesübungen anzuhalten sey, nicht an. Die Meynungen gehen hier von einander ab; es gibt mehrere wichtige dafür und dagegen. Ich selbst halte es mit den letzteren. Aber so sehr ich selbst überzeugt bin, daß ein förmlicher gymnastischer Kursus, wie ich ihn bisher angegeben habe, für die weibliche Jugend nicht seyn könne, eben so klar ist es mir, und gewiß tausenden, daß die physische Erziehung des Weibes in den gebildeten höheren Ständen eben sowohl ein Extrem ist (…) Ist auch das Weib nicht bestimmt zu männlicher Kraft und Ausdauer und männlichem Muthe (…); so kann dieses seinen schönen Körper doch wohl nicht bloß dazu haben, um ihn nur zu allerley kleinen eleganten Sachen abzurichten (….) Keine förmliche Gymnastik für die Mädchen; aber tägliche Bwegung im Freyen, muntere und bewegende häusliche Verrichtungen.“ (Aus: GutsMuths: Gymnastik für die Jugend, S. 273) Friedrich Eberhard von Rochow (1734-1805) Übertragung der philanthropischen Gedanken auf die ländlichen Verhältnisse 1773 Eröffnung Musterschule im Dorf Reckahn → Flächendeckende Alphabetisierung aller Kinder → Unterrichtung Kinder verschiedener Konfessionen → Koedukativer Unterricht (nur auf Schulhof getrennt) → 1776 „Kinderfreund – Ein Lesebuch zum Gebrauch in Landschulen“ (erstes Volkslesebuch) Aus: „Kinderfreund“ „Ein kluger Mensch wollte heirathen, und kam in ein Haus, in welchem zwo Schwestern waren. Die eine war huebsch, putze sich gern, und that nicht gern nuetzliche Arbeit. Die andre aber war fleißig; that alles im Hause, und besorgte die ganze Wirtschaft. Welche von beyden wird er wohl geheirathet haben?“ → Mann als Wählender Ernst Christian Trapp (1745-1818) 1779 Professur für den ersten deutschen Lehrstuhl der Pädagogik (und Philosophie) in Halle: "Von der Notwendigkeit, Erziehen und Unterrichten als eine eigene Kunst zu studieren„ Antrittsvorlesung) Versuch Etablierung Universitätsstudium für alle Lehrer → scheitert Trapp als „Vater der empirischen Erziehungswissenschaft“ (März) Johann Heinrich Campe (1746 – 1818) Schriftsteller der philanthropischen Bewegung (Jugendbuch) Robinson der Jüngere: Überarbeitung analog Gedanken Rousseaus – 1. Kapitel ganz ohne Werkzeuge – 2. Kapitel Freitag kommt um Gewinn sozialer Kontakt zu zeigen – Erst 3. Kapitel Strandgut Werkzeuge Erzieher der Geschwister Humboldt Positionen und Leistungen der Philanthropen Lebensweltliche und praktische Bildung Entwicklung von Lehrmaterialien und Lehrbüchern Versuch der Lösung von kirchlicher und religiöser Bevormundung Vorwurf der „Verzweckung“ der Bildung für Staat → Gegenbewegung des Neuhumanismus Und tschüss! Wilhelm von Humboldt und der Neuhumanismus Prof. Dr. Ingrid Miethe Wilhelm von Humboldt (1767-1835) Geboren in Potsdam Aufwachsen im Schloss Tegel Bruder: Alexander →Naturwissenschaftler Hauslehrer (Campe, Engel, Kunth) Vorbereitung auf Universitätsstudium in Privatvorlesungen Studium in Frankfurt (Oder) und Göttingen (Jura, Philosophie, Alte Sprachen) bis 1790 Reise mit Campe in das revolutionäre Paris Staatsdienst, dann Privatgelehrter, preußischer Resident am päpstlichen Stuhl 1809: Direktor der Sektion für Kultur und Unterricht Stein-Hardenbergsche Reformen in Preußen Umfassende Reformen im Zuge der französischen Revolution und der Niederlage Preußens 1807 – 1808 Reichsfreiherr Karl vom Ab 1809 Fortsetzung der Reformen und zum Stein durch Karl August Graf von Hardenberg Ergebnisse der Reformen → Abschaffung der Leibeigenschaft → Rittergüter können auch vom Bürgertum gekauft werden → Schaffung einer modernen Regierung mit fünf Ministerien (Inneres, Äußeres, Finanzen, Krieg, Justiz) → Besitzbürger erhalten Recht auf Wahl von Stadtverordneten → Öffnung des Offizierskorps für Bürgerliche; Abschaffung der Prügelstrafe → Reduzierung der Rechte des Landadels → Gleiche Rechte für Juden → Neuhumanistische Bildungsreform Humboldt als Bildungspolitiker und -theoretiker Theorie der Bildung des Menschen (1793) Der Königsberger Schulplan (1809) Der Litauische Schulplan (1809) – Versuch einer umfassenden Schulreform – Durchsetzung der seit 1717 formal bestehenden Schulpflicht – Neuhumanistisches Gymnasium Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin (1810) – 1810 Gründung der Berliner Universität Humboldt Zweckfreiheit der Bildung Bildung als Instrument der Höherbildung des Menschen Positive Anthropologie: Bedürfnis nach Höherbildung als anthropologische Konstante →Anregungspotential wichtig, aber intrinsische Motivation Entwicklung der Selbstbildungskräfte des Menschen, Bildung des Individuums zu Individualität Trennung und Hierarchisierung allgemeiner und beruflicher Bildung →Bildung vs. Ausbildung Abgrenzung zu „Verzweckung“ der Bildung der Philanthropen „Im Mittelpunkt aller besonderen Arten der Tätigkeit nämlich steht der Mensch, der ohne alle auf irgend etwas einzelnes gerichtete Absicht nur die Kräfte seiner Natur stärken und erhöhen, seinem Wesen Wert und Dauer verschaffen will. Da jedoch die bloße Kraft einen Gegenstand braucht, an dem sie sich üben, und die bloße Form, der reine Gedanke, einen Stoff, in dem sie , sich darin ausprägend, fortdauern könne, so bedarf auch der Mensch einer Welt außer sich. Daher entspringt sein Streben, den Kreis seiner Erkenntnis und seiner Wirksamkeit zu erweitern, und ohne dass er sich selbst deutlich dessen bewusst ist, liegt es ihm nicht eigentlich an dem, was er von jener erwirbt oder vermöge dieser außer sich hervorbringt, sondern nur an seiner inneren Verbesserung und Veredelung…. Rein und in seiner Endabsicht betrachtet ist sein Denken immer nur ein Versuch seines Geistes, vor sich selbst verständlich, sein Handeln ein Versuch seines Willens, in sich frei und unabhängig zu werden, seine ganze äußere Geschäftigkeit überhaupt nur ein Streben nicht in sich müßig zu bleiben. Bloß weil beides, sein Denken und sein Handeln nicht anders als vermöge eines dritten, nur vermöge des Vorstellens und des Bearbeitens von etwas möglich ist, dessen eigentlich unterscheidendes Merkmal es ist, Nicht-Mensch zu sein, sucht er soviel Welt als möglich zu ergreifen und so eng, als er nur kann, mit sich zu verbinden.“ Theorie der Bildung des Menschen (1793) Bedeutung der (klassischen) Sprachen Sprache(n) als Mittel der Formung des Menschen Zweckfreiheit der klassischen Sprachen, v.a. des Griechischen →Umsetzung im Lehrplan des humanistischen Gymnasiums →Zurückdrängung der Realbildung „Nur noch ein paar Winke jetzt über die Erlernung der alten Sprachen. Von dem Grundsatz ausgehend, einmal dass die Form einer Sprache als Form sichtbar werden muss, und dies besser an einer toten, schon durch ihre Fremdheit frappierenden, als an der lebendigen Muttersprache geschieht, dann dass Griechisch und Lateinisch sich gegenseitig unterstützen müssen, würde ich festsetzen, dass alle Schüler ohne Ausnahme beide in der untersten Klasse jede schlechterdings lernen müssten…“ Grundpositionen zur Hochschulpolitik Einheit von Forschung und Lehre Akademische Freiheit (Staat muss finanzielle Absicherung der Universitäten sichern, darf inhaltlich aber keinen Einfluss nehmen Zweckfreiheit des Studiums Einsamkeit und Freiheit Universität als offene Diskursgemeinschaft „Es ist ferner eine Eigentümlichkeit der höheren wissenschaftlichen Anstalten, dass sie die Wissenschaft immer als ein noch nicht ganz aufgelöstes Problem behandeln und daher immer im Forschen bleiben, da die Schule es nur mit fertigen und abgemachten Kenntnissen zu tun hat. Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler wird daher durchaus ein anderes als vorher. Der erstere ist nicht für die letzteren, beide sind für die Wissenschaft da…“ „Sobald man aufhört, eigentlich Wissenschaft zu suchen, oder sich einbildet, sie brache nicht aus der Tiefe des Geistes geschaffen, sondern könne durch Sammeln extensiv aneinander gereiht werden, so ist alles unwiederbringlich und auf ewig verloren…“ Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin (1910) Quelle: http://www.bbf.dipf.de/cgi- opac/bil.pl?t_direct=x&f_IDN=b0016448berl Trennung und Hierarchisierung beruflicher und allgemeine Bildung Nachrangigkeit der beruflichen Bildung vor einer allgemeinen Bildung („Zweckfreiheit“) → Bildung vs. Ausbildung Lebens- und Praxisferne der Gymnasien und Universitäten In Folge deutscher Sonderweg der dualen Berufsausbildung als nicht-akademische „Sackgasse“ „Es gibt schlechterdings gewisse Kenntnisse, die all gemein sein müssen, und noch mehr eine gewisse Bildung der Gesinnungen und des Charakters, die keinem fehlen darf. Jeder ist offenbar nur dann ein guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist. Gibt ihm der Schulunterricht, was hierzu erforderlich ist, so erwirbt er die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher sehr leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum anderen überzugehen. Fängt man aber von dem besonderen Berufe an, so macht man ihn einseitig, und er erlangt nie die Geschicklichkeit und Freiheit, die notwendig ist, um auch in seinem Berufe allein nicht bloß mechanisch, was Andere vor ihm getan, nachzuahmen, sondern selbst Erweiterungen und Verbesserungen vorzunehmen“ (Bericht der Sektion des Kultus und Unterrichts an den König, Dezember 1809) Widersprüchliche Zweckfreiheit „nur die Wissenschaft, die aus dem Inneren stammt und ins Innere gepflanzt werden kann, bildet auch den Charakter um, und dem Staat ist ebenso wenig wie der Menschheit um Wissen und Reden, sondern um Charakter und Handeln zu tun.“ (Humboldt 1809) (Der Staat) könne „die innere Überzeugung hegen, dass, wenn sie ihren Endzweck erreichen, sie auch seine Zwecke, und zwar von einem viel höheren Gesichtspunkte aus, erfüllen, von einem, von dem sich viel mehr zusammenfassen lässt und ganz andere Kräfte und Hebel angebracht werden können, als er in Bewegung zu setzen vermag.“ (Humboldt 1809) Humboldt als Schulreformer Der Königsberger Schulplan (1809) Der Litauische Schulplan (1809) File:ID003743 B175 FriedrichsCollegium.jpg Quelle. http://www.bildarchiv- ostpreussen.de/index.h tml Drei Stadien des Unterrichts Elementarunterricht: Vorbereitung auf den Unterricht, Muttersprache, Sprach- und Zahlverhältnisse Schulunterricht: Erwerb und Übung der Fähigkeiten, die für Wissenschaft erforderlich ist, Lernen des Lernens, „Der Schüler ist reif, wenn er so viel bei andern gelernt hat, dass er nun für sich selbst zu lernen im Stande ist.“ Universitätsunterricht: Einheit der Wissenschaft, ausschließlich wissenschaftliches Nachdenken an einem Orte, der Lehrer und Lernende vereinigt. „Der Universitätslehrer ist nicht mehr Lehrer, der Student nicht mehr Lernender, sondern dieser forscht selbst, und der Professor leitet seine Forschung und unterstützt ihn darin.“ Neuhumanistische Bildungsreform: Der Plan Idee einer allgemeinen Menschenbildung, d.h. gemeinsame gestufte Schule: Elementarunterricht, Schulunterricht und Universitätsunterricht →grundlegende Reform der Volksschule (Nationalerziehung) Aber: Beibehaltung des Privilegs des Unterrichts durch Privatlehrer Abschaffung paralleler Schulstrukturen, v.a. berufsqualifizierender Schulformen →Zurückdrängung der bürgerlichen Mittel- und Realschulen Einführung einer Lehramtsprüfung (examen pro facultate docendi) Aufwertung der alten Sprachen als Kernbereich einer Allgemeinbildung Einführung des Abiturs als Zugangsberechtigung (Abbau Privilegien des Adels) Neuhumanistische Bildungsreform: Realität Beibehaltung des gegliederten ständischen Schulsystems: →Reform des Gymnasiums und der Universität →Hierarchische Trennung von Realgymnasien und humanistischen Gymnasien →Beibehaltung der Volksschule →Entwicklung der dualen Berufsausbildung Unbeabsichtigte Folge: Verstärkung sozialer Selektion: →Klassischer Sprachkanon als Barriere →Abwertung realpädagogischer Bildung →Trennung von Kopf- und Handarbeit →Abitur erschwert „Karrieren außer der Reihe“ Aktuelle Folgen der neuhumanistischen Reformen Begriff Bildung vs. Erziehung – Sonderstellung des deutschen Bildungsdiskurses Abitur als Zugangsberechtigung (Hierarchische) Trennung beruflicher und allgemeiner Bildung →kaum dritte Bildungswege (1% aller Studierenden) →Schwierigkeit der Umsetzung von EQR/DQR Dominanz der Buchschule vs. Lebensschule Verbindung von Forschung und Lehre und Zweckfreiheit der Bildung droht mit Bologna verloren zu gehen →“Verschulung“ der Universitäten Johann Friedrich Herbart und die Reformpädagogik Prof. Dr. Ingrid Miethe Johann Friedrich Herbart (1776-1841) 1798 Bekanntschaft mit http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/97/Johann_F_Herbart.jpg/220px-Johann_F_Herbart.jpg Pestalozzi Professuren in Göttingen → Königsberg → Göttingen Aufwertung der Pädagogik als Wissenschaft Primat des Intellekts Drei Wege zum Erziehungsziel: Regierung, Zucht, Unterricht Formalstufentheorie / Didaktik Herbart als Pädagoge Pädagogik als Wissenschaft: – Praktische Philosophie und Ethik (Ziel der Bildung) – Psychologie (Mittel und Hindernisse) Drei Wege zum Erziehungsziel: – Regierung: Gewöhnung an Regeln durch strenge Übung – Zucht: innere sittliche Formung, bejahen und einsichtiges Annehmen dieser Regeln – Unterricht: basiert auf Regierung und Zucht, führt in Kultur ein, Endziel Charakterstärke der Sittlichkeit Menschenbild: Kinder sind ungeschliffene Edelsteine Gesellschaftsbild: hierarchisch, obrigkeitsstaatlich Rationalistisches Grundverständnis, Intellekt Formalstufentheorie Ursprünglich für Einzelunterricht des Hauslehrers entwickelt Formalstufentheorie als unterrichtsmethodisches Verfahren – Klarheit über das Vorwissen schaffen – Assoziation = Aufnahme neuer Wissenselemente – Einbau der neuen Wissenselemente in das System des vorhandenen Wissens – Durch Einüben wird das neue Wissen als Methode anwendbar. Formalstufentheorie dominiert die Volksschule bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Herbartianer) Die Herbartianer http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/c/ca/Friedrich_Wilhelm_D%C3%B6rpfeld.jpg/170px-Friedrich_Wilhelm_D%C3%B6rpfeld.jpg Karl Volkmar Stoy Wilhelm Rein Friedrich Wilhelm Tuiskon Ziller (1815-1885) (1847-1929) Dörpfeld (1817-1882) (1824-1893) Verdienste der Herbartianer Umgestaltung der Methode für Schulunterricht Wegbereiter der Pädagogik als eigenständige Disziplin an den Universitäten (eigenständige Lehrstühle) Didaktische Ausbildung als Grundlage für Lehrerbildung Etablierung von Lehrerfortbildungen Engagement für die Hebung des (Volksschul)lehrerstandes Thematisierung der Schulverwaltungsfrage und Forderung nach „Emanzipation der Schule“ Kritik an den Herbartianern Weit von den Lehren Herbarts entfernt Unterricht als ergebnissicheres Verfahren Objektiv gültige Unterrichtsmethode Einseitige kognitive Orientierung (Intellektualistisch) Hohe Lehrerzentriertheit des Unterrichts aus der Lern-Logik wird eine Lehr-Logik moralische Nötigung und harte Disziplinierung der Schüler starres Kategorienmuster vs. offene Vertiefungs- und Besinnungsphasen (Formalismus) → Kritik der Reformpädagogik richtet sich gegen den Methodenmonismus, die intellektualistische und formalisierte Unterrichtspraxis der Herbartianer Die Reformpädagogik Hauptthese: dem materiellen Aufschwung entspricht ein kultureller Niedergang Bildungswesen ist Ursache des Zerfalls und Hebel zur Erneuerung Kritik an der Lern- und Buchschule (zu intellektualistisch, lebensfremd) Pädagogik vom Stoffe aus (Herbartianer) wird ersetzt durch Pädagogik vom Kinde aus Reformpädagogiken gehen davon aus, dass Kinder lernen wollen Heterogene internationale Bewegungen Reformpädagogische Bewegungen „Das Kind nicht in Frieden zu lassen, das ist das größte Verbrechen der gegenwärtigen Erziehung gegen das Kind. Dahingegen wird, eine im äußeren, sowie im inneren Sinne schöne Welt zu schaffen, in der das Kind wachsen kann; es sich darin frei bewegen zu lassen, bis es an die unerschüttliche Grenze des Rechts des anderen stößt, das Ziel zukünftiger Erziehung sein.“ (Ellen Key: Das Jahrhundert des Kindes) Ellen Key (1849 – 1926) Schwedische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin 1900: „Das Jahrhundert des Kindes“ = symbolischer Startschuss der Reformpädagogik Zeit Deutschland England USA Frankreich Italien Sowjetunion Schweden 1890 Georg Kerschensteiner Lew Tolstoi 1854-1932 1828-1910 Und SCHULE JASNAJA Hugo Gaudig Cecil Reddie John Dewey Ellen Key 1900 POLJANA 1960-1923 1858-1961 1859-1952 1898-1944 ARBEITSSCHULE NEW SCHOOL OF LEARNING BY DAS 1910 ABBOTSHOLME DOING JAHRHUNDERT A.S.Makarenko DES KINDES Rudolf Steiner 1869-1939 1861-1925 PÄDAGOGIK DES WALDORFSCHULE KOLLEKTIVS Heramann Lietz 1920 William Heard Maria Montessori P.P. Blonski 1868-1919 Kilpatrick 1870-1952 1884-1941 Paul Geheeb 1871-1965 MONTESSORI- PRODUKTIONS- 1870-1961 PROJEKT SCHULE SCHULE METHODE LANDERZIEHUNGHEIM- BEWEGUNG 1930 Helen Paul Oestereich Parkhurst 1878-1959 1887-1959 PRODUKTIONSSCHULE Henry Morris DALTONPLAN Peter Petersen Celestin Freinet 1871-1961 1884-1952 1896-1966 COMMUNITY JENAPLANSCHULE EDUCATION DU EDUCATION TRAVAIL 1940 Adolf Reichwein 1898-1944 „SCHAFENDES SCHULVOLK“ Kurt Hahn 1886-1974 BEWÄHRUNGSPÄDAGOGIK Reformpädagogische Ansätze Kanonisierung auf: Montessori-, Waldorf-, Erlebnispädagogik Arbeitsschulbewegungen: Georg Kerschensteiner, Hugo Gaudig, Paul Oestereich (Deutschland); USA (William Heard Kilpatrick, John Dewey); Sowjetunion (Anton S. Makarenko, Blonski); Frankreich (Freinet) Kollektiverziehung: Sowjetunion (Makarenko); Israel (Kibbutz- Erziehung); Peer-Gerichte (Alexander Sutherland Neil, Janusz Korczak; Glenn Mills School); Landerziehungsheimbewegung (Paul Geheeb, Hermann Lietz) Alternative Schulcurricula (Jena-Plan – Peter Petersen; Dalton- Plan – Helen Parkhurst) Reformpädagogische Bewegungen sind sehr inhomogen und eine klare Abgrenzung ist entsprechend schwierig. Fast alle Modelle der Reformpädagogik weisen jedoch (unterschiedlich stark ausgeprägt) folgende Elemente auf: Verbindende Kennzeichen von Reformpädagogik Den Versuch systematisches Lernen und das persönliche Erleben in einen angstfreien Bildungsprozess zu integrieren. Konsequente Kindorientierung Entwicklung zur eigenständigen Persönlichkeit und Entfaltung der Individualität Gestaltung einer anregenden Lernlandschaft Persönlichkeitsbezogene Leistungsbewertung Ganzheitlichkeit (Einbeziehung der Sinne und des Körpers) Gesellschafts- und Kulturkritik Demokratie (z.B. Schulgemeinde) Enthierachisierung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses Jahrgangsübergreifender Unterricht Und heute? Viele Elemente der Reformpädagogik sind heute selbstverständlicher Teil der Arbeit in Regelschulen – auch wenn dies noch ausbaufähig ist… Reformpädagogische Schulen sind häufig Privatschulen. Damit besteht das Problem verstärkter sozialer Selektivität (z.B. Schulgeld) Ausländeranteil an privaten und öffentlichen Schulen, 2008 Privatschulen Staatliche Schulen Grundschulen 7,0% 9,0% Hauptschulen 13,7% 19,7% Realschulen 3,0% 8,6% Gymnasien 3,0% 5,0% Waldorfschulen 1,9% Förderschulen 8,4% 15,6% Quelle: Weiß, M. (2010) Allgemeinbildende Privatschulen in D., FES,S. 66 Und heute? Viele Elemente der Reformpädagogik sind heute selbstverständlicher Teil der Arbeit in Regelschulen – auch wenn dies noch ausbaufähig ist… Reformpädagogische Schulen sind häufig Privatschulen. Damit besteht das Problem verstärkter sozialer Selektivität (z.B. Schulgeld) Grundfrage: (Weitere) Reformierung der staatlichen Schulen vs. Gründung reformpädagogischer Privatschulen? Weiterführende Literatur Heesch, Matthias (1999) Johann Friedrich Herbart zur Einführung. Junius- Verlag. Bolle, Rainer/ Weigand, Gabriele (2007) Johann Friedrich Herbart 1806- 2006: 200 Jahre Allgemeine Pädagogik. Nitschke, Thomas (2003) Die Gartenstadt Hellerau als pädagogische Provinz. Dresden. Röhrs, Hermann / Lenhart, Volker (Hrsg.) (1994) Die Reformpädagogik auf den Kontinenten. Ein Handbuch. Frankfurt/M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien: Peter Land. Heidelberger Studien zur Erziehungswissenschaft. Bd. 43 Keim, Wolfgang/ Schwerdt, Ulrich (Hrsg.) Handbuch der Reformpädagogik in Deutschland. 1890-1933. Frankfurt: Peter Lang (2 Bände) Reformpädagogik am Beispiel Kollektiverziehung und Arbeitsschule Prof. Dr. Ingrid Miethe I: Arbeitsschulansätze Internationale Bewegung: – USA: John Dewey (1859-1952), William Heard Kilpatrick (1871-1961) – Deutschland: Hugo Gaudig (1860-1923), Georg Kerschensteiner (1854- 1932), Robert Seidel (1850-1933) – Russland/ Sowjetunion: Anton Semonovic Makarenko (1888-1939), Pavel Blonskij (1884-1941) Kein geschlossenes System, sondern breite Palette von Ansätzen von geistiger Arbeit über Projektarbeit bis zu Produktionsarbeit Grundgedanke Eigenaktivität der Lernenden Fließende Übergänge zur Kollektiverziehung Projektmethode in den USA Gemeinsame Entwicklung durch John Dewey und Kilpatrick Teil der „progressiv ecudation“ 1915 Artikel “The Problem-Project Method” Jeder Unterricht bewusst gewollt Bedeutung der „experience“ 4 Phasen: Beabsichtigen, Planen, Ausführen, Beurteilen – in Hand der Lernenden (Theorie) „Ein Projekt kann definiert werden als jede Richtung des Handelns, die man sich vorgenommen und zur Durchführung akzeptiert hat.“ (Kilpatrick 1915) Eigenständigkeit des Projektunterrichts als Basis für Erziehung zu Demokratie Arbeitsschule in Deutschland Kerschensteiner Kontrahenten Gymnasiallehrer Hugo Gaudig 1895-1918 Schulrat in München – freie geistige Schularbeit →Reformierung des Schulwesens – Selbststätigkeit und Selbstständigkeit nicht Staatsbürger Lücke zwischen Entlassung aus Robert Seidel: Volksschule und Militär – Streit um „Vaterschaft“ der →Fortbildungsschule →“Vater Arbeitsschule: „Die Schule der der Berufsschule“ Zukunft eine Arbeitsschule“ Berufsausbildung und – Erziehung zur Demokratie bzw. „staatsbürgerlichen Unterricht“ Abschaffung der Klassenstruktur der Gesellschaft Kerschensteiners Starenhaus Lernen in Arbeitsgemeinschaft Pawel Petrowitsch Blonskij (1884-1941) Blonskij: Grundlegende Ansätze „Produktionsschule“ als Schule für wirtschaftlichen und industriellen Produktionsweise des 20. Jahrhunderts: Die Produktionsschule soll auf das Arbeiten in der Industriegesellschaft vorbereiten. Wurzeln Karl Marx: Der Mensch erfüllt sich erst in Arbeit, sie ist das Mittel zur Selbstverwirklichung (Arbeit als wirtschaftlich produktive Arbeit für die Gesellschaft). Erziehung ist durch produktive Arbeit möglich Arbeit als Privileg der Selbstverwirklichung des Menschen Aufhebung der (entfremdeten) Trennung von Kopf-und Handarbeit Aufhebung der Klassengegensätze → Weiterentwicklung zum polytechnischen Unterricht in der Sowjetunion und DDR (z.B. Polytechnische Oberschule, Unterrichtstag in der Produktion) II: Kollektiverziehung Kibbuzerziehung in Israel Ansätze aus der sozialistischen Pädagogik – Sowjetunion Makarenko – Kinderrepubliken Konfrontative Pädagogik: Glen Mills School (USA) Kollektiverziehung I: Anton Makarenko (1888 – 1939) Einjähriger Lehrerkurs http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/8/89/Makarenko.jpg/170px-Makarenko.jpg 1905 – 1912 Lehrer an Elementarschule für Eisenbahnerkinder 1912-1917 Studium am Lehrerbildungsinstitut in Poltawa 1920 -1928 Gorki-Kolonie → Das pädagogische Poem. Der Weg ins Leben 1927- 1935 Dserschinski-Kolonie →Flaggen auf den Türmen Gorki-Kolonie Kolonie für jugendliche „Rechtsverletzer“ Beginn mit fünf Zöglingen 1924: 111 Zöglinge, davon 9 Mädchen 1926 Umzug nach Kurjasch, weitere 400 Kinder Ca. 13-18 Jahre alt „Ernstcharakter“ der Arbeit Pädagogische Prinzipien Erleben existentieller Grenzsituation; Notwendigkeit der Selbstversorgung „Explosionsmethode“ Kommandeurspädagogik – Einübung in Kommandieren und Sichunterordnen – Prinzip der parallelen Einwirkung – Einwirkung nimmt Umweg über das Kollektiv „Wir haben es nur mit der Abteilung zu tun; das Individuum geht uns nichts an“ „Kommandeurspädagogik“ Vollversammlung Rat der Kommandeure Kommandeur Kommandeur Kommandeur Kommandeur Ständige Ständige Ständige Ständige Abteilungen Abteilungen Abteilungen Abteilungen Einsatzabteilungen Einsatzabteilungen Einsatzabteilungen Prinzip der parallelen Einwirkung Wechsel von Leiten und Sichunterordnen Kollektiverziehung II: Kibbuz Kibbuz (hebräisch) :ִקיּבּוץ „Sammlung, Versammlung, Kommune“; Mehrzahl Kibbuzim) Erste Kibbuzgründung 1910 Ideologie sozialistisch oder zionistisch Heute ca. 2% der Bevölkerung "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen". http://www.spiegel.de/video/besuch-im-kibbuz-deutsch-deutsche-begegnungen-im-sozialistischen- traumland-video-1102346.html Pädagogische Ziele Pädagogik Teil des Ideals der Schaffung einer neuen Gesellschaft basierend auf Gleichheit und Gerechtigkeit → der neue Mensch Auflösung der (patriarchalen ) Familienstrukturen Entlastung der Eltern von Erziehungsverantwortung Kompensation der durch den Zerfall der Großfamilie entstanden Lücken Struktur der Kollektiverziehung Veränderungen nach 1948 Grundkonzeption (Staatengründung) Säuglingshaus → Kinder schlafen zu Hause Kinderhaus → Jugendhaus Verkleinerung der Gruppen Übernachtung im Feste Bezugsbetreuung Kinderhaus durch eine Metapelet Mutter kommt zu Stillzeiten Ausbildung der Metapelet Betreuung durch Metapelet Rückkehr der Mütter zu Reproduktive Tätigkeiten einer stärkeren durch Metapelet traditionellen Frauenrolle Kinder kommen nach Arbeit der Eltern nach Hause Kollekektiverziehung III: Konfrontative Pädagogik Colla, Herbert E./Scholz, Christian/ Weidener, Jens (Hrsg.) (2008) Konfrontative Pädagogik. Das Glen Mills Experiment. Mönchengladbach: Forum Verlag Weidner, Jens/ Kilb, Rainer (Hrsg.) (2011) Handbuch Konfrontative Pädagogik: Grundlagen und Handlungsstrategien zum Umgang mit aggressivem und abweichendem Verhalten. Weinheim: Juventa. 2019 Schließung wegen Missbrauchsvorwürfen Glen Mills School Delinquente, Gewalt- und Gangorientierte jugendliche Wiederholungstäter Kriminelle Gang →Pro-soziale Gang (Gruppenorientierung methodisch vertraut) Rückfallquote ca. 30% Phasen: – 1. Kontrollphase (Etablierung einer positiven Normkultur) – 2. Kennenlernphase (Erkennen der Erwartungshaltung und Ziele der Professionellen + Logik subkultureller Jugend-Gang- Prozesse) – 3. Gemeinschaftsphase (Diskussion und Konfrontation der Jugendlichen entlang etablierter Normen) →Ziel: Internalisierung pro-sozialen Verhaltens Prinzipien Auf Grundlage vertrauensvollen von Respekt geprägten Beziehung gilt es delinquentes Handeln ins Kreuzfeuer der Kritik zu nehmen Ergänzung als pädagogisches ultima ratio (Für USA zu ‚luxuriös‘, für Deutschland ‚zu hart‘) „Jugend erzieht Jugend“, Historische Bezüge: – Korczak: Strafgesetzbuch; – Makarenko: Kammeradschaftsgericht; – Neill: Schulversammlung u.a. Deutschland: Weiterentwicklung zum Anti- Aggressions-Training (AAT) Und tschüss! Entwicklung der Sozialpädagogik / Sozialen Arbeit Prof. Dr. Ingrid Miethe https://www.youtube.com/watch?v=UE9J-AfmXBk Soziale Arbeit Der heutige Begriff der Sozialen Arbeit entstand aus zwei Richtungen: 1. Traditionen der Wohlfahrtspflege / Sozialarbeit 2. Traditionen der Sozialpädagogik →Entstanden aus den sozialen Folgen der Industrialisierung (soziale Frage) Ursachen und Lösungen der sozialen Probleme Armut und Verelendung als Folge der schwindenden Erziehungskraft proletarischer Familien, der Entwurzelung und des Herausgerissenseins aus den traditionellen Wertemilieus der dörflich-bäuerlichen Gemeinschaften, der überlieferten Sitten und Moral →Lösung der sozialen Frage über Erziehung (Sozialpädagogik) →Lösung durch sozialstaatliche Maßnahmen (Sozialpolitik, Wohlfahrtspflege) →Lösung durch Sozialpolitik (Bismarcksche Sozialgesetzgebung) Verelendung als Folge der Logik kapitalistischer Produktionsverhältnisse → Lösung: Abschaffung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse (sozialistische Revolution, Sozialdemokratie) S