Nachhaltige Entwicklung: Grundlagen und Umsetzung - PDF

Summary

This book, *Nachhaltige Entwicklung*, provides an overview of sustainable development, its foundations, and implementation in various realms. It discusses the evolution of the concept, its current status, and the challenges in implementing sustainable models. The author emphasizes the need for a shift from a purely economic approach towards a more intersectional outlook encompassing economics, ecology, and social aspects.

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Michael von Hauff Nachhaltige Entwicklung Michael von Hauff Nachhaltige Entwicklung | Grundlagen und Umsetzung 3., überarbeitete und erweiterte Auflage ISBN 978-3-11-072236-9 e-ISBN (PDF) 978-3-11-072253-6 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-072260-4 Library of Congress Control Number: 2021944312 Bibliogr...

Michael von Hauff Nachhaltige Entwicklung Michael von Hauff Nachhaltige Entwicklung | Grundlagen und Umsetzung 3., überarbeitete und erweiterte Auflage ISBN 978-3-11-072236-9 e-ISBN (PDF) 978-3-11-072253-6 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-072260-4 Library of Congress Control Number: 2021944312 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Umschlaggestaltung: Adyna/DigitalVision Vectors/Getty Images Satz: le-tex publishing services GmbH, Leipzig Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck www.degruyter.com | Für Isabelle, Philipp und Nicolas Vorwort zur dritten Auflage Nachhaltige Entwicklung fand in den vergangenen Jahren, d. h. seit der zweiten Auf- lage dieses Buches, in vielen Bereichen wie Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft eine zunehmende Beachtung. In der Wissenschaft ist sie von einer Quer­ schnittsdisziplin jedoch noch weit entfernt. In Deutschland haben weiterhin die wenigsten Hochschulen ein eigenes konsistentes Nachhaltigkeitskonzept bzw. eine Nachhaltigkeitsstrategie die auch umgesetzt wird. Gleichzeitig gibt es Vorbilder wie die Universität Lüneburg und die Hochschule für Nachhaltigkeit Eberswalde. Einige weitere Hochschulen haben Nachhaltigkeitsstrategien, wobei es in der Regel weni­ ge Informationen über die tatsächliche Umsetzung gibt. Andere Hochschulen sind zumindest auf dem Weg zu einer Nachhaltigkeitsstrategie. Ähnlich verhält es sich in der Wirtschaft. Auch hier gibt es Unternehmen, die bestrebt sind ihr Nachhaltigkeits­ konzept umzusetzen. Viele Unternehmen verwenden jedoch den Begriff, ohne dass Konsumenten erkennen können, welchen Anspruch sie damit verbinden. Die Politik zeichnet sich durch eine gewisse Ambivalenz aus. Einerseits hat Deutschland im in­ ternationalen Vergleich eine relativ ambitionierte nationale Nachhaltigkeitsstrategie und auch die Mehrzahl der Bundesländer haben auf Landesebene eine Nachhaltig­ keitsstrategie als Grundlage für die Politikgestaltung. In Diskussionen in Parlamenten oder in der konkreten Politikgestaltung wird darauf jedoch kaum Bezug genommen. Daher stellt sich die Frage, in welchem Maße die nachhaltige Entwicklung in der Gesellschaft angekommen ist bzw. sich etabliert hat. In einer Befragung in Deutschland gaben 85 % der Befragten an, dass ihnen der Begriff schon „einmal begegnet“ ist. Etwa 80 % sehen in nachhaltiger Entwicklung ei­ ne große Chance, dass sich ihre Lebensqualität verbessert und mehr Naturverbunden­ heit ermöglicht. Mehr als 50 % erwarten von einer nachhaltigen Entwicklung, dass sie zu mehr Gemeinschaft unter den Menschen führt. Schließlich erhofft sich die Mehr­ heit, dass sich die Wirtschaft mehr an den Bedürfnissen der Menschen ausrichtet. (Umweltbundesamt 2019) Die Umsetzung wurde von der Völkergemeinschaft im Rah­ men der Agenda 2030 mit den 17 Nachhaltigkeitszielen (SDGs), auf deren Grundlage alle Länder eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie entwickeln sollen, konkretisiert. Auch hier lässt sich feststellen: der Grundgedanke der Agenda 2030 stößt auf Zustim­ mung. Die Mehrheit der Bevölkerung ist jedoch nicht mit den SDGs vertraut. Etwa 60 % der Bürgerinnen und Bürger haben im Sommer 2017 noch nichts von ihnen ge­ hört. Nur etwa 10 % kannten den Begriff und gaben an, dass sie wissen, um was es sich dabei handelt. (Gleser, Schneider, Buder 2018, S. 50) Dabei wenden sich die 17 Nachhaltigkeitsziele den drängenden Problemen wie Armut, Klimawandel, Abnahme der Biodiversität, Gesundheit aber auch der wach­ senden Einkommensungleichheit zu und es wird aufgezeigt, wie diese Probleme ver­ ringert bzw. gelöst werden sollen. Betrachtet man sich die Dringlichkeit der Nachhal­ tigkeitsziele, so ist festzustellen, dass es bei der Problembewältigung vielfach an einer https://doi.org/10.1515/9783110722536-201 VIII | Vorwort zur dritten Auflage dynamischeren Entwicklung mangelt. Hinzu kommt, dass die Zielbeziehungen bisher nur unzureichend analysiert und aufgezeigt werden. Beispielsweise wird der Zusam­ menhang zwischen Artensterben, Klimawandel und Pandemien – man spricht hier von der Triple-Krise – nur langsam in ausreichendem Maße wahrgenommen. (Settele 2020) Dabei besteht kein Zweifel, dass Lösungsansätze sehr komplex sind, die Um­ setzung kompliziert ist und große Hemmnisse zu überwinden sind. Dennoch gibt es bereits eine umfassende Forschung und Empfehlungen die umgesetzt werden könn­ ten. Das Anliegen des Buches zielt darauf ab, den Transformationsprozess in einigen grundlegenden Bereichen, der von dem Mainstream zu einem nachhaltigen Wirt­ schaften führt, aufzuzeigen und zu begründen. Dafür ist es notwendig zunächst ex­ emplarisch die Grundlagen und Funktionsweisen des wirtschaftlichen Mainstreams aufzuzeigen, um dann die Herausforderungen und Anforderungen an den Transfor­ mationsprozess abzuleiten. Es gilt also zunächst den Ausgangspunkt für den Trans­ formationsprozesses zu bestimmen. Diese Vorgehensweise wird in der Literatur bisher noch weitgehend vernachlässigt. Teilweise werden Transformationsprozesse entwi­ ckelt und beschrieben ohne den Ausgangspunkt zu bestimmen. Das gilt auch für ein weiteres Anliegen: es geht darum potenzielle Konflikte, die sich aus dem Transfor­ mationsprozess ergeben können, aufzuzeigen. Ein Beispiel hierfür ist die Beziehung zwischen Klimaschutz und Wirtschaftswachstum. Zur Lösung dieser Konflikte besteht vielfach noch Forschungsbedarf. Daraus ergab sich die Notwendigkeit die dritte Auflage umfassend zu aktualisie­ ren und einige Themen neu aufzunehmen. Das Kapitel 7, das sich der Agenda 2030 mit den 17 Nachhaltigkeitszielen und deren Umsetzung zuwendet, wurde neu geschrie­ ben. Stuttgart 2021 Michael von Hauff Vorwort zur zweiten Auflage Die Diskussion zu dem Paradigma nachhaltiger Entwicklung führte seit der ersten Auflage dieses einführenden Lehrbuches zu einer weiteren Vertiefung bzw. Ausdiffe­ renzierung. Gleichzeitig lässt sich aber auch eine gegenläufige Entwicklung beobach­ ten: Einerseits hat die Bedeutung nachhaltiger Entwicklung in Lehre und Forschung zugenommen, und es gibt in Deutschland auch erste erfolgreiche Bemühungen zur Entwicklung von Studiengängen mit einem Nachhaltigkeitsbezug. Es werden auch Nachhaltigkeitskonzepte für Hochschulen entwickelt, was jedoch in anderen Ländern wie den USA schon verbreiteter ist. Auch in der Unternehmenspraxis sowie in Kommu­ nen und teilweise auf Länderebene ist ein wachsendes Interesse an dem Paradigma festzustellen. Andererseits sind bei der Umsetzung bisher nur relativ „kleine Schritte“ zu beobachten. Daher hat die Struktur des Lehrbuches, das sowohl die theoretischen Grundlagen nachhaltiger Entwicklung als auch die Umsetzung behandelt, noch an Bedeutung ge­ wonnen. In dem Buch geht es weiterhin darum, wie es zu dem Paradigma der nach­ haltigen Entwicklung kam und welche Anforderungen die Nachhaltigkeit hinsichtlich der Weiterentwicklung der heute dominierenden Ökonomie stellt. Dabei geht es ganz zentral um die kritische Hinterfragung des Primats der Ökonomie gegenüber der Öko­ logie und der sozialen Dimension, d. h. der Gesellschaft. Im Prinzip besteht heute kein Zweifel, dass wirtschaftliches Denken und Handeln in den Grenzen ökologischer Sys­ teme stattfinden sollte, um die menschlichen Existenzgrundlagen nicht in Frage zu stellen bzw. zu gefährden. Aber diese Erkenntnis hat sich bisher noch nicht in aus­ reichendem Maße durchgesetzt. Im Kontext nachhaltiger Entwicklung gibt es auch zunehmend die Forderung, dass die Wirtschaft der Gesellschaft nützlich sein soll und nicht die Gesellschaft sich der Wirtschaft unterordnen soll. Neben einer Aktualisierung des Lehrbuches wurden einige Kapitel weiterentwi­ ckelt und neuere Erkenntnisse mit einbezogen. So wurde das Kapitel zwei „Ökono­ mischer Mainstream und nachhaltige Entwicklung – Eine Abgrenzung“ erweitert. In diesem Kapitel geht es primär um die unterschiedliche Herangehensweise an zentrale Themen. Es beginnt mit der Gegenüberstellung der unterschiedlichen Menschenbil­ der in der Ökonomie und dem Paradigma nachhaltiger Entwicklung, die auch für die Form des Wirtschaftens von zentraler Bedeutung sind. Der folgende Abschnitt zu dem Fortschrittsparadoxon in der Ökonomie kam ebenfalls neu hinzu. Das Kapitel drei nimmt weiterhin einen relativ breiten Raum ein, da Innovationen sowohl für die wirtschaftliche Entwicklung im Sinne der Mainstream Ökonomie als auch im Sinne nachhaltiger Entwicklung von großer Relevanz sind. Eine wichtige Er­ weiterung hat das Kapitel vier mit dem Thema „Von der Ökoeffizienz zu einer nach­ haltigen Ressourcenstrategie“ erfahren, indem das Thema der nachhaltigen Ressour­ censtrategie neu hinzukam. Damit wird deutlich, dass die Beziehung von Ökologie und Ökonomie in dem Buch einen relativ breiten Raum einnimmt. Dabei wird jedoch https://doi.org/10.1515/9783110722536-202 X | Vorwort zur zweiten Auflage auch der Bezug zur sozialen Dimension hergestellt. In dem Kapitel fünf zur intra- und intergenerativen Gerechtigkeit wurde der capability approach von Amartya Sen aus­ führlicher dargestellt. Am Ende des Buches kam noch der Abschnitt „Hemmnisse für die Umsetzung nachhaltiger Entwicklung“ dazu. Ein wichtiges Anliegen des Buches ist also aufzuzeigen, wie sich die Anforderun­ gen nachhaltiger Entwicklung begründen. Dabei ist die Mainstream Ökonomie immer der Ausgangspunkt, wodurch sich die Abgrenzung und die Begründung nachhalti­ ger Entwicklung besser nachvollziehen lassen. In dem Lehrbuch konnten nicht al­ le Themenbereiche in der notwendigen Tiefe ausformuliert bzw. präsentiert werden. Aus diesem Grund enthält das Lehrbuch eine Vielzahl von Literaturhinweisen, die ei­ ne Vertiefung erleichtern. So werden beispielsweise die verschiedenen Teildiszipli­ nen der Wirtschaftspolitik in dem Buch „Nachhaltige Wirtschaftspolitik“ präsentiert. (v. Hauff, Nguyen 2013) Bei der Überarbeitung des Buches wurde ich in vielfältiger Weise unterstützt. Zu­ nächst möchte ich meinem Mitautor der ersten Auflage, Alexandro Kleine, danken. Wegen seiner vielfältigen beruflichen Herausforderungen war es ihm zeitlich nicht mehr möglich, an der zweiten Auflage mitzuwirken. Wir haben bei der ersten Auflage jedoch viele Ideen und Textpassagen gemeinsam entwickelt, die auch in der zweiten Auflage teilweise wiederzufinden sind, und nun nur unter meinem Namen erschei­ nen. Dann möchte ich meinen Mitarbeiterinnen, Frau Thuan Nguyen, M.A. Interna­ tional Economics, und Frau Dipl.-Oec. Claudia Kuhnke sowie meiner ehemaligen Mit­ arbeiterin Frau Dr. Andrea Jörg und meiner ehemaligen Doktorandin Frau Dr. Anke Sterzing für hilfreiche Anregungen danken. Danken möchte ich auch meinen studenti­ schen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Christine Behling, Esther Huff, Timo Nauerz und Daniel Sauter. Sie haben mich immer sehr hilfsbereit und in fröhlicher Stimmung bei der Aktualisierung von Tabellen und Schaubildern, bei der Beschaffung neuerer Literatur, aber auch bei Formatierungsarbeiten unterstützt. Schließlich darf ich auch Frau Petra Homm für das Korrekturlesen des Manuskriptes sehr danken. Für mögliche Ungereimtheiten bin ich jedoch alleine verantwortlich. Kaiserslautern, Juni 2014 Michael von Hauff Vorwort zur ersten Auflage In den letzten Jahrzehnten ist der Wohlstand, gemessen am Indikator Pro-Kopf-Ein­ kommen, in vielen Ländern weltweit gestiegen. Damit wurde nach der weitverbreite­ ten ökonomischen Lehrmeinung ein wesentliches Ziel wirtschaftlichen Handelns er­ füllt. Gleichzeitig kam eine Reihe von Krisensymptomen bzw. Ungleichgewichten auf und hat sich in den letzten Jahren teilweise noch verschärft. Exemplarisch sollen hier die Folgen von Umweltproblemen wie die Klimaveränderung, die sich zumindest in einigen Ländern verschärfende Wasserknappheit, aber auch die wachsende Arbeits­ losigkeit und die steigende Verschuldung vieler Länder genannt werden. Es wurde zunehmend deutlich, dass es sich nicht nur um temporäre Probleme handelt, son­ dern dass sich ebenso politische und wirtschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten erge­ ben. Durch den zu vollziehenden Strukturwandel entstehen also auch Chancen für die weltweite Umsetzung einer vielmehr qualitativen Entwicklung und eines anderen Fortschritts. Eine der drängendsten sozialen Herausforderungen war und ist die weitverbreite­ te Armut, die durch die ungleiche Chancenverteilung in vielen nationalen Bildungs- und Gesundheitssystemen und teilweise durch eine wachsende Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen noch verschärft wird. Die weltweiten ökonomischen Krisensymptome werden gegenwärtig durch die Krise der internationalen Finanz­ märkte besonders offensichtlich, da alle Länder davon betroffen sind. Dabei kam es bereits seit den 1980er-Jahren in einer Reihe von Entwicklungsländern zu Finanz­ krisen mit verheerenden wirtschaftlichen und sozialen Folgen für die Bevölkerung, die in den westlichen Industrienationen häufig nur unzureichend wahrgenommen wurden. Einige Ökonomen wie auch Vertreter internationaler Organisationen – besonders der Organisationen der Vereinten Nationen – erkannten schon in den 1970er-Jahren diese krisenhaften Entwicklungstendenzen. Auf internationaler Ebene wurde u. a. mit der Einberufung der Brundtland-Kommission und mit der Durchführung einer Viel­ zahl von internationalen Konferenzen auf die Krisensymptome reagiert. Hierbei wur­ de deutlich, dass viele der dominierenden ökonomischen Ansätze für eine dauerhafte Lösung dieser Krisen nicht mehr tauglich sind. Aus diesem Grunde wurde das Leitbild nachhaltige Entwicklung für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts entwickelt. Die nachhaltige Entwicklung ist eine normative – keine völkerrechtlich einklag­ bare – Vereinbarung der Weltgemeinschaft. Sie gilt spätestens seit der Weltkonferenz 1992 in Rio de Janeiro als globales Leitbild, das von Regierungsvertretern aus 178 Natio­ nen unterzeichnet wurde. Auf der Konferenz wurde u. a. die „Agenda 21“ beschlossen, die den Handlungsrahmen für eine gerechte Entwicklung heutiger und zukünftiger Generationen vorgibt. Der Konferenz lag die Einsicht zugrunde, dass die Forderungen der Industrieländer nach mehr Umweltschutz mit dem wirtschaftlichen Nachholbe­ darf der Entwicklungsländer zu vereinbaren seien. https://doi.org/10.1515/9783110722536-203 XII | Vorwort zur ersten Auflage Zehn Jahre später wurde das Leitbild nachhaltige Entwicklung auf der ersten Fol­ gekonferenz in Johannesburg weiter konkretisiert und ausdifferenziert. In der Litera­ tur wird jedoch immer wieder darauf hingewiesen, dass die neuere Diskussion zur Nachhaltigen Entwicklung mit dem ersten Bericht an den Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ im Jahr 1972 begann. Dieser Bericht, in dem das Wachstumsparadigma hinterfragt wurde, löste eine theoretische Diskussion zu diesem Thema aus, in der sich bis heute unterschiedliche Positionen unversöhnlich gegenüberstehen. Für ein besseres Verständnis des neuen Paradigmas werden die historischen Vor­ läufer der Diskussion dargelegt. Darauf folgen die inhaltliche Abgrenzung der drei Di­ mensionen und die theoretische Begründung einer „Sustainability Science“. Dabei wird deutlich, dass die beiden Dimensionen Ökologie und Ökonomie und deren Be­ ziehung in der Literatur bisher noch dominieren. Das Lehrbuch legt seinen Schwer­ punkt ebenfalls auf Ökologie und Ökonomie, berücksichtigt aber auch die soziale Di­ mension, die in der neueren Literatur zunehmend Beachtung findet. Die intragenera­ tionelle und intergenerationelle Gerechtigkeit als wichtige Forderungen Nachhaltiger Entwicklung werden ausführlich aufgenommen. Im hinteren Teil des Buches geht es dann um die Umsetzung des Leitbildes im Rahmen von Nachhaltigkeitskonzepten bzw. -strategien. Die Differenzierung nach Ökologie, Ökonomie und Sozialem ist ein weitverbrei­ teter Ausgangspunkt zur Analyse und Strukturierung Nachhaltiger Entwicklung. Sie soll auch in diesem Buch zu einer Einordnung bzw. Systematik beitragen. Da be­ rechtigte Kritik geübt wurde, die Dreiteilung alleine sei zu ungenau und würde die Problematik nicht genügend abbilden, bedient sich das Buch später einer konzeptio­ nellen und didaktisch ertragreichen Weiterentwicklung, dem Integrierenden Nach­ haltigkeitsdreieck, das ein Kontinuum aus ökologischer, ökonomischer und sozia­ ler Dimension erlaubt. Mit dieser neuen Systematisierungsmethodik lassen sich die Aspekte einer Nachhaltigen Entwicklung prägnanter einordnen, Beziehungen aufzei­ gen und im Zusammenhang darstellen. Das Anwendungsspektrum der Methodik ist vielfältig, wie die Anwendungsbeispiele am Ende des Buches zeigen. Kaiserslautern, Mai 2009 Michael von Hauff Alexandro Kleine Inhalt Vorwort zur dritten Auflage | VII Vorwort zur zweiten Auflage | IX Vorwort zur ersten Auflage | XI 1 Entstehung und Zielsetzung des Leitbildes nachhaltige Entwicklung | 1 1.1 Historische Vorläufer der Nachhaltigkeit | 2 1.2 Grenzen des Wachstums | 6 1.3 Der Brundtland-Bericht | 9 1.4 Der Rio-Prozess | 12 1.5 Exkurs: Die Kontroverse ökologisch dominiertes Konzept versus Drei-Säulen-Konzept | 14 1.6 Die bisherige Dominanz der Umweltpolitik | 16 1.7 Umsetzung des Leitbildes durch Nachhaltigkeitsstrategien | 17 2 Ökonomischer Mainstream und nachhaltige Entwicklung – Eine Abgrenzung | 21 2.1 Das Menschenbild in der neoklassischen Theorie und der nachhaltigen Entwicklung | 22 2.2 Das Fortschrittsparadoxon in der Ökonomie | 31 2.3 Grundlagen nachhaltiger Entwicklung | 33 2.4 Ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit | 35 2.5 Die neoklassische Position: schwache Nachhaltigkeit | 47 2.6 Die Position der Ökologischen Ökonomie: starke Nachhaltigkeit | 54 2.7 Auflösung der Nachhaltigkeitsparadigmen starker und schwacher Nachhaltigkeit | 60 3 Bedeutung von Innovationen für eine nachhaltige Entwicklung | 73 3.1 Die ökonomische Bedeutung von Innovationen | 74 3.2 Innovationen ökologischer Nachhaltigkeit | 84 3.3 Fallbeispiel Digitalisierung: Anforderungen an eine nachhaltige Digitalisierung | 96 3.3.1 Einordnung der Digitalisierung in den Kontext nachhaltiger Entwicklung | 97 3.3.2 Perspektiven der Digitalisierung zur Förderung nachhaltiger Entwicklung | 103 XIV | Inhalt 4 Von der Ökoeffizienz zur Ökoeffektivität | 106 4.1 Inhaltliche Abgrenzung der Ökoeffizienz | 106 4.2 Messung der Ökoeffizienz | 108 4.3 Grenzen der Ökoeffizienz | 114 4.4 Starke und schwache Ökoeffizienz | 119 4.4.1 Varianten schwacher Ökoeffizienz | 120 4.4.2 Varianten starker Ökoeffizienz | 123 4.5 Inhaltliche Abgrenzung der Ökoeffektivität | 129 4.6 Circular Economy und Konzepte ihrer Umsetzung | 136 4.7 Ausgewählte Ansätze zur Umsetzung der Circular Economy | 140 4.8 Die Relevanz einer nachhaltigen Ressourcenstrategie | 145 5 Intra- und intergenerationelle Gerechtigkeit | 150 5.1 Theoretische Ansätze der Gerechtigkeit | 152 5.1.1 Utilitarismus | 152 5.1.2 Vertragstheoretischer Ansatz nach John Rawls: Gerechtigkeit als Fairness | 154 5.1.3 Liberaler Gerechtigkeitsansatz und Garantie von Rechten | 160 5.2 Neuere theoretische Ansätze | 161 5.2.1 Bürgerrechte und Partnerschaftsprinzip | 161 5.2.2 Planetary Trust | 162 5.2.3 Integriertes Nachhaltigkeitsverständnis der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren | 163 5.2.4 Konzepte der Weltbank für Chancengerechtigkeit und Entwicklung | 164 6 Systematisierung der Nachhaltigkeitsdimensionen | 166 6.1 Verwendung der drei Säulen in Wissenschaft und Politik | 166 6.2 Bisherige Ansätze zur Darstellung der drei Nachhaltigkeitssäulen | 170 6.3 Anwendung: Das Integrierende Nachhaltigkeitsdreieck | 174 6.3.1 Methode des Integrierenden Nachhaltigkeitsdreiecks | 175 6.3.2 Felder des Integrierenden Nachhaltigkeitsdreiecks | 177 6.3.3 Positionsberechnung für eine Darstellung | 179 6.4 Anwendungsmöglichkeiten im Integrierenden Nachhaltigkeitsdreieck | 182 7 Umsetzung nachhaltiger Entwicklung durch Nachhaltigkeitsstrategien | 188 7.1 Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie 2002 | 189 7.2 Die Agenda 2030 | 193 7.3 Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie – Neuauflage 2016 | 200 Inhalt | XV 7.4 Bewertung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie 2016, der Aktualisierung 2018 und der Weiterentwicklung 2021 | 213 7.5 Die Europäische Nachhaltigkeitsstrategie | 229 7.6 Hemmnisse für die Umsetzung nachhaltiger Entwicklung | 232 8 Ausblick | 238 Abbildungsverzeichnis | 241 Tabellenverzeichnis | 243 Literatur | 245 Über den Autor | 269 Stichwortverzeichnis | 271 1 Entstehung und Zielsetzung des Leitbildes nachhaltige Entwicklung Die historischen Vorläufer nachhaltiger Entwicklung sollen kurz aufgezeigt werden, um zu verdeutlichen, welche Erkenntnisse schon vor der „offiziellen Einführung“ des Leitbildes vorlagen. Daraus wird deutlich wie unendlich schwer sich die Menschheit mit der Umsetzung des notwendigen Transformationsprozesses tut. Das Leitbild nach­ haltige Entwicklung wurde durch die Konferenz in Rio de Janeiro 1992 international sehr populär. Es gab jedoch schon viele Vorläufer zu diesem Leitbild. Seinen Ursprung kann man der Wald- bzw. Forstwirtschaft zuschreiben. Es wurde erkannt, dass ein Gleichgewicht zwischen der Abholzung und Aufforstung von Waldbeständen notwen­ dig ist, wenn es nicht zu einer Holzknappheit kommen sollte, die weitreichende wirt­ schaftliche und soziale Folgen hat. „The Principles of Population“ von Thomas Malthus ist ein Beispiel für eine ers­ te wachstumskritische Arbeit aus ökonomischer Perspektive. Er ging 1798 davon aus, dass die Bevölkerung weiter stark wachsen würde, womit die langsamer steigende Nahrungsmittelproduktion nicht mithalten könne. Infolgedessen würden die Löhne sinken und die Preise steigen. Um dieser Gefahr zu entgehen, schlug Malthus Bil­ dungsmaßnahmen und Heiratskontrollen vor. Später zeigte sich, dass die Prognosen von Malthus nicht eintraten, da er den technischen Fortschritt in der Landwirtschaft unter- und den Bevölkerungszuwachs überschätzt hatte. Knappheiten bzw. Umweltbelastungen sind auch in neuerer Zeit Ausgangspunkt von Analysen. Ökonomen wie Kenneth Boulding, Karl William Kapp und Nicholas Georgescu-Roegen haben bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren in Veröffentlichun­ gen auf die wachsenden Gefahren der Umweltbelastung hingewiesen. Es folgten 1968 erste Konferenzen wie die „Biosphere Conference“ in Paris und die „Conference on Ecological Aspects of International Development“ in Washington, D. C. Seit Anfang der 1970er-Jahre gibt es die Diskussion über die „Nachhaltigkeit“ wirt­ schaftlichen Handelns. Wichtige Ereignisse waren die 1972 veröffentlichte wachstums­ kritische Schrift „Grenzen des Wachstums“, die erste Weltumweltkonferenz in Stock­ holm, die im gleichen Jahr stattgefunden hat und das wirtschaftswissenschaftliche „Symposium on the Economics of exhaustible resources“, das zwei Jahre später statt­ fand. Auf der Basis dieser drei Meilensteine erfuhr die Nachhaltigkeit eine erste Aus­ formulierung für die Frage des optimalen Verbrauchs natürlicher Ressourcen. Nachhaltige Entwicklung ist spätestens seit der Veröffentlichung des Berichtes der sogenannten „Brundtland-Kommission“ (WCED 1987, deutsch: Hauff 1987) die Grundlage für ein neues und umfassendes politisches Leitbild der Weltgemeinschaft. Die Ziele Umweltschutz und wirtschaftliche Entwicklung sind mit der Forderung ver­ bunden, die Bedürfnisse sowohl heutiger als auch zukünftiger Generationen gerecht zu befriedigen. Daher sind die intra- und intergenerationelle Gerechtigkeit konstitu­ tive Merkmale des Brundtland-Berichtes. Nach der Rio-Konferenz im Jahr 1992 kam https://doi.org/10.1515/9783110722536-001 2 | 1 Entstehung und Zielsetzung des Leitbildes nachhaltige Entwicklung es dann zu einer Vielzahl von Folgekonferenzen, auf denen das Leitbild nachhaltiger Entwicklung durch Zielvorgaben bzw. Forderungen weiter konkretisiert wurde. Die wichtigsten Stationen nachhaltiger Entwicklung hat Pufé tabellarisch zusammenge­ tragen. (Pufè 2017, S. 58 ff.) Die nachfolgenden Abschnitte zeichnen die Genese der nachhaltigen Entwick­ lung nach. Sie ist auch für die heutige Diskussion noch in hohem Maße relevant. Abschnitt 1.1 stellt die Waldwirtschaft als einen historischen Vorläufer dar. In Ab­ schnitt 1.2 wird auf dem Hintergrund des ersten Berichtes an den Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ die Diskussion über mögliche Wachstumsgrenzen einer Industriegesellschaft vorgestellt. Der Brundtland-Bericht (Abschnitt 1.3) führte dies Mitte der 1980er-Jahre zu einem Konzept für die Politik weltweit aus und leitete den Agenda 21-Prozess ein (Abschnitt 1.4). Der Exkurs in Abschnitt 1.5 zeigt die Diskussion um die Gewichtung von Nachhaltigkeitsdimensionen auf. Die zunehmende Ablösung einer ökologisch dominierten Diskussion (Abschnitt 1.6) zeichnet sich in Nachhaltig­ keitsstrategien als zentrales politisches Konzept zur Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung ab (Abschnitt 1.7). 1.1 Historische Vorläufer der Nachhaltigkeit Einer der bedeutendsten Vorläufer des Nachhaltigkeitskonzepts ist die Forstwirt­ schaft. Aus den damaligen Erkenntnissen kann man heute noch viel ableiten. Daher wird im Folgenden ein kurzer Rückblick in die entscheidende Phase der Forstwirt­ schaft gegeben, wobei sich die Ausführungen auf einige exemplarische Ereignisse konzentrieren (siehe auch Osranek 2017; Holzbaur 2020). Der Mutter von Herzog Carl August, Anna Amalia, ist weltweit die erste Forstre­ form mit dem Anspruch auf Nachhaltigkeit zu verdanken. Das Ziel war, Holz dauer­ haft und mit stetem Ertrag bereit zu stellen. Der Begriff nachhaltig wurde jedoch schon vom Freiberger Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz geprägt, der ihn in sei­ ner Abhandlung „Sylvicultura Oeconomica“ aus dem Jahr 1713 einführte. Im Jahr 2013, also 300 Jahre nach dem Erscheinen seiner bedeutenden Schrift, fand er in einer Viel­ zahl von Publikationen eine besondere Aufmerksamkeit. In seiner Abhandlung for­ dert er eine „continuierliche und beständig nachhaltende Nutzung“. Sein Verständnis von Nachhaltigkeit wird in dem folgenden Zitat deutlich: Denn je mehr Jahr vergehen, in welchem nichts gepflanzet und gesaet wird, je langsamer hat man den Nutzen zugewarten, und um so viel tausend leidet man von Zeit zu Zeit Schaden, ja um so viel mehr geschickt weitere Verwüstung, daß endlich die annoch vorhandenen Gehöltze angegriffen, vollends consumiret und sich je mehr und mehr vermindern müssen.... Wo Schaden aus unterbliebener Arbeit kommt, da wächst der Menschen Armuth und Dürfftigkeit. Es lässet sich auch der Anbau des Holtzes nicht so schleunig wie der Acker=Bau tractiren. (von Carlowitz 1713, S. 105) 1.1 Historische Vorläufer der Nachhaltigkeit | 3 Hintergrund seiner Überlegungen war, dass der Bergbau und die Verhüttung einen hohen Holzbedarf verursachten. Daher war die Umgebung der Bergbaustädte häufig entwaldet. (Ott, Döring 2011, S. 22) Die Folge war, dass Holz über größere Entfernun­ gen – meistens über Flößerei – transportiert werden musste. Dadurch stiegen die Holz­ preise und es kam zusätzlich zu der verbreiteten Befürchtung einer Holzknappheit. Besonders aktuell ist, dass er auch Holzschäden erkannte (Kapitel 5): Sturmschäden standen bei ihm an erster Stelle gefolgt von Schäden durch Schnee, Frost und Tro­ ckenheit und schließlich Schäden durch blattfressende Raupen und anderes Vieh. (von Carlowitz 2012, S. 25) Dahr waren seine Ausführungen im Prinzip ein Vorläufer der Diskussion über „Die Grenzen des Wachstums“. Vogt gibt jedoch zu bedenken, dass es von Carlowitz keineswegs nur um eine Managementregel, sondern eher um eine Geisteshaltung ging, was im Prinzip auch für die heutige Zeit von Bedeutung ist. So nimmt er in dem schon erwähnten Werk immer wieder auf Gott Bezug, was häufig übersehen wird. Seine Naturvorstellung war stark durch den jüdischen Religionsphi­ losophen Spinoza geprägt, der Gott und die „natura naturans“ als Einheit versteht. Seine Geisteshaltung begründet sich also aus der Ehrfurcht vor der Schöpfung, der Teilhabe an deren kreativ-schöpferischer Macht und als vorausschauende Zukunfts­ verantwortung. (Vogt 2014) Dabei gab es in der früheren Geschichte schon mehrfach das Problem der Holz­ knappheit, die besonders durch den Schiffbau verursacht wurde. Die weitgehende Entwaldung Griechenlands und anderer Länder im Mittelmeerraum ist darauf zurück­ zuführen. Ein eindrucksvolles Beispiel war auch der enorme Holzbedarf Venedigs vor und zu Beginn des 15. Jahrhunderts sowohl für den Schiffbau als auch für die Pfähle und Wellenbrecher beim Auf- und Ausbau der Stadt, für die Herstellung von Holzkoh­ le für die Öfen der Glasmanufakturen von Murano bis hin zum Heizen in den eisigen venezianischen Wintern. Der enorme Holzbedarf führte zu einer „staatlichen Inter­ vention“: 1458 gründete der Senat die Behörde „proveditori ai boschi“, die sich um die Vorsorge von Holz kümmern sollte. (Grober 2010, S. 81, Osnarek 2017) Aber auch die Lüneburger Heide ist ein Beispiel für die Abrodung der Wälder – in diesem Fall – zur Gewinnung von Salzen aus Salinen. von Carlowitz entwickelte neue Grundsätze, mit denen die Holzknappheit für im­ mer überwunden werden sollte. Im Prinzip stellt von Carlowitz fest, dass in der Forst­ wirtschaft ökonomisches Handeln mit den Erfordernissen der Natur in Einklang zu bringen sei. Diese Maxime ist auch heute noch hoch relevant. Seine einfache Vorgabe war: Es sollte pro Jahr nicht mehr Holz geschlagen werden, als nachwächst. Es handelt sich um das in der Literatur heute weithin akzeptierte ressourcenökonomische Prin­ zip. Daraus begründet sich die Notwendigkeit, das ökonomische Ziel der maximalen dauerhaften Nutzung des Waldes mit den ökologischen Beziehungen des Nachwach­ sens des Waldes zusammenzuführen. Insofern wurden hier bereits Grundlagen der ökologischen Nachhaltigkeit gelegt. Dieses Gedankengut ging 1775 in die Weimarische Forstordnung ein. Eine der zen­ tralen Positionen war, dass der „Abtrieb“ des Holzes nicht mehr nur nach Gutdünken 4 | 1 Entstehung und Zielsetzung des Leitbildes nachhaltige Entwicklung oder „Holzbedürfnis“ der gegenwärtig lebenden Generation zu erfolgen habe, son­ dern auch die Bedürfnisse der „Posterität“, d. h. die Sorge für die Nachkommenschaft, zu berücksichtigen seien. Das entspricht dem Nachhaltigkeitsprinzip der intergenera­ tionellen Gerechtigkeit, die sich in der Definition des Brundtland-Berichts wiederfin­ det. Die Bemühungen um eine nachhaltige Waldwirtschaft wurden in den folgenden Jahren fortgeführt. Besonders zu erwähnen sind Heinrich Cotta mit seinem 1806 er­ schienen Buch über „Die Bewegung und Funktion des Saftes in den Gewächsen“, in dem es besonders um das Wachstum des Holzes ging, von dem der Wohlstand eines erheblichen Teils der Bevölkerung abhing. In der Folge entstand dann die Forstakademie in Tharandt, in der die neue Leh­ re vom Waldbau den Nachwuchskräften aus dem In- und Ausland beigebracht wur­ de. Der sächsische König erhob das Institut 1816 zur staatlichen Hochschule, nach­ dem Carl Maria von Weber seine Waldoper „Der Freischütz“ schrieb und Caspar David Friedrich Mitglied der Kunstakademie wurde. Daraus wird die neue Grundstimmung deutlich, die darauf abzielte, den Raubbau an der Natur bzw. die chaotische und zer­ störerische Ausbeutung der Wälder zu beenden. Die Vision war „der ewige Wald“, der für alle Zeiten die Gesellschaft mit dem lebenswichtigen Rohstoff versorgen sollte. Das Konzept des „maximum sustainable yield“, das den Nachhaltigkeitsbegriff prägte, fand Anfang des 20. Jahrhunderts auch Eingang in die Fischereiwirtschaft. Danach sollte sich der Fischfang an der Reproduktionsfähigkeit der Fischbestände orientie­ ren, um maximale Erträge dauerhaft erzielen zu können. (Grunwald, Kopfmüller 2012, S. 19) Somit haben Erkenntnisse zur Stabilisierung und zu den Belastungsgrenzen von Wirtschaft und Gesellschaft schon früh in wissenschaftlichen Abhandlungen Eingang gefunden. Forstexperten wie Cotta waren bestrebt auf der Grundlage mathematischer Ver­ fahren Holzvorräte zu berechnen und den erwarteten Nachwuchs an Holz zu kalku­ lieren. So wurde der Tharandter forstwirtschaftliche Nachhaltigkeitsbegriff weltweit zum Leitbild. Die mathematischen Berechnungen konnten jedoch nicht verhindern, dass es in der Folge zu neuen unvorhergesehenen Problemen kam. Es entstanden die Konzepte des „Normalwaldes“, in dem die Bäume in Reih’ und Glied stehen, und die „Reinertragslehre“, die mit kurzen Umtriebszyklen und raschwüchsigen Nadelbaum­ arten einen maximalen ökonomischen Ertrag vorsah. Dabei wurde deutlich, dass ein­ seitige Bewirtschaftungsmethoden, wie Monokulturen, nicht stabil sind. So fraß die Larve der Nonne, einer Schmetterlingsart, in den 1850er-Jahren große Nadelholzbe­ stände kahl. Als Reaktion darauf wurde die Schädlingsbekämpfung als Mittel der Pro­ blemlösung gefördert. In der Folge wurde die Massenvernichtung von Ungeziefer zur Maxime der Forstwirtschaft, was mit dem Leitbild der Nachhaltigkeit kaum in Ein­ klang zu bringen ist. Es kam zu einer Kontroverse über Monokulturen, die auch heute wieder hoch aktuell ist. Einen etwas anderen Zugang zu Wäldern bzw. der Idee der Nachhaltigkeit hatte Alexander von Humboldt. Er brach 1799 zu einer großen Expedition nach Südamerika auf. Seine Reise führte auch in den Regenwald, d. h. in das Zentrum der Artenvielfalt. 1.1 Historische Vorläufer der Nachhaltigkeit | 5 Dabei hat sich von Humboldt der Erforschung der Beziehungen von Flora und Fauna, ihren Standort-, Klima- und Umweltbedingungen zugewandt. Auch diese Erkenntnis­ se sind für das Amazonasgebiet aus heutiger Perspektive von hoher Relevanz (Mechik, v. Hauff 2021). Daraus entstand ein neuer Wissenschaftszweig, die „Oecologie“. Sie wurde jedoch erst nach dem Tod von Humboldt im Jahr 1866 durch Ernst Haeckel ge­ prägt: „Unter Oecologie verstehen wir die gesamte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Aussenwelt, wohin wir im weiteren Sinne alle Exis­ tenz-Bedingungen rechnen können.“ (Haeckel 1866, S. 286) Bemerkenswert ist, dass danach die Wissenschaftsdisziplinen Ökologie und Nachhaltigkeit bis in die 1970er- Jahre weitgehend vernachlässigt wurden. Die Forstwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt. In Deutschland ist man beispielsweise bestrebt, eine nachhaltige Forstwirtschaft durch ungleichartige und standortgerechte Baumarten in Mischwäldern umzusetzen. Hinzu kommt noch die Begrenzung des Einschlags, die sich entsprechend dem Grundsatz von Hans Carl von Carlowitz an der Wiederaufforstung zu orientieren hat. Weiter­ hin wurden standardisierte Zertifizierungsverfahren eingeführt (Forest Stewardship Council/FSC Zertifizierung). In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die verschie­ denen neuen Entwicklungen im Kontext nachhaltiger Entwicklung zusammenzufüh­ ren. Der explizite Nachhaltigkeitsbezug ist in den gesamteuropäischen Kriterien und Indikatoren einer nachhaltigen Forstwirtschaft „Sustainable Forest Management“ eingegangen. Dabei geht es darum, eine einseitige Funktionsverschiebung der Wald­ nutzung auf die Kohlenstoffspeicherung zulasten anderer Waldfunktionen wie den Erhalt der Biodiversität oder der Wiederherstellung naturschutzfachlich wertvoller Waldökosysteme zu vermeiden. (Schaich, Konold 2012, S. 5) Die folgenden Ausführun­ gen beschränken sich auf die sechs Kriterien: – Kriterium 1: Forstliche Ressourcen und ihr Beitrag zum globalen Kohlenstoff­ kreislauf, – Kriterium 2: Gesundheit und Vitalität der forstlichen Ökosysteme, – Kriterium 3: Produktionsfunktion der Wälder wie Zuwachs und Nutzung, – Kriterium 4: biologische Diversität in forstlichen Ökosystemen, – Kriterium 5: Schutzfunktion der Wälder, d. h. besonders Boden- und Wasser­ schutz, – Kriterium 6: sozioökonomische Funktionen wie Eigentümerstruktur, Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt und Erholungswald. Die Forstwirtschaft findet seit längerer Zeit auch auf internationaler Ebene unter dem Aspekt des Waldschutzes zunehmend Beachtung. Hier kommt es zu neuen interna­ tionalen Allianzen, die sich dem Klimaschutz zuwenden. Es besteht international ein großer Konsens, dass Wälder und hier besonders die Regenwälder entscheidend zum Klimaschutz beitragen. Die Relevanz wird deutlich, wenn man bedenkt, dass in je­ dem Jahr weltweit eine Fläche von der Größe Griechenlands entwaldet wird. Während internationale Waldschutzforen bisher weitgehend erfolglos blieben, findet in den 6 | 1 Entstehung und Zielsetzung des Leitbildes nachhaltige Entwicklung Klimaverhandlungen der Waldschutzmechanismus „Reducing Emissions from Defor­ estation and Degradation (REDD+)“ politische Unterstützung. (Acosta 2011, S. 109, FAO, UNEP 2020; Mechik, v. Hauff 2020) Für die Forstwirtschaft gewinnen seit den 1990er-Jahren aber auch Modellierun­ gen künftiger regionaler Klimazustände an Bedeutung. Dabei werden Szenarien der Standortveränderungen aufgrund von Klimaveränderungen und deren ökologische und ökonomische Auswirkungen erarbeitet. (Kölling 2007, Peukert 2021) Es geht dar­ um, schon heute Maßnahmen festzulegen, um die Wälder vorausschauend „klima­ stabil“ zu entwickeln. In diesem Kontext entstanden bereits eine Reihe von waldbau­ lichen Anpassungsstrategien wie die Schaffung und der Erhalt von Mischbeständen. Ein wichtiges Forschungsfeld hierbei ist, die Konfliktpunkte und Synergiepotenziale zwischen Forstwirtschaft und Naturschutz herauszuarbeiten. (Reif et al. 2010, S. 261; Bundesamt für Naturschutz 2019, S. 5 ff.; DVFFA 2020). Aus diesen exemplarischen Ausführungen wird deutlich, dass die Komplexität nachhaltiger Waldbewirtschaftung deutlich zugenommen hat. Dies gilt auch für viele andere Bereiche der Wirtschaft und der Gesellschaft, wie noch näher ausgeführt wird. 1.2 Grenzen des Wachstums In der Literatur gibt es unterschiedliche Hinweise darauf, wann die Nachhaltigkeits­ diskussion in neuerer Zeit wieder aufgenommen wurde (vgl. u. a. Dresner 2008, S. 25). Es ist jedoch unstrittig, dass einige Ökonomen wie Kenneth Boulding, John Galbraith und auch Edward Mishan bereits in den 1960er-Jahren auf die wachsenden Umwelt­ probleme und ihre Auswirkungen aufmerksam machten. Besondere Beachtung fand das Buch von Mishan mit dem Titel „The Costs of Economic Growth“. Er kritisiert in seinem Buch das Sozialprodukt als Indikator für „human welfare“. Eine besonde­ re Aufmerksamkeit erfuhr dann 1972 der erste Bericht an den Club of Rome „The Li­ mits to Growth“ (deutsch „Die Grenzen des Wachstums“), maßgeblich erstellt von Dennis Meadows und Donella Meadows. Die wichtigste Botschaft des Berichtes, der in 28 Sprachen übersetzt wurde, war, dass eine Fortschreibung der aktuellen Trends hinsichtlich des Bevölkerungswachstums und der Nachfrage nach nichtregenerativen Ressourcen bis Mitte des 21. Jahrhunderts zu einer großen wirtschaftlichen Beein­ trächtigung führen würde. Auch wenn der Bericht konzeptionelle und methodische Unzulänglichkeiten aufwies, löste er eine kontroverse Diskussion über den Zusam­ menhang von Produktionsformen und Lebensstilen, aber auch über das exponentiel­ le Wirtschaftswachstum und die nicht-erneuerbaren Ressourcen aus, die auch heute noch stattfindet. (v. Hauff, Jörg 2017) 1972 fand die erste große Umweltkonferenz der UN in Stockholm statt, auf der das United Nations Environment Programme (UNEP) gegründet wurde. Als Folge da­ von wurden in vielen Staaten Umweltministerien gegründet. 1980 wurde von der In­ ternational Union for the Conservation of Nature (IUCN) in Kooperation mit verschie­ 1.2 Grenzen des Wachstums | 7 denen UN-Organisationen, wie UNEP, die „World Conservation Strategy“ erarbeitet (Grunwald, Kopfmüller 2012, S. 21). Dabei wurde erstmals der Begriff „Sustainable De­ velopment“ in einem größeren wissenschaftlichen und politischen Kreis verwendet. Hierbei zielte der Begriff in Anlehnung an die Forstwirtschaft darauf ab, dass eine dauerhafte ökonomische Entwicklung ohne die Erhaltung der Funktionsfähigkeit der Ökosysteme nicht möglich ist. Soziale Aspekte der Ressourcen- und Umweltprobleme, aber auch die Eigenständigkeit der sozialen Dimension wurden zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend vernachlässigt. Obwohl in den 1970er- und in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre noch viele relevante Ereignisse auf dem Weg zum Leitbild nachhaltiger Entwicklung zu nennen wären, erfolgt nun der Übergang zur Entstehung und den zen­ tralen Aussagen des Brundtland-Berichts. Der Brundtland-Bericht gilt als einer der bedeutendsten Beiträge zur Entwicklung und Abgrenzung des Leitbildes nachhaltiger Entwicklung. Auch hierzu gab es jedoch eine Reihe von Publikationen bzw. Stellungnahmen, die diesen Bericht beeinflusst haben. Besonders hervorzuheben ist auch in diesem Kontext der erste Bericht an den Club of Rome. Der Bericht basiert auf der Prognose, wonach sich die Menschheit auf einem sogenannten „Boom-and-Burst“-Pfad befindet. Die zentrale Aussage ist: Ein ex­ ponentielles Wachstum führt zur Überschreitung der natürlichen Grenzen der Natur, wodurch besonders eine Knappheit der nicht regenerativen Ressourcen, wie Erdöl, auftritt. Dadurch wird das „optimistische Wachstumsmodell“, wie es zu diesem Zeit­ punkt dominierte, infrage gestellt. Die Prognose zielt darauf ab, dass bis zum Jahre 2100 Krisenphänomene auftreten, wie ein Absinken der Bevölkerung, eine Deindus­ trialisierung und eine massive Einschränkung der bisher üblichen Lebensverhältnis­ se. So wird u. a. festgestellt: Eines der in unserer Gesellschaft gern geglaubten Märchen ist die Behauptung, dass die Fortdauer des Wachstums zu einer stärkeren menschlichen Gleichberechtigung führen müsse. Wir haben bereits dargestellt, wie das gegenwärtige Wachstum von Bevölkerung und Kapital tatsächlich die Kluft zwischen Arm und Reich weltweit vergrößert. (Meadows et al. 1972) Der Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ fand jedoch nicht nur eine breite Aufmerk­ samkeit, sondern auch eine sehr gegensätzliche Resonanz. Die Befürworter des Be­ richtes, wie Paul Ehrlich, betonten besonders die Verknappung natürlicher Ressour­ cen mit den im Bericht aufgezeigten Folgen. Dadurch würde bei einem „Catching- up“-Prozess – wirtschaftlicher Aufholprozess von Entwicklungsländern – das bis dahin dominierende Wachstumsmodell des exponentiellen Wachstums nicht auf­ rechterhalten werden können. In dem Bericht wurde weiter hervorgehoben, dass die Schadstoffemissionen weitgehend parallel zum Wirtschaftswachstum zunehmen würden. Neben der Rohstoffverknappung kommt es in diesem Szenario also auch zu einer exponentiell steigenden Umweltverschmutzung, die besonders von den Indus­ trieländern verursacht wird. Die Kritiker der eher pessimistischen Prognose von Meadows hielten dem Bericht entgegen, dass er zu stark von Thomas Malthus geprägt sei. (Dresner 2008, S. 27 ff.) Es 8 | 1 Entstehung und Zielsetzung des Leitbildes nachhaltige Entwicklung ist unbestritten, dass im bereits genannten Szenario der technische Fortschritt bezie­ hungsweise der umwelttechnische Fortschritt keine ausreichende Beachtung findet. Aber auch die Umweltpolitik – so die Kritiker – hätten die Befürworter des Berich­ tes weit unterschätzt. Gleichzeitig ist jedoch anzumerken, dass die nachholende Ent­ wicklung vieler Entwicklungsländer hinsichtlich ihrer Umweltauswirkungen zu die­ sem Zeitpunkt noch nicht in ausreichendem Maße absehbar war, wie an den Beispie­ len der großen aufstrebenden Entwicklungsländer China, Indien oder auch Brasilien besonders deutlich wird. Im Jahr 1992 erschien von Donella Meadows, Jorgen Randers und Dennis Mea­ dows eine aktualisierte Neuauflage von „The Limits to Growth“ mit dem Titel „Beyond the Limits“, in der die globalen Entwicklungen zwischen 1970 und 1990 aufgenommen wurden. In der Neuauflage wurden die Erkenntnisse aus der ersten Auflage ganz we­ sentlich bestätigt. Der Titel der zweiten Auflage erklärt sich jedoch aus der gegenüber der ersten Auflage neuen Erkenntnis, dass die Menschheit die Grenzen der „Earth’s support capacity“ überschritten hat. Insofern kommen sie zu der Schlussfolgerung, dass die Menschheit in ein „nicht nachhaltiges Territorium“ vorgedrungen ist. Bei­ spielhaft hierfür nennen sie die Abholzung von Regenwäldern in Dimensionen von „nicht nachhaltigen Raten“. Die Folge für sie ist der voranschreitende Klimawandel. (Meadows 1992) 2004 erschien dann von dem gleichen Autorenteam die dritte Auflage mit dem Titel: „Limits to Growth – The 30-Year Update“. „This 30–year update presents the es­ sential parts of our original analyses and summerizes some of the relevant data and the insights we have acquired over the past three decades” (S. ix). Dabei erkennen die Verfasser sehr wohl, dass es zu einer Reihe von positiven Entwicklungen gekommen ist. Sie nennen neue, umweltfreundlichere Technologien, ein verändertes Konsumen­ tenverhalten, die Gründung neuer Institutionen und die neuen internationalen Ver­ einbarungen zur Stärkung nachhaltiger Entwicklung. Aber auch das Umweltbewusst­ sein hat in diesen drei Jahrzehnten deutlich zugenommen, und in den meisten Län­ dern gibt es Umweltministerien, die höhere Umweltstandards einfordern. Gleichzeitig betonen sie aber auch, dass der steigende Wohlstand mit einem sich vergrößernden ökologischen Fußabdruck mit allen negativen Auswirkungen einherging. Die positi­ ven Effekte wurden somit von negativen Effekten kompensiert oder sogar überkom­ pensiert (rebound effect). Daher führen sie eine Vielzahl von Ansätzen auf, die für den Transformationsprozess zu einem nachhaltigen System beitragen können. (Mea­ dows 2004, S. 235 ff.) John kommt hinsichtlich einer Bewertung zu dem Fazit, dass mit dem systemdynamischen Ansatz eine Methode vorgestellt wurde, die es ermöglicht, die langfristige Entwicklung von komplexen und dynamischen Systemen zu identifi­ zieren und zu analysieren. Das vorgestellte World3-Modell weist darauf hin, dass eine nachhaltige Entwicklung nur unter sehr restriktiven und politisch schwer zu realisie­ renden Bedingungen möglich ist. Die Voraussetzung hierfür ist, dass die Weltbevöl­ kerung nicht weiterwächst und sich das wirtschaftliche Wachstum strikt an Nachhal­ tigkeitsplanken orientiert. (John 2014) 1.3 Der Brundtland-Bericht | 9 Auf dem Weg zum Brundtland-Bericht sollte weiterhin der „Ecodevelopment“- Ansatz des Hammarskjöld-Projekts genannt werden. In dem Bericht werden folgen­ de Leitlinien aufgestellt (UNGASS 1975): – Befriedigung der Grundbedürfnisse weitgehend mit Hilfe der je eigenen Ressour­ cenbasis – Keine Kopie des westlichen Lebens- und Konsumstils – Erhalt einer befriedigenden Umweltsituation – Respekt vor kultureller Andersartigkeit und vor lokalen Traditionen – Solidarität mit zukünftigen Generationen – Lokal angepasste Techniken – Lokale Partizipation besonders durch die Stärkung der Rolle der Frauen – Erziehungsprogramme – Familienplanung – Teilweise Abkopplung vom Weltmarkt und Entwicklung lokaler Märkte – Orientierung auf religiöse und kulturelle Traditionen – Kein Beitritt zu den militärischen Machtblöcken der Nato und des Warschauer Paktes Die Leitlinien zeigen wichtige Elemente, die in dem Leitbild nachhaltiger Entwick­ lung wiedererscheinen. Insofern kann man hier von einem bedeutenden Vorläufer des Brundtland-Berichtes sprechen. 1.3 Der Brundtland-Bericht Eine wichtige Entscheidung auf dem Weg zum Brundtland-Bericht war weiterhin, dass die internationale Gemeinschaft unter dem Dach der Vereinten Nationen (United Na­ tions, UN) 1980 die World Commission on Environment and Development (WCED) bilde­ te. Durch sie wurde dann im Jahr 1983 die Brundtland-Kommission eingesetzt. Vor dem Hintergrund der wachsenden ökologischen, ökonomischen, aber auch sozialen Pro­ bleme nahm die Kommission unter dem Vorsitz der norwegischen Ministerpräsiden­ tin Gro Harlem Brundtland ihre Arbeit auf. Die Kommission sollte Handlungsempfeh­ lungen zur Erreichung einer dauerhaften Entwicklung erarbeiten. Sie hat den Begriff „Nachhaltige Entwicklung“ erstmals als globales Leitbild einer breiten Öffentlichkeit nahegebracht. Der Brundtland-Report erschien in einer Zeit, als Probleme wie die Ölkrisen in den 1970er-Jahren, die Trockenheit in Afrika, die Vernichtung tropischer Wälder, die Verringerung der Ozonschicht, erste nationale Finanzkrisen, Verschuldungsproble­ me vieler Länder und einige andere ernsthafte Probleme wichtige Herausforderungen für die Politik auf allen Ebenen darstellten. Die Herausforderung war, die verschie­ denen und vielfältigen Probleme in einem holistischen Verständnis wahr- und anzu­ nehmen. Die Intention des Reports war, dass Wirtschafts- und Umweltpolitik nicht 10 | 1 Entstehung und Zielsetzung des Leitbildes nachhaltige Entwicklung länger als getrennte Politikbereiche betrachtet werden. Das Verständnis von Nachhal­ tigkeit, wie es im Brundtland-Bericht aufgezeigt wird, ist sowohl in der wissenschaft­ lichen Diskussion zur Nachhaltigkeit als auch bei der Entwicklung und Umsetzung von Nachhaltigkeitskonzepten die Ausgangsbasis, die breiten Zuspruch fand. Das Ziel ist eine dauerhafte Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse unter Berücksichtigung der Tragekapazität der natürlichen Umwelt. Dementsprechend war es das Bestreben, die Konfliktlinien zwischen Umwelt- und Naturschutz, Armutsbekämpfung und Wirt­ schaftswachstum zu überwinden. Neben der globalen Perspektive und der Verknüpfung zwischen Umwelt- und Ent­ wicklungsaspekten ist die intra- und intergenerationelle Verteilungsgerechtigkeit ein konstitutives Merkmal des Berichtes und damit auch der nachhaltigen Entwicklung. In diesem Zusammenhang fand die Definition nachhaltiger Entwicklung viel Beach­ tung und wurde zur Grundlage vieler Publikationen: Sustainable Development is development that meets the needs of the present without compro­ mising the ability of future generations to meet their own needs (WCED 1987, S. 43). In der deutschen Version des Brundtland-Berichts wurde die Definition wie folgt über­ setzt: Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können (Hauff 1987, S. 46). Damit stellt der Bericht die menschlichen Bedürfnisse sowohl der gegenwärtig leben­ den Menschen als auch die Beziehung der gegenwärtig lebenden zu den künftigen Generationen in den Mittelpunkt. Dadurch wird in dem Bericht eine eindeutig anthro­ pozentrische Position eingenommen, die mehrfach kritisiert wurde. Dabei gilt zu be­ rücksichtigen, dass sich die Kommission aus Experten ganz unterschiedlicher Länder zusammensetzte. Die beiden konstitutiven Merkmale der intra- und intergeneratio­ nellen Gerechtigkeit lassen sich wie folgt abgrenzen: – Die intragenerationelle Gerechtigkeit fordert einen gerechten Ausgleich der In­ teressen der Menschen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern aber auch der Menschen in den einzelnen Industrie- und Entwicklungsländern. – Die intergenerationelle Gerechtigkeit fordert, dass zukünftige Generationen in ihrer Bedürfnisbefriedigung nicht durch die Lebensweise der gegenwärtig leben­ den Generation beeinträchtigt werden. Neben den konstitutiven Merkmalen der intra- und intergenerationellen Gerechtig­ keit ist noch die globale Orientierung zu nennen. Dabei geht es, entsprechend dem Ti­ tel des Brundtland-Berichts „Our Common Future“, um eine Entwicklungsperspektive für die Weltgesellschaft als Ganzes. Neben den Erfordernissen einer globalen nach­ haltigen Entwicklung sollen die einzelnen Staaten spezifische Ziele und Strategien 1.3 Der Brundtland-Bericht | 11 zur Umsetzung auf nationaler Ebene erarbeiten. Diese sollen ihren jeweiligen Aus­ gangsbedingungen entsprechen. Ein weiteres konstitutives Merkmal des Berichts ist der anthropozentrische Ansatz des Leitbildes. Es geht um die Befriedigung mensch­ licher Bedürfnisse heute und in Zukunft. Das bedeutet, dass die Natur als Dienstleis­ tungssystem für die Bereitstellung von Gütern zur Befriedigung menschlicher Bedürf­ nisse betrachtet wird. Auch dort, wo ihr Eigenwert als Lebens- und Erfahrungsraum zugeschrieben wird, erfolgt dies aus der Sicht und nach den Wertmaßstäben des Men­ schen. (Acker-Widmaier 1999, S. 63ff) Dabei wird jedoch auch die Verantwortung des Menschen für die Natur, wie sie im Kontext des Anthropozän diskutiert wird, berück­ sichtigt. (Crutzen, Stoermer 2000: Ellis 2020) Die Bedingungen für eine nachhaltige Entwicklung werden wie folgt festgelegt: – einen größeren Output mit einem geringeren Input herstellen (z. B. durch Recy­ cling und Ressourceneffizienz), – Verringerung des Bevölkerungswachstums, – Umverteilung von Nord nach Süd, – Überleitung von einem Input- und Größenwachstum der Wirtschaft zu einem nachhaltigen Wachstum. Der Brundtland-Bericht fand international eine breite Zustimmung. Sie erklärt sich jedoch auch aus dem relativ geringen Konkretisierungsgrad des Berichtes, der breite Spielräume für Interpretationen zulässt. Der geringe Konkretisierungsgrad begründet sich hauptsächlich aus den international unterschiedlichen beziehungsweise gegen­ sätzlichen Positionen. Es ging hauptsächlich darum, ökologische, ökonomische und soziale Entwicklungsaspekte zu berücksichtigen, verschiedene entwicklungstheore­ tische Ansätze einzubeziehen und zwischen verschiedenen Einschätzungen der Be­ deutung des Wirtschaftswachstums und des technischen Fortschritts zu vermitteln. Dem Brundtland-Bericht lag eine insgesamt optimistische Sicht zu den Möglichkeiten eines „sustainable growth“ zugrunde, indem technischer Fortschritt zur wirtschaftli­ chen Entwicklung, zum wirtschaftlichen Wachstum und zur Erhaltung der Umwelt­ bedingungen im positiven Sinne gesehen wird. Die Forderung in der Präambel lautet: What is needed now is a new era of economic growth – growth that is forceful and at the same time socially and environmentally sustainable. Diese Forderung findet auch in der neueren Diskussion Zustimmung. (v. Hauff, Jörg 2017) So wurde es möglich, einvernehmliche Handlungsstrategien nachhaltiger Ent­ wicklung vorzuschlagen. Die Kunst, unterschiedliche Positionen zusammenzufüh­ ren, wird teilweise als Schwäche und teilweise als Stärke des Berichtes ausgelegt. Dem Bericht kommt jedoch unzweifelhaft das große Verdienst zu, durch die Problemana­ lyse und die aufgeführten Grundforderungen eine weltweite Diskussion über ange­ messene Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung initiiert zu haben. Die Brundtland- Kommission brachte auch den Vorschlag einer Weltkonferenz ein, die 1992 stattfand 12 | 1 Entstehung und Zielsetzung des Leitbildes nachhaltige Entwicklung und den sogenannten „Rio-Prozess“ einleitete. Daher wird der Brundtland-Report vielfach auch als wichtiger Grundstein für die Rio-Konferenz eingeschätzt. 1.4 Der Rio-Prozess Auf der United Nations Conference on Environment and Development (UNCED) in Rio de Janeiro im Jahre 1992 verpflichteten sich 178 Nationen zu dem Leitbild nachhalti­ ger Entwicklung. Die Weltkonferenz führte dazu, dass das Leitbild nachhaltiger Ent­ wicklung international eine große Popularität und eine wachsende politische Gestal­ tungsorientierung erfahren hat. Besondere Beachtung erfuhr die handlungsleitende Agenda 21. Dieses Aktionsprogramm stand unter der Maßgabe, Umwelt- und Entwick­ lungsaspekte, also die Ziele von Industrie- und Entwicklungsländern zusammenzu­ führen. Das Programm besteht aus einer Vielzahl politischer Bekenntnisse, Ziele und Vorhaben. Es erstreckt sich über 350 Seiten und bindet unterschiedlichste Themen und Anspruchsgruppen ein. (UNCED 1992) Auf der Rio-Konferenz wurden eine Reihe von weiteren Beschlüssen wie die Rio- Deklaration zu Umwelt und Entwicklung (das Recht auf Entwicklung der heutigen und der zukünftigen Generationen entsprechend ihrer Bedürfnisse), die Klimarah­ menkonvention (Stabilisierung der Treibhausgasemissionen zur Vermeidung einer Störung des Klimasystems), die Konvention über biologische Vielfalt (Biodiversitäts­ konvention) und die Waldkonvention (Bewirtschaftung und Erhaltung der Wälder nach dem Nachhaltigkeitsgrundsatz) gefasst. Keines der verabschiedeten Dokumente enthält jedoch konkrete und überprüfbare Verpflichtungen, was den schleppenden Verlauf der Umsetzung begründet. Auch die Konventionen haben nur den Charakter von Rahmenbedingungen. Daher kam es nach der Rio-Konferenz zu einer Reihe von Folgeaktivitäten, wie die Weltbevölkerungskonferenz 1994, den Weltsozialgipfel 1995 und die Klimakonferenz (Kyoto-Protokoll) 1997. Auf der 55. Generalversammlung der Vereinten Nationen, die vom 6. bis 8. Sep­ tember stattfand, wurde die Millennium Decleration vorgelegt. Sie wurde von einer Arbeitsgruppe aus Vertretern der Vereinten Nationen, der Weltbank, des IWF und des Entwicklungsausschusses Development Assistance Committee der OECD formuliert. Am 9. September 2000 beschlossen 189 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen mit der Millenniumserklärung einen Katalog grundsätzlicher und verpflichtender Zielset­ zungen. Im Mittelpunkt der internationalen Gemeinschaft standen die Ziele der Ar­ mutsbekämpfung, der Erhaltung des Friedens und der Umweltschutz. Dabei wurde Armut nicht mehr nur als Einkommensarmut verstanden, sondern umfassender als Mangel an Chancen und Möglichkeiten. Die Vertreter der Mitgliedsstaaten einigten sich somit auf einen Maßnahmenkatalog von acht konkreten Zielvorgaben die bis zum Jahr 2015 realisiert werden sollten. Bei den Millennium Development Goals (MDGs) gab es gewisse Fortschritte. Einige der MDGs konnten jedoch bis 2015 nicht in dem 1.4 Der Rio-Prozess | 13 angestrebten Maße erreicht werden, was schon relativ früh erkannt wurde. (v. Hauff, Schulz, Wagner 2018, S. 30 f.) Im Jahr 2002 fand die in Rio de Janeiro beschlossene Folgekonferenz, d. h. der zweite Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung statt. Auf der Johannesburg-Konferenz wurde ein Implementierungsplan verabschiedet, in dem neue Ziele und Programme für Umweltschutz und Armutsbekämpfung enthalten sind. Bereits 1997, d. h. im Vor­ feld der Johannesburg-Konferenz wurde vereinbart, dass alle Länder bis 2002 eine na­ tionale Nachhaltigkeitsstrategie entwickeln sollten. Sie wurde auf der Johannesburg- Konferenz noch einmal eingefordert, da bis zu diesem Zeitpunkt nur wenige Länder eine Nachhaltigkeitsstrategie vorweisen konnten. Insgesamt zeichnete sich die Johan­ nesburg-Konferenz durch eine Vielzahl von Kompromissen aus, die für die Erreichung eines Konsenses zwischen den beteiligten Ländern wichtig war. Daraus erklärt sich, dass die Aufbruchsstimmung („the Spirit of Rio“), die noch auf der UNCED 1992 vor­ herrschte, einer gewissen Ernüchterung gewichen war. We acknowledge that, since 1992, there have been areas of insufficient progress and setbacks in the integration of the three dimensions of sustainable development, aggravated by multiple financial, economic, food and energy crises, which have threatened the ability of all countries, in particular developing countries, to achieve sustainable development. (United Nations 2012, S. 5) Parallel zum Rio-Prozess wurde im Jahr 2000 beim UN-Millenniumsgipfel in New York mit der Millenniumserklärung ein Entwicklungsprozess eingeleitet, der im Gegensatz zur Agenda 21 bzw. dem Rio-Prozess mit den acht Millennium Development Goals (MDGs) konkrete, messbare und für die gesamte Weltgemeinschaft gültige Ziele vor­ gab. Ein wesentlicher Kritikpunkt hinsichtlich der MDGs ist die mangelnde Kohärenz, da manche Ziele nur auf Kosten anderer erreicht werden können. Weiterhin wird kri­ tisiert, dass die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit in den MDGs zu wenig be­ rücksichtigt wurde und die Rio-Vision der untrennbaren Verknüpfung von Umwelt- und Entwicklungspolitik verloren ging. Daher sollten die MDGs nur in Kombination mit und keinesfalls losgelöst vom Rio-Prozess gesehen werden. 2012 fand schließlich die Konferenz Rio + 20 erneut in Rio de Janeiro statt. Dabei wurden der politische Wille und die Bemühungen für eine nachhaltige Entwicklung konkretisiert und erneuert. Die Konferenz stand unter dem Thema „Green Economy.“ Die Europäische Kommission versteht darunter eine Wirtschaftsweise, „die Wachstum generiert, Arbeitsplätze schafft und Armut bekämpft, indem sie in das Naturkapital, von dem langfristig das Überleben unseres Planeten abhängt, investiert und dieses erhält.“ (KOM 2011, S. 2) Entsprechend der UNEP soll eine nachhaltige Entwicklung, wie sie 1992 definiert wurde, auf der Grundlage einer Green Economy erreicht werden. Es wurde beschlossen, dass bis 2015 aktionsorientierte, messbare, jedoch recht­ lich nicht verbindliche Ziele für nachhaltige Entwicklung verhandelt werden. Von den Vereinten Nationen wurde eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die den Auftrag erhielt, eine Liste mit universellen Entwicklungszielen zu erarbeiten. So kam es zur Agenda 2030 14 | 1 Entstehung und Zielsetzung des Leitbildes nachhaltige Entwicklung mit den 17 Sustainable Development Goals (SDGs). Dabei sollten die großen Heraus­ forderungen des 21. Jahrhunderts an den Schnittstellen von menschlicher Wohlfahrt, und dem Umwelt- und Ressourcenschutz aufgezeigt werden. Alle Themen wurden in­ tensiv und teilweise auch kontrovers diskutiert. Besonders umstritten waren die The­ men Geschlechtergerechtigkeit und die Verringerung der Ungleichheit zwischen und innerhalb von Staaten. Im Herbst 2015 wurde die Agenda 2030 als Folgedokument zu den Millennium Development Goals auf dem UN-Nachhaltigkeitsgipfel verabschiedet. Hierbei spricht man oft auch von der Post-2015-Agenda. (v. Hauff, Scholz, Wagner 2018, S. 32) Es lässt sich feststellen, dass die Agenda 2030 aus zwei konvergierenden Pro­ zessen entstanden ist. Neben der Erstellung der Liste universeller Entwicklungsziele durch die schon erwähnte Arbeitsgruppe begann parallel dazu in der Entwicklungs­ politik eine Debatte, auf welche neuen Ziele sich die internationale Entwicklungsge­ meinschaft nach dem Auslaufen der Millenniums Development Goals 2015 verständi­ gen solle. (Scholz 2017, S. 24) Die Ausführungen zeigen auf, dass das Leitbild nachhaltiger Entwicklung über­ aus komplex und kaum in eine griffige Definition zu fassen ist. Es hat sich aber die Auffassung von der nachhaltigen Entwicklung als „regulative Idee“ durchgesetzt. Die Übereinkunft zur nachhaltigen Entwicklung ist heute so zu interpretieren, dass die drei Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales ausgewogen in einer offenen Aus­ handlung unter Beteiligung aller Anspruchsgruppen zu berücksichtigen und zusam­ men zu führen sind. 1.5 Exkurs: Die Kontroverse ökologisch dominiertes Konzept versus Drei-Säulen-Konzept In vielen älteren wie auch neueren Konzepten kommt der Natur bzw. den ökologischen Systemen als Lebens- und Wirtschaftsgrundlage der Menschheit völlig zu Recht eine zentrale Bedeutung zu. Die ökonomische und soziale Dimension werden der ökologi­ schen Dimension so zugeordnet, dass sie der Umwelt bzw. dem Umweltschutz nicht widerstreben oder schaden. Das wird damit begründet, dass menschliche Eingriffe, wie der Abbau von Rohstoffen, die Umlenkung von Stoff- und Energieflüssen, aber auch die Veränderung großräumiger natürlicher Strukturen und die kritische Belas­ tung von Schutzgütern (z. B. die Atmosphäre) das System Erde zunehmend in seinem Charakter verändern bzw. belasten. (Grunwald, Kopfmüller 2012, S. 54) Das Primat der Ökologie erklärt sich also daraus, dass die Umwelt die Lebens- und Produktionsgrundlage der heutigen Generation aber auch der zukünftigen Ge­ nerationen ist und ökologische Überlastungen wie z. B. der Klimawandel und die dramatische Reduktion der Biodiversität – die primär durch menschliches Handeln verursacht werden – im Gegensatz zu vielen ökonomischen und sozialen Fehlent­ wicklungen oft nicht mehr reparabel sind. Daher wird die hohe Bedeutung der öko­ logischen Nachhaltigkeit heute, beispielsweise in Gutachten des Sachverständigen­ 1.5 Exkurs: Die Kontroverse ökologisch dominiertes Konzept versus Drei-Säulen-Konzept | 15 rates für Umweltfragen, besonders betont. In diesem Kontext geht es also um die Belastungsgrenzen bzw. die Tragekapazität der Umwelt und somit um die Stabili­ tät der ökologischen Systeme. Insofern ist es sinnvoll von folgender Grundstruktur auszugehen: Die Beachtung der Grenzen oder Leitplanken ökologischer Systeme ist eine Grundvoraussetzung für die menschlichen Lebensbedingungen, die weltweit eingehalten werden müssen. In dem sogenannten „Drei-Dimensionen-Modell“ geht es also um die ausgewogene Zusammenführung der drei Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales. Die Übereinkunft zu nachhaltiger Entwicklung wird heute international so interpretiert, dass die drei Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales in einer offenen Aushandlung unter Beteiligung aller Anspruchsgruppen zu erfolgen hat und idealtypischer Weise zu einem Gleichgewicht zusammengeführt werden. Auf EU-Ebene hat sich die Dreidimensionalität nachhaltiger Entwicklung schon früh durchgesetzt. So ist der Dreiklang Umweltschutz, wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt bereits in der Präambel zum EUV (EU Vertrag) enthalten, verbunden durch den Grundsatz der nachhaltigen Entwicklung, der damit diesen Dreiklang ausfüllt und von dem Ziel eines starken Umweltschutzes nicht unbe­ einflusst bleiben kann. Dadurch ist der Umweltschutz zum notwendigen integralen Bestandteil der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung geworden. (Frenz, Unnerstall 1999, S. 173) Auch die Enquete-Kommission¹ „Schutz des Menschen und der Umwelt“ hat das Drei- Dimensionen-Modell als konzeptionelle Grundlage gewählt (1998). In diesem Sinne vertrat das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) die Auffassung, dass der Kern des Leitbildes der nachhaltigen Entwicklung auf der Kenntnis beruhe, dass Ökologie, Ökonomie und Soziales eine untrennbare Einheit bilden. (BMU 1997, S. 9) Insofern ist Nachhaltigkeit als integriertes Konzept angelegt. Für die Präferenz des Drei-Dimensionen-Konzeptes lassen sich zwei Gründe anführen (Grunwald, Kopfmüller 2012, S. 57): – Die Realisierung der postulierten Gerechtigkeit und der auferlegten Verant­ wortung erfordern die Einbeziehung der drei Nachhaltigkeitsdimensionen. – Die Sicherung des menschlichen Daseins, besonders hinsichtlich zukünftiger Generationen und der zu vermeidenden Risiken, erfordert auch ökonomische und soziale Ressourcen als Basis einer Bedürfnisbefriedigung. Teilweise wird noch die politisch-institutionelle oder kulturelle Dimension als vierte Dimension hinzugefügt. Die Dreidimensionalität findet – wie schon erwähnt – heu­ te jedoch einen breiten Konsens und hat sich weltweit und somit auch in Deutsch­ land durchgesetzt. Die inhaltliche Abgrenzung und konzeptionelle Darstellung wird durch die drei Nachhaltigkeitsdimensionen determiniert. Sie sind für zahlreiche in­ 1 Enquete-Kommission ist eine überfraktionelle Arbeitsgruppe, die vom Deutschen Bundestag oder einem Landesparlament eingesetzt wird. 16 | 1 Entstehung und Zielsetzung des Leitbildes nachhaltige Entwicklung haltliche Abgrenzungen nachhaltiger Entwicklung die Grundlage. Das Leitbild nach­ haltiger Entwicklung sollte auch im Kontext der Gestaltung von Politik einen Vorrang erhalten, wobei der Umweltpolitik vieler Experten bisher eine gewisse Dominanz zu­ geordnet wurde. Das wird in dem nachfolgenden Abschnitt für Deutschland aufzeigt. 1.6 Die bisherige Dominanz der Umweltpolitik Nachhaltigkeit ist in Industrieländern über viele Jahre durch die ökologische Nachhal­ tigkeit dominiert worden, d. h. Umweltschutzpolitik stand zunächst im Vordergrund der Politik nachhaltiger Entwicklung. Der früher in Deutschland häufig verwende­ te Begriff einer „dauerhaft umweltgerechten Entwicklung“ als Übersetzung für „Sus­ tainable Development“ deutet schon auf diese Ausrichtung hin. Beispielsweise wurde in Deutschland schon zu Beginn der 1970er-Jahre durch die Einführung einer aktiven Umweltschutzpolitik die ökologische Komponente in der Wirtschaftsordnung veran­ kert und somit das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft – in gewissen Grenzen – hin zu einer Öko-Sozialen Marktwirtschaft erweitert. Hierbei ist jedoch zu berücksichti­ gen, dass sowohl hinsichtlich der Ausgestaltung der sozialen Dimension als auch der Umweltpolitik eine intensive Kontroverse entstand, in der sich gegensätzliche Posi­ tionen bis heute unversöhnlich gegenüberstehen. Während sich die Situation in den anderen Industrieländern – mit einer gewissen Differenzierung – ähnlich verhält, fällt die Mehrzahl der Entwicklungsländer noch deutlich davon ab. (v. Hauff 2019, S. 108) Der Siegerländer Hauberg als historisches Beispiel einer nachhaltigen Wirtschaftsweise Wirtschaftliche Notwendigkeiten und vorsorgliche Nutzung des kargen Bodens führten zu einer genossenschaftlichen Nutzung von Niederwäldern, was 1562 erstmals eine „Haubergsordnung“ vorschrieb. Hiernach wurden die Wälder nach dem natürlichen Umtriebszyklus von ca. 15 Jahren in sogenannte „Haue“ aufgeteilt. Jeder Genossenschaftsangehöriger erhielt für bestimmte Zeit ein gleichwertiges Stück, das es systematisch für Brennstoff- und Holzgewinnung, Gerberstoffe, Landbau und Viehzucht zu nutzen galt. Die Haubergswirtschaft konnte sich mehrere Jahrhunder­ te behaupten, bis sie durch den industriellen Strukturwandel verdrängt wurde (Rottländer 1997, S. 475–489). Heute zeichnen sich real existierende marktwirtschaftliche Systeme in Entwicklungs­ ländern dadurch aus, dass sie die drei Dimensionen nachhaltiger Entwicklung, d. h. Ökologie, Ökonomie und Soziales, zumindest in rudimentärer Form aufweisen. Es besteht jedoch noch keine ausgewogene Zusammenführung der drei Dimensionen. Die ökonomische Dimension marktwirtschaftlicher Entwicklungsländer basiert zu­ mindest in idealtypischer Weise u. a. auf den marktwirtschaftlichen Prinzipen des Wettbewerbs, des freien Marktzugangs und dem Leistungsprinzip. Die soziale Dimen­ sion findet teilweise in sozialstaatlichen bzw. sozialpolitischen Maßnahmen, wie der Einkommens- und Vermögensumverteilung durch die Steuerprogression, dem Sozial­ 1.7 Umsetzung des Leitbildes durch Nachhaltigkeitsstrategien | 17 versicherungssystem und den sozialstaatlichen Sozialleistungstransfers, ihre partiel­ le Berücksichtigung und Umsetzung. Hiervon profitieren die Menschen in Entwick­ lungsländern jedoch in sehr unterschiedlichem Maße. Neben den sozialstaatlichen Bereichen sind bei der sozialen Dimension z. T. noch die Formen bürgerschaftlichen Engagements und weitere Bereiche gesellschaftlicher Aktivitäten zu berücksichtigen. Die ökologische Dimension, d. h. die Umweltpolitik wird in der Regel bisher unzurei­ chend umgesetzt. Gebhard Kirchgässner stellt in diesem Kontext die Frage, ob der Markt ökologisch und sozial verantwortliches Handeln fördert oder ob er es zumindest zulässt. Obwohl er das vielfältige soziale und ökologische Verantwortungsbewusstsein einzelner Un­ ternehmer erkennt, kommt er zu der zutreffenden Erkenntnis: So nützlich Märkte auch für die wirtschaftliche Entwicklung sind und so wichtig die Rolle ist, die dabei der Wettbewerb spielt, Wettbewerbsmärkte vermitteln von sich aus zu wenig Anreize im Hinblick auf ökologisch und sozial nachhaltiges Handeln. (Kirchgässner 2002, S. 393) Daraus begründet sich für die Politik die Aufgabe, Bedingungen bzw. Anreize zu schaf­ fen, wonach es für die Wirtschaftssubjekte attraktiv wird, ihr Handeln so auszurich­ ten, dass es nachhaltige Entwicklung fördert. Besondere Bedeutung hat in den 1990er- Jahren in Deutschland die Diskussion um die Ökologische Modernisierung als tech­ nisch-ökonomischer Fortschritt erlangt. Diese zielt auf ein alternatives Verständnis von Politik und insbesondere Umweltpolitik ab, das von komplexen, dynamischen und vernetzten Innovationsprozessen ausgeht. Daraus kann gefolgert werden, dass eine klare Zielsetzung sowie strategiereiche, anreizbasierte und transparente Maß­ nahmen der Politik nötig sind. Ein konsensorientierter Politikstil soll diese Maßnah­ men stärken sowie die Ziele transparent und flexibel erfassen helfen. Hierbei setzt die Wirksamkeit der innovationsorientierten Politik ein enges und integrierendes Netz­ werk der Akteure voraus. (Jänicke 2000, S. 284–288) Ein Beispiel für ein solches Netz­ werk ist das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eingerichtete Programm „Forschung für Nachhaltigkeit“ (FONA) mit jährlichen Konferenzen. 1.7 Umsetzung des Leitbildes durch Nachhaltigkeitsstrategien Die neuere Diskussion über die nachhaltige Entwicklung konnte das vorherrschende ökologische Verständnis durch ein umfassenderes Nachhaltigkeitsverständnis ablö­ sen. Das Drei-Dimensionen-Modell, wonach ökologische, ökonomische und soziale Aspekte gleichrangig zusammengeführt werden sollen, gewann zunehmend an Be­ deutung. Das spiegelte sich in den Konferenzen und Aktivitäten, die auf die UNCED aus dem Jahr 1992 bzw. im Rahmen des Agenda-21-Prozesses folgten, wider. Es wur­ den Ansätze entwickelt und teilweise implementiert, die zunehmend versuchten die Forderung der Agenda 21 in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zu integrieren. Bei­ 18 | 1 Entstehung und Zielsetzung des Leitbildes nachhaltige Entwicklung spielsweise wurden zahlreiche Aktivitäten zur Lokalen Agenda 21 initiiert und durch­ geführt. Aber auch auf nationaler und internationaler Ebene entstanden zunehmend handlungsorientierte Ansätze der Politik, Wirtschaft und des bürgerschaftlichen En­ gagements. (v. Hauff 2020, S. 117 ff.) Schließlich beschleunigte das World Summit on Sustainable Development (WSSD), das im Jahr 2002 in Johannesburg stattfand, in je­ nen Ländern, die bis zu dem vorgesehenen Zeitpunkt keine nationale Nachhaltigkeits­ strategie vorliegen hatten, die Erstellung von Nachhaltigkeitsstrategien auf nationaler Ebene. Dabei wurde die Relevanz nationaler Nachhaltigkeitsstrategien bereits in der Agenda 21 betont. Eine Nachhaltigkeitsstrategie soll gemäß Agenda 21 die nachhaltige Entwicklung kooperativ, partizipativ und umfassend umsetzen: Die Regierungen sollten soweit angebracht in Zusammenarbeit mit internationalen Organisatio­ nen eine nationale Strategie für nachhaltige Entwicklung verabschieden, die unter anderem auf der Umsetzung der Konferenzbeschlüsse aufbaut, insbesondere soweit diese die Agenda 21 be­ treffen. Diese Strategie sollte von den verschiedenen sektoralen Politiken und Plänen eines Lan­ des im Wirtschafts-, Sozial- und Umweltbereich ausgehen und diese miteinander abstimmen. Die im Rahmen bereits existierender Planungsvorhaben, wie etwa einzelstaatlicher Berichte für die Konferenz, Naturschutzstrategien und Umweltaktionspläne, gewonnenen Erfahrungen sollten umfassend genutzt und in eine von den Ländern gesteuerte Nachhaltigkeitsstrategie eingebun­ den werden. Zu den Zielen dieser Strategie sollte es gehören, eine sozialverträgliche wirtschaftli­ che Entwicklung bei gleichzeitiger Schonung der Ressourcenbasis und der Umwelt zum Nutzen künftiger Generationen sicherzustellen. Sie sollte mit möglichst großer Beteiligung entwickelt werden. Außerdem sollte sie von einer genauen Bewertung der aktuellen Situation und aktueller Initiativen ausgehen. (UNCED 1992, Kapitel 8.7) Obwohl das Leitbild nachhaltiger Entwicklung bisher nur langsam umgesetzt wur­ de, schreitet die Implementierung zumindest ansatzweise voran. Die politische Um­ setzung ist eine komplexe Herausforderung. (Laws, Heinrichs 2017) In Abb. 1.1 wird ersichtlich, dass in den ersten Jahren von 2003 bis 2010 hauptsächlich europäische Staaten und Industrieländer – abgesehen von den USA – eine nationale Nachhaltig­ keitsstrategie entwickelt und den Umsetzungsprozess eingeleitet haben. Die EU hat beispielsweise 2006 ihre erste Nachhaltigkeitsstrategie von 2001 fortgeschrieben und Deutschland hat 2012 einen weiteren Fortschrittsbericht vorgelegt. Dieser Prozess er­ hielt auf internationaler Ebene 2015 durch die verabschiedete Agenda 2030 mit den 17 Nachhaltigkeitszielen einen wesentlichen Schub (siehe Kapitel 7). Für Deutschland ist jedoch kritisch anzumerken, dass die nationale Nachhaltigkeitsstrategie und die Konzeption der sozialen Marktwirtschaft bisher weitgehend unverbunden nebenein­ anderstehen und die Beziehung zueinander weitgehend ungeklärt ist. Länder, die bis 2002 noch keine nationale Nachhaltigkeitsstrategie vorlegten, konnten zumindest erste Koordinations- und Beratungsprozesse einleiten. Andere Länder haben zumeist nur Instrumente wie Umwelt- oder Entwicklungspläne auf­ gestellt. (UNDESA 2004) Weltweit war somit der Prozess der Entwicklung und Um­ setzung nationaler Nachhaltigkeitsstrategien noch nicht weit fortgeschritten. Dabei wurden 2002 die Anforderungen an eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie von der 1.7 Umsetzung des Leitbildes durch Nachhaltigkeitsstrategien | 19 Juli 2003 Juni 2010: : keine Information verfügbar/keine Maßnahmen ergriffen : keine Nachhaltigkeitsstrategie umgesetzt, aber Koordinations- und Beratungsprozesse zur nachhaltigen Entwicklung : Nachhaltigkeitsstrategie in der Entwicklung : Nachhaltigkeitsstrategie umgesetzt Abb. 1.1: Weltweite Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien 2003 und 2010 (Quelle: in Anlehnung an UNDESA 2004; UNDESA 2010) „United Nations Department of Economic and Social Affairs“ (UNDESA) klar vorgege­ ben: A national sustainable development strategy is a coordinated, participatory and iterative process of thoughts and actions to achieve economic, environmental and social objectives in a balanced and integrated manner. The process encompasses situation analysis, formulation of policies and action plans, implementation, monitoring and regular review. It is a cyclical and interactive pro­ cess of planning, participation and action in which the emphasis is on managing progress to­ wards sustainability goals rather than producing a “plan” as an end product. (UNDESA 202, S. 1) 20 | 1 Entstehung und Zielsetzung des Leitbildes nachhaltige Entwicklung Daher gilt festzustellen, dass die beiden Abbildungen beispielsweise für den asiati­ schen Kontinent ein zu positives Bild vermitteln: In diesem Zeitraum konnte auf dem asiatischen Kontinent der Umsetzungsprozess nur in Japan und Südkorea als fortge­ schritten bezeichnet werden. In den anderen asiatischen Ländern war er noch im An­ fangsstadium oder hat noch nicht nennenswert begonnen. Hierfür gibt es mehrere Gründe: – Es gibt in diesen Ländern starke Interessen einzelner Gruppen, die sich ge­ gen die Berücksichtigung und Umsetzung der dreidimensionalen nationalen Nachhaltigkeitsstrategie stellen und sich eindeutig für eine Beibehaltung der Dominanz der ökonomischen Dimension einsetzen. Daher lassen sich Umwelt­ schutzmaßnahmen, aber auch soziale Maßnahmen oft nur unzureichend in eine Nachhaltigkeitsstrategie einbringen und umsetzen. Dabei wird von den Entschei­ dungsakteuren in diesen Ländern jedoch häufig übersehen, dass nur die gleich­ rangige Berücksichtigung der drei Dimensionen mittel- bis langfristig eine stabile wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht, wie am Beispiel Indiens aufgezeigt wer­ den kann. (v. Hauff, Veling 2018) – Oft sind die politischen Akteure nicht bereit, einen partizipativen Prozess zur Entwicklung und Umsetzung einer Nachhaltigkeitsstrategie einzuleiten. Weiter­ hin mangelt es ihnen an methodischen und konzeptionellen Kenntnissen, wie z. B. die Ermittlung der erforderlichen Indikatoren, um auf dieser Grundlage ei­ ne Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln und umzusetzen. – Daher sind die komplexen Beziehungsstrukturen zwischen Ökologie, Ökonomie und Sozialem im Rahmen einer konsistenten Strategie stärker zu diskutieren und zu verdichten sowie die Nachhaltigkeitsstrategie effektiv zu institutionalisieren. (Bregha et al. 2004, S. ix-xiv; Europäische Kommission 2004, S. 19–21) Nutzen orientiert - Neoklasif.ws mus Pro Wirtschaftswachstum = Ökonomischer Mainstream schwache Nachhaltigkeit starke Aktuell Verbreitesteins 2 Ökonomischer Mainstream und nachhaltige am → Ökonomie im Vordergrund Entwicklung – Eine Abgrenzung Abgrenzungen hin zur nachhaltigen Entwicklung Der ökonomische Mainstream und die nachhaltige Entwicklung sind sehr unter­ schiedliche Paradigmen. Ziel dieses Kapitels ist, zunächst die Unterschiede exempla­ risch aufzuzeigen und anschließend den Transformationsprozess von dem Paradigma des ökonomischen Mainstreams zu jenem der nachhaltigen Entwicklung aufzuzeigen. Die Darstellung der Unterschiede beginnt oft mit den unterschiedlichen Menschen­ bildern. Das Menschenbild des Homo oeconomicus, das sich durch Rationalität und Nutzenmaximierung auszeichnet, dominiert zumindest implizit auch heute noch in der neoklassischen Ökonomie. Es gibt jedoch in zunehmendem Maße Kritik an die­ sem Menschenbild. Sie konzentriert sich hauptsächlich auf die Einengung auf das einzelne Individuum und dessen Streben nach Nutzenmaximierung. Es besteht Kon­ sens, dass dieses Menschenbild den Anforderungen nachhaltiger Entwicklung nicht entspricht. Anders formuliert: Es bedarf eines normativen Menschenbildes, dessen Handeln mit den Forderungen der Nachhaltigkeit konform geht, wie in dem folgenden Abschnitt erläutert wird. Im Rahmen nachhaltiger Entwicklung besteht weiterhin ein grundsätzlicher Konsens, dass die wissenschaftliche Zuwendung zu Problemstellun­ gen interdisziplinär erfolgen muss. Hier steht die neoklassische Ökonomie noch am Anfang, wie im Rahmen des Fortschrittsparadoxon, das in Abschnitt 2.2 aufgezeigt wird, verdeutlicht werden kann. Ein weiterer wesentlicher Unterschied besteht darin, dass im Rahmen nachhal­ tiger Entwicklung die drei Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales zu einem Gleichgewicht zusammengeführt werden sollen. Ausgangspunkt hierbei ist, dass die ökologischen Systeme Grenzen vorgeben, deren Einhaltung für die Menschheit von existenzieller Bedeutung sind. Daher wird gefordert, dass die Ökonomie als Subsys­ tem der Ökologie in die Grenzen der ökologischen Systeme wieder zurückgeführt wird. In diesem Zusammenhang spricht man auch von den ökologischen Leitplanken. Zu­ nächst geht es jedoch in Abschnitt 2.3 darum, die drei Dimensionen inhaltlich zu kon­ kretisieren. Eine wichtige Kontroverse besteht hinsichtlich des konstitutiven Merkmals der Ökonomisch Gerechtigkeit. Der Ausgangspunkt der Vertreter beider Disziplinen ist die intergenera­ Ökofokdsch - tionelle Gerechtigkeit, bei der es darum geht, dass zukünftige Generationen in ihrer starke US Schnack Bedürfnisbefriedigung nicht durch die Lebensweise der gegenwärtigen Generation be­ Nachhaltigkeit einträchtigt werden sollen, wie im Brundtland-Bericht gefordert wird. Die Vertreter der neoklassischen Ökonomie streben die intergenerationelle Gerechtigkeit über eine Erhaltung des Kapitalstocks (Naturkapital + Sachkapital) an. Dabei kann Naturkapital durch Sachkapital substituiert werden (vgl. hierzu 2.4). Das wird von den Vertretern der Ökologischen Ökonomie, die als wissenschaft­ liche Grundlage nachhaltiger Entwicklung gilt, grundsätzlich abgelehnt. Die Vertre­ ter der Ökologischen Ökonomie fordern ein umweltorientiertes Leitbild nachhaltiger https://doi.org/10.1515/9783110722536-002 22 | 2 Ökonomischer Mainstream und nachhaltige Entwicklung – Eine Abgrenzung Entwicklung, das die Beziehung der beiden Dimensionen Ökologie und Ökonomie in den Mittelpunkt stellt (vgl. hierzu 2.5). Bei dieser Kontroverse geht es ganz wesent­ lich um die Bewertung bzw. Relevanz wirtschaftlichen Wachstums. Die soziale Di­ mension wird sowohl bei der neoklassischen Ökonomie als auch bei der Ökologischen Ökonomie weitgehend vernachlässigt. Eine Weiterentwicklung findet die Ökologische Ökonomie in den Überlegungen zu einer Postwachstumsgesellschaft bzw. Postwachs­ tumsökonomie. Die gegensätzlichen Positionen der neoklassischen Ökonomie und der Ökologi­ schen Ökonomie lassen sich in der ausgewogenen Nachhaltigkeit überwinden (vgl. hierzu 2.6). Dabei ist die ausgewogene Nachhaltigkeit nicht ein in sich geschlosse­ ner Ansatz. Es gibt hierzu einige Beiträge, die unterschiedliche Akzente setzen, die kurz aufgezeigt werden. Die Beiträge zur ausgewogenen Nachhaltigkeit führen jedoch zu der Frage, ob ein nachhaltiges Wachstum möglich ist. Die kurzen Ausführungen haben schon aufgezeigt, dass es zwischen dem ökonomischen Mainstream und der nachhaltigen Entwicklung grundsätzliche Unterschiede gibt, die in den beiden fol­ genden Absätzen verdeutlicht werden. 2.1 Das Menschenbild in der neoklassischen Theorie und der nachhaltigen Entwicklung Der Homo oeconomicus (rational economic man) als ökonomisches Verhaltensmo­ dell ist in der neoklassischen Ökonomie verankert. Der Homo oeconomicus hat je­ doch schon eine lange Tradition, wie Sen in seinem bemerkenswerten Artikel “Ratio­ nal Fools: A Critique of the Behavioral Foundations of Economic Theory” feststellt: In his Mathematical Physiks, published in 1881, Edgeworth asserted that “the first principle of Economics is that every agent is actuated only by self-interest.” This view of man has been a persistent one in economic models, and the nature of economic theory seems to have been much influenced by this basic premise. (Senn 1977, S. 317) Teilweise wird der Homo oeconomicus auch als Menschenbild und nicht als öko­ nomisches Verhaltensmodell klassifiziert. Schließlich ist noch zu erwähnen, dass beide Klassifikationen teilweise auch in Frage gestellt werden, indem es sich hierbei weder um ein ökonomisches Verhaltensmodell noch um ein Menschenbild, sondern nur um eine analytische Abstraktion handelt, die vom realen Menschen losgelöst ist. Lingnau spricht im betriebswirtschaftlichen Kontext von einer apersonellen Wirt­ schaftlichkeitsoptimierungslehre, in der ethische Kategorien wie Menschenfreund­ lichkeit keinen Platz haben. (Lingnau 2011, S. 35) Dies würde bedeuten, dass man den Bezug zur Realität aufgibt, womit der wissenschaftliche Anspruch der gesamten neoklassischen Ökonomie infrage gestellt wird. Sie könnte dann keinen sinnvollen Beitrag zur Gestaltung realer Prozesse leisten. (Siebenhüner 2001, S. 110) 2.1 Das Menschenbild in der neoklassischen Theorie und der nachhaltigen Entwicklung | 23 Ursprünglich stammt das ökonomische Verhaltensmodell des Homo oeconomi­ cus aus der klassischen Nationalökonomie. Das ursprüngliche Verhaltensmodell hat sich jedoch im Zeitablauf insofern geändert, als es zu abgestuften Formen besonders hinsichtlich des Grades der Rationalität kam. (vgl. hierzu Kirchgässner 2013) Das wird in den folgenden Ausführungen jedoch nur kurz behandelt. So geht man z. B. in der Neuen Institutionenökonomie von beschränkter Rationalität aus. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass der Homo oeconomicus noch in der Mikroökonomik, aber auch in der Makroökonomik aufgrund der mikroökonomischen Fundierung der Makroöko­ nomie verankert ist. Bei dem Verhaltensmodell steht der einzelne Mensch im Mittel­ punkt der Betrachtungen. Die ökonomische Methode setzt daher beim Verhalten des einzelnen Individuums an. Aus diesem Grund spricht man auch von dem methodi­ schen Individualismus. Im Kontext des methodischen Individualismus sind nur Individuen, nicht aber Kollektive, zum Handeln fähig. Daher kommen auch keine sozialen Normen in den Präferenzen der Individuen vor. Kollektive können somit keine eigenständigen Präfe­ renzen haben, die von jenen der handelnden Individuen unabhängig wären. Kollek­ tive Entscheidungen ergeben sich aus der Aggregation individueller Entscheidungen. Es ist jedoch mit dem methodischen Individualismus vereinbar, dass sich Individu­ en in Kollektiven anders verhalten, als wenn sie alleine wären. Das erklärt sich dar­ aus, dass sich ihre Einschätzungen in einem Kollektiv bzw. einer Gruppe ändern. Die Änderung von Einschätzungen einzelner Personen begründet sich somit auf soziale Interaktionen in Gruppen. Das Verhaltensmodell basiert auf drei Annahmen (Kirchgässner 2013, S. 16 ff.): Bei dem Verhaltensmodell des Homo oeconomicus wird angenommen, dass die Präferen­ zen eines Individuums weder einen Bezug zu den Präferenzen anderer noch zu den Handlungsfolgen auf andere aufweisen, also entsprechend des methodischen Indi­ vidualismus ihre Entscheidungen unabhängig voneinander treffen. Das nächste Kri­ terium ist, dass sich die Individuen rational verhalten. Sie sind bestrebt, ihre Ziel­ funktion unter Berücksichtigung aller zur Verfügung stehenden Informationen zu ma­ ximieren. Individuen entscheiden sich in einer Situation der Entscheidung für jene Handlungsalternative, die ihnen unter Berücksichtigung ihrer Präferenzen den größ­ ten Vorteil bei dem geringsten Aufwand erbringen. Die Zahl der Handlungsalterna­ tiven ist durch Restriktionen, wie die finanzielle Ausstattung eines Individuums, be­ schränkt. Die dritte Annahme entspricht dem Eigennutzaxiom. Konkret bedeutet das, dass die Haushalte ihre Nutzenfunktionen unter Berücksichtigung der relativen Preise der Güter und die Unternehmen Gewinnmaximierung anstreben. Das Eigennutzaxiom wird vielfach auch mit egoistischem Verhalten gleichgesetzt. Die Kritik an dem ökonomischen Verhaltensmodell richtet sich vielfach gegen die absolute Rationalität, wie sie beispielsweise von Gary S. Becker präferiert wird. In jün­ gerer Zeit kam eine fundamentale Kritik zu diesem Verhaltensmodell von dem Nobel­ preisträger Richard Thaler der aufzeigt, warum sich die Menschen immer wieder irra­ tional und damit unberechenbar verhalten. Für ihn ist das Konzept des rational han­ 24 | 2 Ökonomischer Mainstream und nachhaltige Entwicklung – Eine Abgrenzung delnden Homo Oeconomicus ein fataler Irrglaube. (Thaler 2018) Hiervon abzugrenzen ist der „moderne Homo oeconomicus“, der sich nicht immer und überall als Optimie­ rer verhält. (Kirchgässner 2013, S. 32) Hier wird häufig das Konzept der beschränkten Rationalität aufgeführt. Das Konzept der beschränkten Rationalität (bounded ratio­ nality) geht auf die Arbeiten von Herbert Simon zurück. (Simon 1955, 1957) Dabei baut er auf psychologischen Erkenntnissen zum Entscheidungsverhalten von Menschen auf. Seinen Ansatz nennt er in einer späteren Publikation „behavioral economics“ (1987). Er unterscheidet zwischen Rationalität der Entscheidung (substantive ratio­ nality) und der prozeduralen Rationalität (procedural rationality). Danach streben Individuen die Befriedigung eines Anspruchsniveaus und nicht die Maximierung ihrer Bedürfnisbefriedigung ganz allgemein an. Der Grad der Ein­ schränkung des rationalen Verhaltens hängt ganz wesentlich davon ab, wie groß die Unkenntnis der Handlungsmöglichkeiten, d. h. die Unvollständigkeit der Informatio­ nen ist. Dabei geht es dann auch um die Frage, wie hoch die Transaktionskosten für zusätzliche Informationen sind. Die Stärke des Ansatzes der beschränkten Rationa­ lität sieht Siebenhüner in der Auseinandersetzung mit den kognitiven Fähigkeiten und Schwächen des Menschen, die auch im Rahmen der Nachhaltigkeit eine große Bedeutung haben. „Auch die Fähigkeit zum vernetzten Denken und zur Antizipation der Zukunft sind von Wahrnehmungsverzerrungen, von kognitiven Dissonanzen oder asymmetrischen Erfolgszuschreibungen beeinträchtigt.“ (Siebenhüner 2001, S. 177) In jedem Fall zeichnet sich der Homo oeconomicus dadurch aus, dass er seine eigenen Interessen verfolgt. Eine typische Überlegung eines Homo oeconomicus ist, warum er sein eigenes Glück für das Glück anderer opfern sollte. Oder: Warum soll­ te er sein gegenwärtiges Wohlbefinden für eine andere Person in Zukunft zurückstel­ len bzw. einschränken? Das ist teilweise im Kontext des Klimawandels wieder zu er­ kennen. Da er ausdrücklich auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, wird er vielfach auch als egoistisch bezeichnet. Kirchgässner gibt bei dieser Einschätzung zu beden­ ken, dass sich ein Individuum auch altruistisch bzw. moralisch oder gar missgünstig und neidisch verhalten kann und fragt in welchen Situationen ein solches Verhalten auftritt. Hiervon trennt er jedoch die Frage ab, ob es aus methodischen und inhalt­ lichen Gründen sinnvoll sein könnte, grundsätzlich Egoismus zu unterstellen, selbst wenn man zur Kenntnis nimmt, dass dies nicht immer richtig sein muss. (Kirchgässner 2013, S. 47) In diesem Kontext stellt sich die Frage, ob in einer globalisierten Marktwirtschaft, in der Wettbewerb und das Leistungsprinzip konstitutive Merkmale sind, Eigeninter­ esse das primäre Verhalten sein muss. Ein Unternehmer, der sich in einem wettbe­ werbsintensiven Markt behaupten muss, kann sich – so ein weit verbreitetes Argu­ ment – oft keine zusätzlichen sozialen oder monetären Leistungen für seine Mit­ arbeiterinnen und Mitarbeiter leisten, wenn er in diesem Markt bestehen will. Er handelt also auch im Sinne seiner Mitarbeiter eigennützig, um ihre Arbeitsplätze zu erhalten. Viele Arbeitskräfte müssen sich auf einem Arbeitsmarkt, der sich ebenfalls durch Wettbewerb auszeichnet, auf der Grundlage ihrer Eigeninteressen durchsetzen. 2.1 Das Menschenbild in der neoklassischen Theorie und der nachhaltigen Entwicklung | 25 Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass nicht alle Unternehmer nach dieser Maxime handeln. Es ist also festzustellen, dass es nicht ausschließlich ein „systembeding­ tes Eigeninteresse“ gibt. Teilweise verfolgen Individuen ihr Eigeninteresse auch mit List oder mit opportunistischem Verhalten, wenn sie dadurch ihren Nutzen mehren können. Wie schon zu Beginn dieses Abschnitts aufgezeigt wurde, kam es bereits früh zu Kritik an dem Verhaltensmodell des Homo oeconomicus. Diese Kritik kam sowohl von Ökonomen als auch von Vertretern anderer Disziplinen wie der Politikwissenschaft und der Soziologie. Bei der Kritik von Vertretern anderer Disziplinen besteht jedoch ebenfalls das Problem einer Reduktion der Erklärung menschlichen Verhaltens auf den Kontext der jeweiligen Disziplin. Daraus leitet sich das Problem der Beschrän­ kung menschlicher Handlungsmöglichkeiten und Freiheitsgrade ab. Der Mensch soll­ te daher besonders im Kontext nachhaltiger Entwicklung als handlungsoffenes We­ sen angesehen werden. Er sollte auf der Grundlage seiner Willensentscheidung sein Handeln aus sich heraus bestimmen. Werden Menschenbilder als Grundlage dieser Entscheidung herangezogen, erhalten sie auch neben der erklärenden eine normati­ ve, d. h. eine verhaltenslenkende Funktion (Siebenhüner 2013, S. 108). Die folgenden Ausführungen beschränken sich auf die Unvereinbarkeit des Verhaltensmodells des Homo oeconomicus mit dem Leitbild nachhaltiger Entwicklung. Hierzu stellen Ferra­ ro und Reid fest: Dissatisfaction with homo oeconomicus’ worldview has led to many critiques notably in debates related to sustainable development where there is a growing awareness of the negative implica­ tions of its philosophy, especially its ethos of self-interest, for the management and utilisation of natural resources. (Ferraro, Reid 2013, S. 127) Es stellt sich nun die Frage, worauf das Menschenbild nachhaltiger Entwicklung basiert. Manstetten und Faber stellen im Rahmen der Nachhaltigkeitsökonomie als Kernpunkt eine menschliche Motivationsstruktur heraus, die sich durch die Achtung vor den Inter

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